Meeresforschung

Quallen als Nahrungsmittel und Biofilter

Servieren Europas Spitzenrestaurants künftig Quallen à la carte? Und können Quallen die Meere und Ozeane vom Mikroplastik befreien? Das untersucht ein europäisches Forscherteam unter Leitung des GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel.

Quallenschleim als Mikroplastikfilter. Quallenforschung. Quallen

Dr. Jamileh Javidpour von GEOMAR koordiniert das Projekt zur Nutzung von Quallenblüten

Foto: Jan Steffen/GEOMAR

Quallen sind glibberig, lästige Begleiter beim Schwimmen im Meer und Feuerquallen können sogar sehr schmerzhaft sein. Immer häufiger treten sie in riesigen Schwärmen auf. Steigende Wassertemperaturen, Ozeanversauerung und Überfischung scheinen die Entwicklung von Quallen zu begünstigen. So haben Quallen schon ganze Fischfarmen an europäischen Küsten vernichtet und Kühlsysteme von küstennahen Kraftwerken verstopft.

Alleine die eingeschleppte amerikanische Rippenqualle kommt in europäischen Gewässern auf eine Biomasse von einer Milliarde Tonnen. "Wir neigen dazu, die Quallen so weit wie möglich zu ignorieren. Doch es muss andere Lösungen geben", sagt Jamileh Javidpour vom GEOMAR, Initiatorin und Koordinatorin von GoJelly.

Das Projekt GoJelly erforscht, wie man die Organismen zukünftig sinnvoll nutzen kann. Geleitet wird es vom GEOMAR-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Die Europäischen Union fördert das Projekt im Rahmenprogramm Horizont 2020 mit sechs Millionen Euro über einen Zeitraum von vier Jahren. In dem internationalen Projekt arbeiten Forscherinnen und Forscher aus Deutschland, Norwegen, Portugal, Slowenien, Israel, Italien, Frankreich und China zusammen. Die Bundesregierung unterstützt das GEOMAR mit der institutionellen Förderung.

Die Biologin Jamileh Javidpour ist fasziniert von den Tieren: "Quallen sind sehr anpassungsfähig, es gab sie schon vor den Dinosauriern." Die Forscherin ist überzeugt: "Quallen sind ein wertvoller Rohstoff."

Quallen als Proteinquelle

Zum Glück sind auch die bei uns heimischen Quallenarten essbar. Javidpour findet, dass die leicht salzigen Tiere gar nicht mal so schlecht schmeckten. "Auf die richtige Zubereitung kommt es an", sagt Schmidt. "Man kann Quallen kochen, frittieren oder auch entwässern und in Form von knusprigen Quallenchips essen", ergänzt Javidpour. "Wir werden in nicht allzu ferner Zukunft neun Milliarden Menschen sein. Deshalb müssen wir uns nach neuen Nahrungsmitteln umsehen."

Quallen als Nahrungsmittel der Zukunft

Javidpour und ihre Kolleginnen und Kollegen haben die Vision, dass Quallen uns schon bald als Nahrungsmittel dienen könnten. "Quallen sind schon jetzt fester Bestandteil der ostasiatischen Küche. Wir erforschen nun, wie wir Quallen auch den Menschen in Europa schmackhaft machen können."

Dafür arbeiten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit einem italienischen Sternekoch zusammen, der ein Kochbuch mit Quallenrezepten schreibt. "Ich kann mir gut vorstellen, dass Quallensalat und Quallen-Sushi schon bald auf der Karte von europäischen Gourmetrestaurants auftauchen", sagt Javidpour.

Quallenschleim als Biofilter

Noch spannender ist eine andere potentielle Nutzung der Tiere: Als Filter für Mikroplastik. "Erste Studien haben gezeigt, dass der Schleim von Quallen Mikroplastik bindet", so die Ozeanforscherin. "Wir wollen ausprobieren, ob man den Quallenschleim als Biofilter verwenden kann, der in Klärwerken eingesetzt wird.

So könnte der Eintrag von Mikroplastik ins Meer verringert werden. Denn etwa 20 Prozent des Mikroplastiks im Meer stammt aus Klärwerken und Flüssen. "Wenn wir mit Quallenschleim verhindern können, dass diese 20 Prozent ins Meer gelangen, wäre das ein großartiger Erfolg."

Bei der Ernte des Quallenschleims arbeiten die Forscherinnen und Forscher mit Fischern zusammen. Diese sammeln den Schleim und bringen die Quallenkörper ins Labor. "Wir erforschen nämlich noch weitere Nutzungsmöglichkeiten, zum Beispiel, ob sich Quallen als Futter für Zuchtfische eignen und ob hautstraffendes Quallen-Kollagen eine Zutat für Anti-Aging-Cremes sein könnte", erläutert Javidpour.

Quallenprodukte spielerisch kennenlernen

Der Sozial-Ökologe Jörn Schmidt hält Kosmetika aus Quallen-Kollagen für das ökonomisch erfolgversprechendste Produkt. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen von der Universität Kiel entwickelt er ein Online-Spiel, das die verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten von Quallen abbildet.

"Uns geht es zwar in erster Linie darum, dass unser Spiel Spaß macht", so der wissenschaftliche Spieleentwickler. "Aber ich bin auch davon überzeugt, dass sich Spiele sehr gut dazu eignen, Informationen über die Produkte, die aus Quallen entstehen, zu transportieren."

Mehr Quallen in Nord- und Ostsee

Das Spiel informiert auch über die Lebensweise von Quallen und über die Auswirkungen des Klimawandels: Während andere Meeresbewohner unter steigenden Wassertemperaturen und Ozeanversauerung leiden, profitieren Quallen vom Klimawandel. Auch die Überfischung begünstigt Quallen, weil sie weniger Fressfeinde haben. "In der Nord- und Ostsee wird es in Zukunft mehr Quallen geben", prognostiziert Javidpour.

Über die Gefahr, die Mikroplastik für unsere Meere und Ozeane bedeutet, informiert die vom Bundesforschungsministerium geförderte Wanderausstellung "Ocean Plastics Lab".

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