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10. September 1989 - Auf dem Weg zur Deutschen Einheit

Das Neue Forum entsteht

10. September 1989: Rund 30 Bürgerrechtler unterzeichnen den Aufruf zur Gründung des "Neuen Forums". Damit entsteht die erste landesweite Oppositionsbewegung in der DDR außerhalb der evangelischen Kirche. Sie wird zur wichtigsten DDR-Bürgerbewegung in den Zeiten des Umbruchs.

Schwarzweißaufnahme einer Demonstration in Rostock. Die jungen Menschen halten ein Transparent mit der Aufschrift "Neues Forum" in die Kamera.

Demonstration der Bürgerrechtsbewegung Neues Forum in Rostock.

Foto: picture-alliance/ZB/Wittenburg

"Die Zeit ist reif."

Im Aufruf heißt es: "Wir rufen alle Bürger und Bürgerinnen der DDR, die an einer Umgestaltung unserer Gesellschaft mitwirken wollen, auf, Mitglieder des Neuen Forums zu werden. Die Zeit ist reif."

Es habe damals eine große Hoffnungslosigkeit im Land gegeben, sagt der ehemalige Bürgerrechtler Dieter Reinfried. Viele hätten aber auch erkannt: "Wir müssen uns da selbst an die Hand nehmen. Wir müssen jetzt sehen, dass wir selber Gestaltungskraft gewinnen."

Zu den Erstunterzeichnern gehören namhafte Bürgerrechtler wie Bärbel Bohley, Katja Havemann, Rolf Henrich, Hans-Jochen Tschiche, Jens Reich, Ingrid Köppe, Sebastian Pflugbeil, Reinhard Schult, Ina Seidel und viele mehr. Der Protest auf den Straßen, die Montagsdemonstrationen und andere Veranstaltungen werden erheblich durch die starke verbindende Wirkung des Neuen Forums getragen.

Bürgerbewegung mit starkem Zulauf

Das Neue Forum betrachtet sich als "politische Plattform für die ganze DDR, die es Menschen aus allen Berufen, Lebenskreisen, Parteien und Gruppen möglich macht, sich an der Diskussion und Bearbeitung lebenswichtiger Gesellschaftsprobleme in diesem Land zu beteiligen". Diese Botschaft und dieses Anliegen treffen die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger.

Bereits eine Woche nach dem Gründungsaufruf vervielfacht sich die Zahl der Anhänger. Am 19. September stellt das Neue Forum beim DDR-Innenministerium einen Antrag auf formelle Zulassung – mit 1.500 Unterschriften. Wenige Tage später ist die Liste bereits auf 3.000 angewachsen. Die Malerin Bärbel Bohley, die in ihrem Atelier den ersten Bürodienst organisiert, kann den Ansturm alleine nicht bewältigen.

Bald engagieren sich Tausende landesweit in der Bürgerbewegung. In der DDR entsteht eine neue Diskussionskultur.

Neues Forum nicht mehr zu stoppen

Das SED-Regime versucht, das Neue Forum zu stoppen: Am 21. September 1989 wird der Zulassungsantrag abgelehnt. Begründung: Es handele sich um eine "staatsfeindliche Plattform", deren Anliegen der Verfassung der DDR widersprächen. Außerdem bestehe kein gesellschaftlicher Bedarf.

Doch die Arbeit des Neuen Forums ist nicht mehr aufzuhalten. Täglich steigt die Zahl der Anhänger und Mitglieder. Am 23. Oktober 1989 stellt das Neue Forum einen erneuten Antrag auf Zulassung. Politbüromitglied Günter Schabowski diskutiert zwei Stunden hinter verschlossenen Türen mit den Initiatoren Jens Reich und Sebastian Pflugbeil. Am 31. Oktober 1989 gibt das Innenministerium bekannt, die Zulassung des Neuen Forums werde noch einmal geprüft. Die anschließende Zulassung am 8. November 1989 durch die SED-Führung wird zum Präzedenzfall.

Ende 1989 hat das Neue Forum rund 200.000 Unterschriften und 10.000 Mitglieder.

Im Februar 1990 schließt es sich mit den Oppositionsbewegungen "Demokratie Jetzt", "Initiative für Frieden und Menschenrechte" und dem "Unabhängigen Frauenverband" zum Bündnis 90 zusammen. In dieser Listenverbindung beteiligt sich das Neue Forum an der ersten und letzten freien DDR-Volkskammerwahl.

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