Im Wortlaut: Grütters

Rede von Kulturstaatsministerin Grütters zur Eröffnung der Ausstellung "Moderne Meister. ‚Entartete‘ Kunst im Kunstmuseum Bern"

Als Vorbild für den Umgang mit der Sammlungs- und Erwerbungsgeschichte würdigte Kulturstaatsministerin Grütters die Sonderschau "Moderne Meister. ‚Entartete‘ Kunst im Kunstmuseum Bern". Die Verantwortlichen bewiesen "Mut und Haltung". Erkenntnisse aus der Provenienzforschung offenzulegen, bleibe auch für die Deutsche Kulturpolitik eine Leitlinie.

Mittwoch, 6. April 2016 in Bern

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Anrede,

In einem kurzen, weniger bekannten Aufsatz setzt sich der Philosoph Walter Benjamin mit der Erwerbungsgeschichte einer Sammlung auseinander - seiner eigenen Büchersammlung, die er leidenschaftlich pflegte.

Laut Benjamin ist, ich zitiere, "eigentlich Erbschaft die triftigste Art und Weise zu einer Sammlung zu kommen". "Denn", so Benjamin weiter, "die Haltung des Sammlers seinen Besitztümern gegenüber stammt aus dem Gefühl der Verpflichtung des Besitzenden gegen seinen Besitz. Sie ist also im höchsten Sinne die Haltung des Erben. Den vornehmsten Titel einer Sammlung wird darum immer ihre Vererbbarkeit bilden." [Quelle: Walter Benjamin, "Ich packe meine Bibliothek aus"]

Diese Haltung dem eigenen Besitz gegenüber ist es, die in der Maxime "Eigentum verpflichtet" im deutschen Grundgesetz anklingt. Wir erwarten sie aber - zu Recht - nicht nur dort, wo es um Eigentum geht - sondern auch dort, wo ererbter Besitz zu Fragen Anlass gibt.

Deshalb freue ich mich, dass Sie, lieber Herr Bucher, mit der Ausstellung, die Sie heute eröffnen, einen ungewöhnlichen Weg gehen - dass Sie Haltung zeigen in einer unbequemen Frage: Woher stammen die modernen Gemälde und Kunstwerke, die zwischen 1937 und 1945 Teil der Sammlung des Kunstmuseums Bern geworden sind?

In der Sonderschau "Moderne Meister. ‚Entartete‘ Kunst im Kunstmuseum Bern" steht erstmals die Erwerbungsgeschichte Ihrer Sammlung Klassischer Moderne im Mittelpunkt, und bei der Vorbereitung der Ausstellung haben Sie wahrscheinlich erlebt, dass die Vererbbarkeit einer Sammlung eben nicht nur das - wie Walter Benjamin sagt - "Vornehmste" ist, sondern auch das Schwierigste sein kann. Denn Museumsdirektoren sind ja in gewisser Weise auch Erben: Sie können die Ankaufspolitik eines Hauses steuern. Geht es aber um den Werkbestand, der oft durch Schenkungen und Leihgaben über Jahrzehnte gewachsen ist, werden sie zu kunsthistorischen Nachlassverwaltern.

1. "Entartete Kunst"

Mit der Sammlungsgeschichte des Kunstmuseums Bern zwischen 1937 und 1945 ist ein besonders schändliches Kapitel der nationalsozialistischen Kunstpolitik verbunden - die so genannte Aktion "Entartete Kunst". Moderne Künstler, zumeist Expressionisten, wie Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee, Otto Dix oder Franz Marc, diskreditierten die Nazis als "krankhafte Phantasten" und "geisteskranke Nichtskönner".

Ihre Werke passten nicht zum Kunstverständnis der Nationalsozialisten, die avantgardistischen Ausdrucksformen konterkarierten das Schönheitsideal ihrer vermeintlich "heilen Welt". Als "entartet" und "jüdisch zersetzt" diffamiert, wurden die Werke aus staatlichen Museen und Sammlungen entfernt, eingelagert oder verbrannt.

