"Die Gesellschaft hat begriffen, wie wichtig das Thema Pflege ist"

Interview mit dem Pflegebevollmächtigten "Die Gesellschaft hat begriffen, wie wichtig das Thema Pflege ist"

Bis 2030 könnten rund 500.000 weitere Pflegekräfte benötigt werden. Die Bundesregierung reagiert darauf mit einer Reihe von Maßnahmen. Welche Rolle Digitalisierung dabei spielt und was es mit dem Kopiloten für Pflegebedürftige auf sich hat, erklärt der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, im Gespräch.

Der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung Andreas Westerfellhaus

Andreas Westerfellhaus ist seit April 2018 Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung.

Foto: Kai Abresch Photography

Herr Westerfellhaus, Sie sind seit April 2018 Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung. Was sind Ihre Aufgaben in diesem Amt?

Westerfellhaus: Als Pflegebevollmächtigter trete ich für die Interessen der Pflegebedürftigen im politischen Raum ein. Ich setze mich dafür ein, dass ihre Belange im Mittelpunkt des Pflege- und Gesundheitssystems stehen. Dazu mache ich eigene Vorschläge, wie das System weiterentwickelt werden kann. Und natürlich beteiligen mich auch die Bundesministerien und -behörden bei ihren Vorhaben, wenn die einen Pflegebezug haben.

Es geht mir einerseits darum, in allen Sektoren eine sichere, qualifizierte und vor allem selbstbestimmte Versorgung der Menschen - Pflegebedürftigen, Patienten - und eine wirksame Unterstützung von pflegenden Angehörigen sicherzustellen. Dazu gibt es eine Menge von Instrumenten, aber auch von Vorschlägen. Ich habe zum Beispiel gerade ein Diskussionspapier zum Entlastungsbudget vorgelegt.

Neben Anliegen von Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen geht es mir andererseits aber natürlich auch um Fragen rund um die Berufe in der Pflege.

Mit welchen Anliegen wenden sich Menschen an Sie?

Westerfellhaus: Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen geht es vor allem darum, wie sie Zugang zur Beratung bekommen sowie Zugang zu den Leistungen, die sie benötigen. Es ist in der Regel jedoch nicht so, dass sich Menschen mit konkreten Anliegen direkt an uns wenden, eher mit Kritik an einer Struktur, die es für sie schwierig macht, Leistungen zu erhalten, oder einen Bedarf zu decken. Der Berufsgruppe Pflege geht es oft darum, auch zu Zeiten eines Fachkräftemangels gute Arbeit zu leisten, die Pflegebedürftigen und Patienten also ausreichend unterstützen zu können.

Und wo melden sich die Menschen mit den konkreten Anliegen?

Westerfellhaus: Dafür gibt es sowohl Pflegestützpunkte als auch die Beratungsangebote der Krankenkassen und der Pflegekassen. Mitarbeiter dort beraten und informieren die Versicherten und kommen dafür zum Teil auch zu ihnen nach Hause. Zudem bieten sie auch Kurse an, in denen es Informationen für Pflegebedürftige und Angehörige gibt. Und daneben gibt es natürlich auch einen großen Bereich von professionellen und ehrenamtlichen Beratungsstrukturen.

Was sind das für Anliegen, um die es dann geht?

Westerfellhaus: Es hängt von der Situation ab, die natürlich individuell ist. Es geht von Fragen der Finanzierung - warum muss ich so viel eigenen Anteil hinzubezahlen - bis zu der Problematik, warum finde ich keinen ambulanten Pflegedienst, der mir die Pflege sicherstellt, warum kriege ich keinen Kurzzeit-Pflegeplatz für einen Angehörigen, warum finde ich nicht genügend Angebote, auch in der Versorgung der häuslichen Pflege.

Damit spreche ich den Fachkräftemangel an. Denn viele Häuser oder Organisationen sehen sich nicht mehr in der Lage, ihre Angebote aufrecht zu erhalten oder gar auszudehnen.

Der Fachkräftemangel ist aktuell in der Pflege ein großes Thema. Wie wird sich der Bedarf an Pflegekräften entwickeln?

Westerfellhaus: Es heißt, 2030 werden in Deutschland 500.000 zusätzliche Pflegefachkräfte benötigt. Demnach müsste jeder dritte Schulabgänger eigentlich einen pflegerischen Beruf ergreifen, um die Versorgung sicherzustellen.

Aber ich halte nicht viel von diesen Zahlenspielen. Man kann dies nicht allein an der Anzahl der Köpfe festmachen, wir müssen auch die Arbeits- und Versorgungsstrukturen angehen, vor allem das Thema interprofessionelle Zusammenarbeit. Wir müssen schauen, welche Kompetenzen und welche Gesundheitsfachberufe wir eigentlich haben, die miteinander verschränkt zusammenarbeiten können - Ärzte, Pflegende, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten und alle anderen Gesundheitsfachberufe.

