Den Patientenwillen (er)kennen

Patientenverfügung: behandeln wie besprochen

Klare Anweisungen für Retter und Pflegekräfte bei Notfällen – das ist eines der Ziele des Modellprojekts "beizeiten.begleiten". In Grevenbroicher Pflegeheimen werden Menschen sachkundig begleitet, wenn sie ihren Willen für die letzte Lebensphase formulieren.

"Muss ich den Notarzt rufen?" oder "Muss ich auf alle Fälle wiederbeleben?": Fragen, die Pflegekräfte in Alten- und Pflegeheimen immer wieder beantworten müssen - meist unter Zeitdruck und ohne Austausch mit Kollegen. In anderen Fällen sollen Angehörige entscheiden, ob zum Beispiel eine dauerhafte Magensonde zur Ernährung gelegt werden soll oder nicht. Und all dies oft, ohne dass die Beteiligten wissen: Was hätte der hilfsbedürftige Mensch selbst gewollt, der sich jetzt nicht mehr äußern kann?

Zwar gibt es seit langem Patientenverfügungen. Viele aber sind ungenau, ohne kompetente Beratung verfasst oder gar nicht erst zur Hand, wenn man sie braucht. Bei "beizeiten.begleiten" ist das anders. Hier nehmen sich Mitarbeiter und Ärzte Zeit, um gemeinsam den Patientenwillen zu klären und zu sichern, dass er befolgt wird.

In zwei Grevenbroicher Seniorenheimen bietet "beizeiten.begleiten" kompetente Beratung für diejenigen an, die ihre medizinische Versorgung in akuten Krankheitsfällen oder beim Sterben vorab bestimmen wollen. "Es geht nicht darum, Menschen zur Abfassung von Patientenverfügungen zu drängen", so Professor Jürgen in der Schmitten von der Universität Düsseldorf, der das Projekt mit auf den Weg gebracht hat. "Uns geht es darum, diejenigen zu unterstützen, die ihre Wünsche zu lebensverlängernden Maßnahmen respektiert wissen wollen. Wir wollen, dass sie dabei begleitet werden, diese unmissverständlich und präzise festzulegen."

Gedanken sortieren ...

Den Bewohnerinnen und den Bewohnern der teilnehmenden Pflegeheime wird eine umfassende Gesprächsbegleitung angeboten – gemeinsam mit ihren Angehörigen, wo immer dies möglich und gewünscht ist. Mitarbeiter werden für die Gespräche mit den Bewohnern ausgiebig geschult, so dass sie zu "Begleitern" werden.

Mehrfach und ausführlich können Gespräche darüber geführt werden, wie die Behandlung in lebensbedrohlichen gesundheitlichen Krisen aussehen soll. Dabei geht es um Fragen wie: Welche Bedeutung hat für mich eine Verlängerung der Lebensdauer, und wie wichtig ist für mich Lebensqualität? Welche lebensverlängernden und lebenserhaltenden Maßnahmen möchte ich (noch)? In welcher Situation will ich auf welche Behandlungen verzichten?

Die Betroffenen sortieren im Gespräch mit Begleitern und Angehörigen ihre Gedanken und bilden sich eine eigene Meinung. Je kompetenter die Beratung, desto ergiebiger und präziser kann der eigene Wille formuliert werden.

... und genau formulieren

Die Behandlungswünsche werden gemeinsam dokumentiert. Oft sehr differenziert, da es darum geht, den unterschiedlichen Krankheiten und Krankheitsstadien möglichst gerecht zu werden.

Beispiel: künstliche Beatmung. Bei einer kurzfristigen Behandlung einer Lungenentzündung mit guter Aussicht auf Erfolg ist sie sinnvoll und erwünscht. Wenn ein langes Leiden absehbar und die Erfolgschancen gering sind, ist sie möglicherweise unerwünscht. Andere ziehen eine Beatmung unter Umständen gar nicht mehr in Betracht – nicht einmal dann, wenn die Erfolgsaussichten aus medizinischer Sicht noch gut wären. Hier genau zu sein, bedarf Kompetenz und Zeit – sowohl im Gespräch als auch bei der Dokumentation.