650 der rund 16.000 beschlagnahmten Kunstwerke gaben die Nazis in der Schandausstellung „Entartete Kunst“ dem Gespött und der Verleumdung preis - 1937 erst in München, später in zwölf weiteren Städten. Gleichzeitig wurde die als "verwertbar", das heißt als devisenbringend absetzbar, eigenstuften Gemälde zum Verkauf an vier Kunsthändler übergeben. Die spektakulärste Auktion fand 1939 unter dem Titel "Moderne Gemälde aus Deutschen Museen" in der Galerie Fischer in Luzern statt. Dass einer der vier Kunsthändler der Nazis Hilderbrand Gurlitt war, dessen Sohn Cornelius 2014 verstarb und ausgerechnet ein Schweizer Museum - nämlich das Kunstmuseum Bern - als Erben seiner Sammlung eingesetzt hat, ist eine der so oft ungewöhnlichen Wendungen unserer Geschichte: Für Deutschland jedenfalls ist mit der Sammlung Gurlitt, die 2013 als sogenannter "Schwabinger Kunstfund" weltweit bekannt geworden ist, jedenfalls eine ungeheure historische Verantwortung und Verpflichtung verbunden.

2. KMB als Vorbild für den Umgang mit der eigenen Sammlungsgeschichte

Die Folgen der sogenannten "Entsammlung" im Rahmen der Aktion "Entartete Kunst" spüren wir noch immer: Viele der betroffenen Kunstwerke sind auch heute nicht dort, wo sie einst von den Nationalsozialisten - nicht selten übrigens unter bereitwilliger Mithilfe einiger der damaligen Museumsdirektoren - entfernt wurden. Und dann der "Fall Gurlitt" - er hat die Museumswelt einmal mehr aufgerüttelt:

Spätestens seit Bekanntwerden dieses Falles werden Museen und öffentliche Sammlungen nicht mehr nur an ihrer Ankaufs- und Ausstellungspolitik gemessen, sondern vor allem daran, wie sie mit ihrer Geschichte und mit der ihrer Sammlungen umgehen. Man könnte es auch mit den Worten Walter Benjamins sagen: Die heutige Auseinandersetzung mit der Sammlungsgeschichte unserer Museen ist eine Frage der Haltung denjenigen gegenüber, die als Künstlerinnen und Künstler, aber auch als Kunstsammler und Eigentümer Opfer der nationalsozialistischen Kunstpolitik der nationalsozialistischen Verfolgung und Barbarei geworden sind.

Das Kapitel "Entartete Kunst" aufzuschlagen, ist schmerzhaft. Denn die Verhöhnung der Kunstwerke steht stellvertretend für die Verletzung der Persönlichkeiten der Künstlerinnen und Künstler - und für die Verletzung der Menschen, ja, der Menschlichkeit. Die Initiative für die Ausstellung "Moderne Meister. ‚Entartete‘ Kunst im Kunstmuseum Bern" beweist Mut und Haltung der Verantwortlichen; sie verdient daher Aufmerksamkeit und Anerkennung. Sie ist ein Vorbild für den Umgang mit der Sammlungs- und Erwerbungsgeschichte.

3. Aufarbeitung des Gurlitt-Nachlasses in Deutschland

Die Haltung, auch schmerzliche Erkenntnisse der Provenienzforschung offenzulegen, transparent zu machen, ist und bleibt eine Leitlinie der Kulturpolitik der Bundesrepublik Deutschland. Es ist unerträglich zu wissen - oder zumindest nicht ausschließen zu können -, dass auch heute noch Kunstwerke in deutschen Museen lagern, die ihren rechtmäßigen Eigentümern geraubt wurden. Nach Bekanntwerden des "Schwabinger Kunstfundes" habe ich daher alle Bundesmuseen aufgefordert, in ihren jährlichen Museumsberichten Rechenschaft über den Stand ihrer Provenienzrecherche abzulegen.