Und was wird derzeit dafür getan, um mehr Menschen für Berufe in der Pflege zu gewinnen?

Westerfellhaus: Um Berufe der Pflegebranche zu bewerben, wurde im Rahmen der Konzertierten Aktion Pflege eine Kampagne mit dem Hashtag Pflege gestartet. Ziel ist, denjenigen, die jetzt an den Schulen sind, die Karrieremöglichkeiten in der Pflege vorzustellen, die Möglichkeit zu schaffen, sich mit dem Berufsfeld auseinanderzusetzen und zu überlegen, ob eine Ausbildung oder ein Studium in der Pflege eine Alternative sein kann.

Außerdem wird überlegt, wie man Ausbildung inhaltlich attraktiver und moderner machen kann, auch mit der Integration neuer Lernmöglichkeiten, zum Beispiel mit dem E-Learning, mit der Digitalisierung der Ausbildung.

Ein anderer Aspekt ist, inwieweit die Digitalisierung und die Robotik die Pflege entlasten können. Denn viele, die pflegebedürftig sind, wollen so lange wie möglich zu Hause bleiben. Da gibt es bereits vielfältige und innovative Maßnahmen.

Neben dem Neugewinnen haben Sie kürzlich auch vom Rückgewinnen ehemaliger Pflegekräfte gesprochen. Wie kann das funktionieren?

Westerfellhaus: Es ist nicht der Beruf, der unattraktiv ist, sondern es sind die Rahmenbedingungen; wenn ich keine verlässlichen Arbeitszeiten habe, keine verlässlichen Wochenenden, nicht meine Freizeit planen kann oder den Urlaub. Laut der Pflege-Comeback-Studie von 2018 sind 48 Prozent der Berufsaussteiger - hinter denen sich 120.000 bis 200.000 ausgebildete Fachkräfte verbergen - bereit, in den Beruf zurückzukehren, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern. Ich setze sehr darauf. Diese Chance, ausgebildete Pflegekräfte zurückzugewinnen, hat für mich oberste Priorität.

Wie man die Rahmenbedingungen durch Modelle verändern kann, auch damit befassen wir uns innerhalb der Konzertierten Aktion Pflege. Dazu habe ich eigene Vorschläge eingebracht: Zum Beispiel eine 35 Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich oder ein Modell, drei Tage arbeiten, drei Tage frei, auszuprobieren.

Zudem brauchen wir eine Berufsautonomie in den Berufsgruppen, die bislang keine haben. Pflegefachkräfte sind hoch qualifiziert. Das ist mehr als reine Assistenz des Arztes.

Spielt auch die Bezahlung bei dem Gewinn neuer Arbeitskräfte eine Rolle?

Westerfellhaus: Es gibt zurzeit einen großen Unterschied in der Entlohnung zwischen den Bereichen Krankenpflege und Altenpflege. Und wir haben auch große Unterschiede innerhalb der Bundesländer. Deshalb soll ein Arbeitgeberverband gegründet werden, der mit der Gewerkschaft einen flächendeckenden Tarifvertrag aushandelt. Sonst gibt es Menschen, die sagen, ich liebe zwar den Beruf, aber ich kann mir ein Leben in München oder anderswo als Pflegekraft nicht leisten.

Neben den Maßnahmen in Deutschland werden auch Fachkräfte aus dem Ausland angeworben. Was wird dafür getan?

Westerfellhaus: Wir schauen, wie wir denjenigen, die aus internationalen Staaten zu uns kommen oder schon da sind und vielleicht bereits in einem anderen Land eine Ausbildung oder ein Studium im Bereich Pflege absolviert haben, den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt ermöglichen und die Verfahren um die Berufsanerkennung entbürokratisieren können. Es gibt in den 16 Bundesländern verschiedene Systeme. In einem Modellprojekt testet der Bund derzeit in drei Ländern, wie man Informationen für Berufseinsteiger aus anderen Staaten bündeln und Beratungen konzentrieren kann. Außerdem sollen mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz die nötigen Visavorgänge beschleunigt werden.

Wie sieht es aufseiten der Pflegebedürftigen aus - wird die Anzahl in Zukunft weiter steigen?

Westerfellhaus: Aktuell liegt die Zahl bei etwa vier Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland. Wir haben einen demografischen Wandel einer älter werdenden Gesellschaft. Das lässt den Rückschluss zu, dass wir auch mit mehr Pflegebedürftigkeit rechnen müssen. Doch die Entwicklung der Pflegebedürftigkeit hängt ja auch von anderen Faktoren ab. Zum Beispiel davon, wie sich Gesundheit und die Prävention entwickeln, wie Rehabilitationsmaßnahmen eingesetzt werden und ob wir Pflegebedürftigkeit im Alter weiter zurückdrängen können. Es ist ein Thema, das sich weiter entwickeln wird. Dennoch sind gut beraten, uns sowohl auf der finanziellen Seite als auch auf der Seite der personellen Ausstattung mit diesen Herausforderungen auseinanderzusetzen.

