Rede der Kulturstaatsministerin zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse 2020

Eine Buchmesse im Risikogebiet, ohne Messestände und Gastlandauftritt, ohne Empfänge und Gedränge, die wenigen Besucherinnen und Besucher mit Mundschutz und auf Abstand, so wie hier, in den dünn besetzten Reihen der Festhalle Frankfurt: Bis vor kurzem noch hätte man ein solches Szenario wohl am ehesten in einem Roman Margaret Atwoods, der Meisterin der Dystopie, verortet. Als literarischer Weltstar aus dem Gastland Kanada wird sie hier in Frankfurt, wo sie vor drei Jahren mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, immerhin digital dabei sein.

Sie und Ihr Team, lieber Herr Boos, haben aus der Not eine Tugend gemacht und innovative Konzepte entwickelt, die es Verlagen erlauben, sich mit ihrem Programm und ihren Autorinnen und Autoren auf virtuellen Bühnen im Netz zu präsentieren. Für das Engagement, für die Beharrlichkeit und die Nervenstärke, die es braucht, um eine pandemiebedingte Sonderausgabe der Buchmesse zu einem virtuellen Fest der Vielfalt zu machen und damit Signale der Hoffnung und des Aufbruchs in die literarische Welt zu senden, danke ich Ihnen herzlich. Es freut mich sehr, dass wir Sie dabei mit Fördermitteln aus dem Bundeskulturetat unterstützen konnten.

„Singular Plurality“ – Einzigartige Vielfalt: Mit diesem Motto ist nicht nur beschrieben, wofür das multikulturelle und mehrsprachige Gastland Kanada weltweit bewundert wird. Einzigartige Vielfalt: Dafür steht auch die Literatur, die so facettenreich und vielschichtig wie keine andere Kunstform die Vielfalt des Menschlichen ergründet. Sie ist damit eine Quelle für Verständnis und Mitgefühl und als solche bitter notwendig in einer Welt, in der Unterschiede, Ambivalenzen, Mehrdeutigkeiten – kurz: die gesellschaftliche Realität des Pluralismus – vielerorts auf Abwehr stoßen; in einer Welt, in der die Sehnsucht nach Eindeutigkeit Ideologen und Autokraten Zulauf beschert.

„Einem Großteil der aktuellen politischen Debatten liegt ein Denken zugrunde, das Menschen in bestimmte Kategorien einordnet. Als wüsste man über das Leben eines Menschen Bescheid, wenn man es von außen betrachtet.“ So hat es Margaret Atwood in einem geistreichen Gespräch formuliert, das 2019 mit dem Titel „Aus dem Wald hinausfinden“ als Buch erschienen ist. Menschen mit Einwanderungsgeschichte oder dunkler Hautfarbe können davon ein trauriges Lied singen, aber auch Angehörige bestimmter Berufsgruppen kennen die verurteilende Einordnung in Kategorien, man denke nur an die diffamierende Parole ALL COPS ARE BASTARDS. „Die Weigerung“ – ich zitiere Margaret Atwood weiter – „die Weigerung, das Individuum anzusehen, ist eigentlich die Weigerung, an das Individuum zu glauben. Man kann aber nicht Schriftsteller sein, ohne zu glauben, dass es Individuen gibt.“

Ja, Schriftstellerinnen und Schriftsteller halten den Glauben an das Individuum hoch. Sie zeigen den einzelnen Menschen mit seiner einzigartigen Geschichte. Sie machen verständlich, warum Menschen tun, was sie tun: warum sie denken, fühlen, lieben, glauben und handeln, wie sie es tun. Sie ermöglichen eine Annäherung an das Fremde, an das Unverständliche – im eigenen Leben und im Leben anderer. Lesen bewahrt deshalb vor der Enge des Denkens und Wahrnehmens und davor, die eigene Weltsicht für das Maß aller Dinge zu halten. Lesen schützt vor Dogmatismus und Fanatismus und damit vor jenen demokratiezersetzenden Giften, die der Spaltung und Zersplitterung pluralistischer Gesellschaften Vorschub leisten. Nicht zuletzt aus diesem Grund bin ich froh, dass wir im Rahmen des Corona-Konjunkturprogramms NEUSTART KULTUR erhebliche Fördermittel auch für Autorinnen und Autoren, Übersetzerinnen und Übersetzer, Verlage und Veranstalter zur Verfügung stellen konnten. Für die gute Zusammenarbeit danke ich dem Börsenverein, aber auch dem Deutschen Literaturfonds und dem Deutschen Übersetzerfonds sehr herzlich.

