Rede von Kulturstaatsministerin Roth zur Eröffnung der 73. Berlinale

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Rede von Kulturstaatsministerin Roth zur Eröffnung der 73. Berlinale

Die Kulturstaatsministerin dankte in ihrer Eröffnungsrede zunächst dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskij, der sich unmittelbar vor ihr per Live-Schalte aus Kiew an das Publikum gewandt hatte. Es sei eine dunkle Zeit, in der das diesjährige Festival starte, sagte Roth und betonte dabei zugleich die zentrale Bedeutung der Filmkunst. „Wer Filme dreht und zeigt in finsteren Zeiten, der widersteht der Unfreiheit“, so Roth.  

Donnerstag, 16. Februar 2023

- Es gilt das gesprochene Wort –

Ich danke Ihnen, Herr Präsident, für Ihre Worte. Dürfte ich einen Preis vergeben, er wäre für die Menschen in der Ukraine, für alle, die heute Abend nicht über rote Teppiche laufen, die nicht im Scheinwerferlicht stehen, sondern in Kellern, in Metro-Stationen oder an der Front ausharren, die den russischen Angriffen standhalten müssen und der Angst um ihre Nächsten, um ihre Ehemänner, Ehefrauen, Mütter, Väter, Brüder und Schwestern. Wir sind mit unseren Herzen bei Ihnen.

Wir sind mit unseren Herzen bei den Frauen im Iran und Afghanistan. Wir sind bei ihnen und bei den Männern, die sie unterstützen, in ihrem Kampf um Freiheit; bei den Frauen, die ihr Leben zurückwollen, ein freies und selbstbestimmtes Leben, keine von der Sittenpolizei gegängelte Existenz. Unsere Herzen sind bei den Filmschaffenden im Iran, bei Mohammed Rassoulof, bei Jafar Panahi und den vielen vielen anderen.

Aber unsere Herzen sind heute auch bei den Opfern des furchtbaren Erdbebens in der Türkei und Syrien, bei den Opfern einer Katastrophe, die keine ist, die wir von einem fernen Ufer aus beobachten. Ihr Schmerz trifft uns hier, Ihre Trauer ist mitten unter uns. Sie trifft uns ins Herz. Ich danke allen, die sich aufgemacht haben zu helfen, da wo jede Hilfe überlebensnotwendig ist.

Es ist eine dunkle Zeit, in der wir diese 73. Berlinale eröffnen. Kann man in einer solchen Zeit überhaupt ein Filmfestival, kann man den Film feiern? Darf man es?

Bertolt Brecht fragt:

„In den finsteren Zeiten
Wird da auch gesungen werden?,
Und antwortete, ja.
Da wird auch gesungen werden.
Von den finsteren Zeiten.“

Ich bin mir sicher, wer von finsteren Zeiten singt, singt auch von der Hoffnung für die Menschen in der Türkei und Syrien, der Hoffnung von Millionen Ukrainerinnen und Ukrainern, von Iranerinnen und Iranern, Afghaninnen und Afghanen. Denn die Hoffnung kämpft immer an der Seite der Freiheit – in der Ukraine ebenso wie im Iran und in Afghanistan.

Wer in finsteren Zeiten singt, der singt auch vom Licht, von der Hoffnung auf Befreiung. Und wer Filme dreht und zeigt in finsteren Zeiten, der widersteht der Unfreiheit. Diesen Film, der uns über Grenzen hinweg miteinander verbindet, unmittelbarer und direkter als jede andere Kunstform. Wir wollen ihn feiern!

Deshalb:

Mesdames et Messieurs,
Ladies and Gentlemen,
Meine Damen und Herren,
Liebe Freundinnen und Freunde
Dear friends!
Chers Amis!
Bienvenue à Berlin!
Welcome to Berlin!

Willkommen in Berlin, willkommen zur 73. Berlinale. Und willkommen zu einem Festival, das immer auch ein politisches Festival war. Dazu haben der Ort der Berlinale ebenso wie ihr Charakter beigetragen: Sie ist ein Publikumsfestival. Sie sorgt dafür, dass Kunst und Politik einander nicht im Weg stehen, sich aber auch nicht aus den Augen verlieren.

Die Berlinale hat in dunklen und in hellen Zeiten die künstlerische und die politische Kraft des Films gefeiert. Die Kultur der Demokratie, die Kultur der Vielfalt und Verständigung.

Der Film braucht das Licht, wie wir es brauchen. Der Film weitet unseren Blick in die Welt und er lässt sie uns vor der eigenen Haustür erleben. Er kennt mehr Perspektiven auf die Dinge, die uns bewegen, als wir erahnen könnten. Er kennt alle Schattierungen. Er lehrt uns sehen, erfahren und verstehen.

Nutzen wir diese zehn Tage genau dafür. Lassen Sie uns Zeichen setzen für den Film und mit dem Film. Lassen Sie uns Licht ins Dunkel bringen und Hoffnung. Genießen wir das Kino, das immer alles von uns will, Tränen und Trauer, Freude und Lebenslust. Genießen wir die Tage dieser 73. Berlinale! Und lassen wir sie strahlen. Erstrahlen!