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Interview

Perspektivwechsel: Flüchtlingsboote werden zu Taschen

Trotz größter Lebensgefahr flüchten noch immer Menschen in Schlauchbooten über das Mittelmeer. In der Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa wählen sie den Seeweg von Izmir in der Türkei zum griechischen Festland. Zwei junge Frauen gründeten - nach ihren Erfahrungen 2015 vor Ort auf der griechischen Insel Chios - ein integratives Designprojekt "mimycri". Migründerin Vera Günther berichtet, wie sie neue Blickwinkel schaffen wollen.

Mimycri-Gründerin Vera Günther in ihrer Werkstatt in Berlin-Neukölln.

Vera Günther stellt mit ihrem Team aus kaputten Schlauchbooten Taschen her.

Foto: Judith Affolter

Bei dem Projekt "mimycri" steht die Zusammenarbeit mit Menschen mit Fluchterfahrung auf Augenhöhe im Vordergrund. Daher entschieden sich die beiden Gründerinnen Vera Günther und Nora Azzaoui auch ganz bewusst dafür, "mimycri" nicht als Hilfs-, sondern als integratives Designprojekt zu bezeichnen.

Wie waren die Erfahrungen in Chios, Griechenland?

Vera Günther: Intensiv. Es gab sowohl sehr viele emotionale, schwierige Momente als auch sehr schöne Momente, in denen man sich vor allem einfach nur als Mensch fühlte. Es hat sich gut angefühlt, vor Ort zu sein und zu helfen. Auch wenn uns völlig klar war, dass wir zwar was tun, aber den großen Kontext nicht ändern konnten. Aber um überhaupt etwas gegen diese Hilflosigkeit zu tun, haben wir schon vor Ort Projekte gestartet.

Um Kleidung, die an den Stränden liegen blieb, zu waschen, haben wir Waschmaschinen gekauft. Danach war sie wieder zu verwerten. Aus diesem Gefühl heraus, dass man trotz widrigster Umstände, die Situation vor Ort verbessern kann, hat den Grundstein für unser Projekt "mimycri" gelegt.

Beim Projekt "mimycri " - der Begriff stammt aus der Biologie und bedeutet Nachahmung - entwerfen und schneidern Menschen mit Fluchterfahrung aus kaputten Schlauchbooten Taschen, die dann zum Verkauf angeboten werden. Bei den Booten handelt es sich um echte Flüchtlingsboote, die zur Überfahrt nach Griechenland verwendet wurden. Ziel ist es, einen Perspektivwechsel zu bewirken und auf Fluchtursachen und ihre Folgen aufmerksam zu machen. 

Wie fühlt es sich für Ihre Mitarbeiter mit Fluchtgeschichte an, aus ihren ehemaligen Fluchtmitteln Taschen herzustellen?

Vera Günther: Es ist zwar eine Form der Auseinandersetzung mit der eigenen Flucht, aber auch ein Bewusstwerden darüber, dass es sich nur um Material handelt. Es gibt aber auch Momente, in denen wir eine neue Kiste mit zerschnitten Schlauchbooten aufmachen und denken: "Wow, das ist das, womit wir arbeiten – Material mit Fluchtgeschichte."

Neben den beiden Gründerinnen arbeiten derzeit auch zwei Mitarbeiter mit Fluchterfahrung bei "mimycri": Abid Ali aus Pakistan und der Syrer Khaldoun Alhossain. Beide waren bereits in ihrem Heimatland als Schneider tätig und freuen sich, ihren erlernten Beruf in Deutschland fortführen zu können.

Die fertigen Taschen verkaufen Sie schließlich. Was passiert mit den Einnahmen Ihrer Non-Profit Organisation?

Vera Günther: Von den Einnahmen bezahlen wir hauptsächlich die Menschen, die die Taschen designen und fertigen. Ein Teil des Geldes geht zudem nach Griechenland, zu den Organisationen, mit denen wir dort zusammenarbeiten. Diese helfen Menschen mit Fluchterfahrung vor Ort, sammeln für uns die Schlauchboot-Überreste ein und schicken sie zu uns nach Deutschland.

Welche Veränderungen – auch im Denken der Menschen - wünschen Sie sich durch Ihr Projekt?

Vera Günther: Wir wollen nicht vorschreiben, was die Leute denken sollen. Wir haben auch das Gefühl, dass dieses Prinzip aufgeht. Wenn ich trotzdem einen Wunsch formulieren könnte, dann wäre es dieser, dass "mimycri" die Menschen dazu bringt, Dinge wirklich anders zu sehen. Man kann viele Veränderungen erzielen, einfach nur durch einen anderen Blickwinkel auf die Dinge. Wir hoffen, dass die Menschen einen "Aha"-Effekt haben und merken, die Leute, die bei uns ankommen, hatten auch Berufe in den Ländern, aus denen sie kommen, und man kann mit ihnen genauso gut arbeiten.

Wir wissen, dass "mimycri" nicht alles lösen kann, aber wir haben viel Feedback von Menschen bekommen, die es total motiviert hat, selber etwas zu tun. Wenn es eine Idee gibt, an die man glaubt, aber sich nicht richtig traut, hoffen wir, dass der Kontakt mit "mimycri" ein bisschen mehr Mut gibt, es trotzdem zu probieren.

Das Projekt "mimycri" gehört zu den Kultur- und Kreativpiloten 2018 - ein Preis, der jährlich von der Bundesregierung verliehen wird. Zudem hat es den Contest des Deutschen Integrationspreises der gemeinnützigen Hertie-Stiftung 2017 gewonnen und stand im Finale der Google Impact Challenge.