Darüber hinaus finanziert mein Haus die weitere Erforschung der Werke aus dem Gurlitt-Konvolut, bei denen ein NS-Raubkunstverdacht bisher nicht ausgeschlossen werden konnte. Diese wurden und werden auf der Lost Art-Datenbank zugänglich gemacht, ebenso wie die Erkenntnisse der Provenienzforschung sowie andere wichtige Dokumente, wie etwa die Geschäftsbücher Gurlitts, soweit sie verfügbar sind.

Für den kommenden Winter ist eine Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn geplant, die Kunstwerke zeigen wird, bei denen nicht auszuschließen ist, dass es sich um NS-Raubkunst handeln könnte. Die Ausstellung soll an die Opfer erinnern, den Berechtigten die Möglichkeit geben, ihre Ansprüche geltend zu machen, aber auch die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren. Die Präsentation der Gurlitt-Werke steht natürlich unter dem Vorbehalt, dass bis dahin der Rechtsstreit über das Erbe entschieden ist.

Ich bin dem Kunstmuseum Bern dankbar, dass parallel zu der Schau in Bonn hier Werke des Nachlasses von Cornelius Gurlitt ohne Raubkunstverdacht gezeigt werden, insbesondere gerade solche, die zur „entarteten“ Kunst zählen. Es freut mich sehr, dass deutsche und schweizerische Museumsfachleute bei der Vorbereitung der Ausstellungen eng und gut zusammenarbeiten, nicht zuletzt bei der Konzeption eines gemeinsamen Ausstellungskatalogs. 

4. Dauerhafte Verantwortung für die Biografien der Opfer

Es ist eine Frage der Haltung - um noch einmal auf das Eingangszitat von Walter Benjamin zurückzukommen -, wie wir als Erben - als Kulturpolitiker, als Museumsdirektoren, als Kuratoren - mit den von den Nationalsozialisten geraubten und verfemten Kunstwerken umgehen.

Dabei geht es nicht nur um ein politisches Bewusstsein vom Missbrauch der Kunst durch die Indienstnahme für politische Zwecke, vom Missbrauch avantgardistischer Meisterwerke für Ideologie und Propaganda. Es geht bei Raubkunst vor allem auch um die Anerkennung der Opferbiografien. Hinter all diesen Werken steht ein individuelles Schicksal - stehen Menschen, denen unendliches Leid widerfahren ist. Diesen menschlichen Schicksalen müssen wir nicht nur rechtlich, sondern in erster Linie moralisch gerecht werden.

Bern und Bonn, die Schweiz und Deutschland haben eine je eigene Geschichte und werden ihren je eigenen Weg im Umgang mit den Folgen der NS-Kunstpolitik weitergehen und finden. Dass das schweizerische Bundesamt für Kultur seit diesem Jahr Museen und Sammlungen bei der Provenienzforschung unterstützt - und zwar bis 2020 mit insgesamt zwei Millionen Franken -, das ist sehr erfreulich. Es ist ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung des Leids und das Unrechts, dem Verfolgte des NS-Regimes und insbesondere Menschen jüdischen Glaubens unter der nationalsozialistischen Terrorherrschaft ausgesetzt waren.

In vielen Museumssammlungen sind Fragen aufbewahrt - es ist unsere Pflicht, sie zu stellen und nach Antworten zu suchen. Die hemmungslose "Aktion Entartete Kunst" der Nazis sollte uns eine immerwährende Mahnung sein.

Deshalb, meine Damen und Herren, wünsche ich dieser Ausstellung viel öffentliche Aufmerksamkeit - auf dass jenes "Gefühl der Verpflichtung des Besitzenden gegen seinen Besitz", das Walter Benjamin so eindringlich beschrieben hat, zu unser aller Haltung wird.

Beitrag teilen