Immer wieder allerdings gerät auch die Literatur, gerät auch die Kunst zwischen die Fronten, wo einzelne gesellschaftliche Gruppen mit kompromissloser Selbstgerechtigkeit um Deutungshoheit ringen und ihr Terrain für sakrosankt erklären. Mich beunruhigt das. Denn die Freiheit des Wortes, die Freiheit der Kunst gerät in Gefahr, wenn aus politischen oder moralischen Gründen die Ächtung einzelner Künstlerinnen und Künstler und ihrer Werke gefordert wird, wenn Bücher gereinigt werden sollen von Begriffen, die – aus heutiger Sicht! – angeblich diskriminierend sind, wenn einzelne sich zu Richtern darüber aufschwingen, wer über welche Themen schreiben darf und wer nicht oder wenn Kunstwerke unter Verweis auf ihr Kränkungspotential aus dem öffentlichen Raum verbannt werden. Es gehört zum Wesen eines Kunstwerks, dass es verschiedene Interpretationen zulässt – und die Mehrdeutigkeit poetischer Sprache ist genau das, was ein Gedicht von einer amtlichen Verlautbarung unterscheidet. Dafür muss Raum sein in einer demokratischen Gesellschaft. Eine Kunst, die sich festlegen ließe auf die Grenzen des politisch Wünschenswerten, eine Kunst, die das überall lauernde Risiko verletzter Gefühle scheute, die den Absolutheitsanspruch weltanschaulich begründeter Wahrheiten respektierte, die gar einer bestimmten Moral oder Weltanschauung diente - eine solchermaßen begrenzte oder domestizierte Kunst würde sich nicht nur ihrer Möglichkeiten, sondern auch ihres Wertes berauben.

Was es heißt, als Künstlerin, als Künstler mundtot gemacht zu werden, hat kürzlich (in der FAZ) anlässlich des 30. Jahrestages der deutschen Wiedervereinigung die Schriftstellerin Ines Geipel beschrieben, die das „Archiv der unterdrückten Literatur in der DDR“ mit aufgebaut hat. „Es gab“, schreibt sie über DDR-Autorinnen und-Autoren, „kein Dazwischen, nur die Dauerangst, mit seinen Worten entdeckt zu werden. Eine Angst, die auf die Angst der Mächtigen traf, einen Text nicht dingfest machen zu können, nicht früh genug zugegriffen zu haben, das delinquierte Wort nicht erledigt zu haben.“ Dass in diesem Jahr zwei ostdeutsche Autorinnen mit den beiden wichtigsten Preise für deutschsprachige Literatur ausgezeichnet werden – Elke Erb mit dem Büchner-Preis und Helga Schubert mit dem Bachmann-Preis – ist sicherlich eine späte Genugtuung für alle, die einst unter der „Dauerangst“ gelitten haben, mit ihren Worten „entdeckt zu werden“. Doch aus diesen Erfahrungen Lehren zu ziehen, ist Aufgabe aller Demokratinnen und Demokraten: Wo Texte „dingfest“ gemacht werden statt sie mit Argumenten zu kritisieren, wo das delinquierte Wort „erledigt“ wird statt ihm Widerworte entgegen zu setzen, verdienen Autorinnen und Autoren Rückendeckung – ganz nach dem Voltaire zugeschriebenen Bekenntnis: „Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.“

Vielfalt ist mehr als der schmale Bereich der Abweichung in einem selbst definierten Radius um den eigenen Standpunkt. Vielfalt wertzuschätzen heißt, im Rahmen geltender Gesetze die Spannungen auszuhalten zwischen der Freiheit des Wortes, der Freiheit der Kunst einerseits und den damit möglicherweise verbundenen, persönlichen Kränkungen andererseits – im Bewusstsein, dass Kränkungen und Missverständnisse, Unklarheiten und Mehrdeutigkeiten der Preis für die Freiheit der Kunst und die Freiheit des Wortes (und damit auch für eine demokratische Debattenkultur) sind.

Wie bereichernd und inspirierend es sein kann, der Vielfalt Raum zu geben, zeigt einmal mehr auch in diesem Jahr die Frankfurter Buchmesse. Bücher eröffnen Welten - und das Reisen in den unendlichen Weiten der Literatur unterliegt garantiert keinen Reisebeschränkungen und Quarantäneregelungen.  Ich wünsche der digitalen Ausgabe viel Erfolg und Resonanz und freue mich schon jetzt darauf, die literarische Vielfalt des Bücherherbstes im nächsten Jahr wieder mit allem zu erleben, was dazu gehört: mit Messeständen und Gastland-Pavillon, mit Empfängen und Gedränge, mit Lesungen und Diskussionen live vor großem Publikum! In diesem Sinne: Bleiben Sie gesund - und zuversichtlich!

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