Ist die alternde Gesellschaft denn das Hauptkriterium bei der zunehmenden Zahl Pflegebedürftiger?

Westerfellhaus: Pflegebedürftigkeit hat nicht nur etwas mit dem Alter zu tun. Pflegebedarf kann zum Beispiel auch bei Frühgeborenen oder nach einem Unfall entstehen.

Wie schnell sich die Anforderungen im Gesundheitssystem in andere, unvermutete Richtungen entwickelt, merken wir gerade jetzt, wenn wir einen zunehmenden Grad an Erkrankungen haben - ob es eine Influenza ist, eine Grippe, oder eben wie jetzt das neuartige Coronavirus. Wir finden uns häufig auch in einer reaktiven Situation neben dem, was planbar ist. Das zeigt, wie wichtig es ist, sich präventiv mit einer Neuorientierung im Gesundheitswesen auseinanderzusetzten.

Sie sagten eingangs, dass Menschen, die sich an Sie wenden, die Strukturen kritisieren, um an Leistungen zu gelangen. Wie reagieren Sie darauf?

Westerfellhaus: Ich bin dafür dankbar. Denn aus dieser Kritik entstehen Ideen und Konzepte: Wie kann man solche Strukturen vereinfachen, entbürokratisieren und den Menschen leichter zugänglich machen. Daraus resultiert zum Beispiel auch meine Idee, den Menschen einen Kopiloten an die Seite zu stellen, wenn es um die Pflege geht - geboren aus der Idee der Unterstützung, die wir durch Hebammen kennen. Dies sollte jemand sein, der vor allem bei Eintritt der Pflegebedürftigkeit durch das komplizierte System leitet, lotst. Um das Wirrwarr um Leistungen aufzuheben, haben wir außerdem einen Vorschlag für das Entlastungsbudget vorgelegt.

Herr Westerfellhaus, Sie sind seit knapp zwei Jahren im Amt, was sehen Sie in dieser Zeit als den größten Erfolg?

Westerfellhaus: Ich bin froh, dass das Thema Pflege in dieser Form auf der politischen Agenda steht. Weil diese Gesellschaft begriffen hat, wie wichtig dieses Thema ist. Und damit ist auch der Gestaltungsspielraum, etwas zu entwickeln, so groß ist wie noch nie. Das bietet auch die Gelegenheit, Pflege und Pflegebedürftigkeit stärker im Alltag und in der Mitte der Gesellschaft zu verankern. Lebensqualität, eine würdevolle Pflege und die Aussicht, dass die Selbstbestimmung im Alter und bei Pflegebedürftigkeit erhalten bleibt, das sind Punkte, die den Menschen sehr, sehr wichtig sind und jetzt endlich diskutiert werden.

Was ist Ihr größtes Anliegen, das Sie gerne noch angehen möchten?

Westerfellhaus: Ein großes Anliegen habe ich im Bereich der Bildungsgesetze, was aber eben in der Verantwortung der Bundesländer liegt. Ich würde gern ein Bildungskonzept dahingehend erweitern, dass man eine einheitliche Pflegeassistentenqualifizierung in Form einer zweijährigen Qualifikation auf den Weg bringt. Da versuche ich gerade, Überzeugungsarbeit zu leisten und ich hoffe auch, dass das fruchtet. Mir ist zudem wichtig, dass die Profession Pflege der Politik einen Ansprechpartner bietet, der legitimiert ist. Ich glaube, wir brauchen auch eine Bundespflegekammer.

Andreas Westerfellhaus absolvierte in den 1970er Jahren die Ausbildung als Krankenpfleger. Er arbeitete zunächst auf einer Intensivstation und durchlief die Fachweiterbildung Intensivpflege und Anästhesie. In den 1980er Jahren studierte er Pädagogik für Gesundheitsberufe und wurde Lehrer in der Krankenpflegeausbildung. Er gründete und leitete eine Weiterbildungsstätte für Intensivpflege und Anästhesie. 1993 übernahm er die Schulleitung der Krankenpflegeschule der Westfälischen Kliniken in Gütersloh. 
Bei seinem weiteren beruflichen Werdegang ergänzte er seinen Einsatz in der Ausbildung mit betriebswirtschaftlichen Kenntnissen durch ein berufsbegleitendes Studium. Von 2000 bis März 2018 war er als Geschäftsführer der "Zentralen Akademie für Berufe im Gesundheitswesen GmbH" tätig. Andreas Westerfellhaus war von 2001 bis 2008 Vize-Präsident und von 2009-2017 Präsident des Deutschen Pflegerates.