Am Ende des Gesprächsprozesses und seines dokumentierten Ergebnisses ist auch der Hausarzt gefragt. In den Grevenbroicher Seniorenheimen werden Patientenverfügungen von eigens dafür fortgebildeten Hausärzten überprüft und mit unterschrieben. Das sichert die medizinische Genauigkeit der Verfügung. Natürlich steht es jedem frei, Behandlungswünsche zu ändern und neu zu formulieren. Spätestens nach zwei Jahren bieten die Begleiter wieder ein Gespräch an.

HAnNo – der Notfallbogen für Ärzte und Erstversorger

Neben einer ausführlichen Patientenverfügung gibt es in Grevenbroich einen Notfallbogen: die Hausärztliche Anordnung für den Notfall (HAnNo). Sie wurde als standardisiertes Formular für das Modellprojekt entwickelt. Dieser ärztlich verantwortete Notfallbogen fasst kurz und präzise die notfallrelevanten Wünsche des Patienten für eine lebensbedrohliche Situation zusammen. Er wird so aufbewahrt, dass er sofort zur Hand ist.

Die Notfallbögen sollen Ärzten und Erstversorgern ermöglichen, auf einen Blick den Patientenwillen zu erfassen und sich danach zu richten. Rechtlich ist klar: Der Notfallbogen ist für den Rettungsdienst bindend. Doch in der Praxis funktioniert das nur, wenn Rettungskräfte dem hinter einem solchen Notfallbogen stehenden Gesprächsprozess vertrauen können. Sie müssen sich darauf verlassen dürfen, dass sie im Einklang mit dem Willen des Patienten handeln. Und sie müssen mit dem Formular vertraut sein.

Daher sind bei "beizeiten.begleiten" alle Beteiligten der regionalen Gesundheitsversorgung einbezogen: die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Seniorenheime, des Rettungsdienstes und des örtlichen Krankenhauses. Nur in Kooperation mit allen in der Rettungskette Tätigen kann gewährleistet werden, dass der Wille der Betroffenen respektiert wird.

Professor in der Schmitten: "Der eigene Tod und das eigene Sterben werden oft tabuisiert. "bezeiten.begleiten" bestätigt, dass – richtig angesprochen – viele ältere Menschen froh sind, wenn sie die Chance bekommen, ausführlich über ihre Behandlungswünsche für mögliche künftige Situationen zu sprechen. Ihnen ist es wichtig, vorab zu bestimmen, was dann medizinisch noch mit ihnen getan wird – und was nicht. Es geht darum, Menschen zu autonomen, also für sie richtigen Entscheidungen zu befähigen. Das ist gelebter Respekt vor ihrer Würde – im Leben wie im Sterben."

Bundesgesundheitsminister vor Ort

Gesundheitsminister Hermann Gröhe hatte sich im Juni vor Ort über das Projekt informiert. Denn der Erfolg dieses Projektes hat wesentlich dazu beigetragen, dass im Hospiz- und Palliativgesetz die "gesundheitliche Vorausplanung für die letzte Lebensphase" künftig – finanziert von den Krankenkassen – ermöglicht wird.

2009 startete beizeiten.begleiten in vier Grevenbroicher Pflegeheimen. Das Konzept ist dem amerikanischen "Advance Care Planning" entlehnt, ins Deutsche am ehesten mit "vorausschauender Behandlungsplanung gesundheitlicher Vorausplanung" zu übersetzen. Das Modellprojekt wurde anfangs im Rahmen einer Studie vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziell unterstützt. Zwei der vier ursprünglich beteiligten Pflegeheime haben die qualifizierte Unterstützung vorausschauender Behandlungsplanung in ihre Regelversorgung übernommen. Bisher gibt es hierfür keinerlei zusätzliche Vergütung. Das soll sich mit dem vom Bundesgesundheitsminister auf den Weg gebrachten Hospiz- und Palliativgesetz ändern.

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