Kindeswohl hat höchste Priorität 

Neue Zahlen zu Missbrauch – Fragen und Antworten   Kindeswohl hat höchste Priorität 

Fälle von sexueller Gewalt an Kindern und Kinderpornografie nehmen zu: Das geht aus der Polizeilichen Kriminalstatistik 2019 hervor. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Rörig, mahnt, bei den Anstrengungen im Kampf gegen Kindesmissbrauch nicht nachzulassen – gerade in Zeiten der Corona-Pandemie.

Wie haben sich die Zahlen zu Fällen von Kindesmissbrauch entwickelt?

Laut Polizeilicher Kriminalstatistik gab es 2019 etwas mehr als 4.000 Fälle von Kindesmisshandlung – ähnlich viel wie im Vorjahr. Vermehrt kam es jedoch zu sexueller Gewalt an Kindern. Hier verzeichnet die Statistik knapp 16.000 Fälle und damit über 1.300 mehr als 2018. Noch stärker angestiegen sind die Fälle von Kinderpornografie: Die Zahl der polizeilich erfassten Delikte in diesem Bereich erhöhte sich um etwa 65 Prozent auf mehr als 12.200.

Aktuelle Daten zu Kindesmissbrauch und kindlichen Gewaltopfern: Eine Auswertung der Polizeilichen Kriminalstatistik 2019 präsentierte der Präsident des Bundeskriminalamtes, Holger Münch. Bei der Pressekonferenz forderte der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, den Kampf gegen sexuelle Gewalt trotz der Corona-Pandemie zu verstärken.    

Was lässt sich zu den Tätern sagen?

Nach den Worten des Chefs des Bundeskriminalamts, Holger Münch, spielt sich Kindesmissbrauch in den meisten Fällen "hinter verschlossenen Türen" ab. Aus diesem Grund muss von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden. Bekannt ist laut Münch, dass die Täter häufig aus "sozialen Nahbereichen" stammen, aus der Familie des Opfers, der weiteren Verwandtschaft. Die Täter kommen aus allen Schichten und Berufen, gelegentlich sind auch Frauen dabei. Der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, sprach von den "dunkelsten Seiten der Gesellschaft".     

Droht während der Corona-Pandemie ein weiterer Anstieg der Fälle von sexuellem Missbrauch?

Bei der Polizei gehen aktuell nicht mehr Hinweise auf Gewalt und Missbrauch in der Familie ein als sonst. BKA-Chef Münch rät bei den Zahlen jedoch zu äußerster Vorsicht. Das Dunkelfeld sei sehr groß. Zudem könne die aufgrund der Corona-Auflagen verstärkte häusliche Isolation zu mehr Fällen von familiären Konflikten führen. Viele Familien lebten in einer Ausnahmesituation und hätten mitunter existenzielle Sorgen. Zugleich seien Kinder im Moment weniger in Kontakt mit Erziehern, Lehrern und Kinderärzten, die Sozialkontrolle sinke.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Rörig, befürchtet in der aktuellen Situation eine weitere Zunahme der Gewalt. Weil viele Kontakte zu Vertrauenspersonen fehlten, seien die Gefahren für Kinder größer.

Was unternimmt die Bundesregierung zum Schutz der Kinder?

Für die Bundesregierung haben das Kindeswohl und der Schutz der Kinder vor Missbrauch höchste Priorität. Dementsprechend unternimmt die Bundesregierung eine Reihe von Maßnahmen. Dabei sind die Empfehlungen des Runden Tisches "Sexueller Kindesmissbrauch" und der Aktionsplan der Bundesregierung zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt und Ausbeutung aus dem Jahr 2011 weiterhin eine wichtige Grundlage.

Unter anderem hat die Bundesregierung das Amt des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs dauerhaft eingerichtet. Zudem wurde die Arbeit des Betroffenenrates verstetigt und die Arbeit der Unabhängigen Aufarbeitungskommission verlängert.

Darüber hinaus hat die Bundesfamilienministerin gemeinsam mit dem Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs im Dezember 2019 einen neuen "Nationalen Rat" gegründet. Von den Mitgliedern des Rates sollen bis Sommer 2021 insbesondere Vorschläge erarbeitet werden, wie Prävention und Hilfen bei Missbrauch spürbar verbessert werden können.   

Wie können Kinder vor Gefahren im Internet und in den sozialen Medien geschützt werden?

Das Internet spielt bei der Verbreitung von Kinderpornografie eine entscheidende Rolle. Laut BKA-Chef Münch sind es zunehmend auch Jugendliche, die kinderpornografisches Material über Messenger-Dienste teilten. Teilweise würden sie sich dabei über die Konsequenzen keine Gedanken machen.

Die Bundesregierung hat die Maßnahmen verstärkt, die Kinder vor den Gefahren im Internet schützen sollen. So ist im März 2020 ein Gesetz in Kraft getreten, das den Versuch der Kontaktanbahnung, das sogenannte Cybergrooming, unter Strafe stellt. Dadurch können Täter intensiver verfolgt werden, die im Netz den Kontakt mit Kindern suchen und dabei das Ziel verfolgen, sie sexuell zu missbrauchen oder Kinderpornografie herzustellen.

Darüber hinaus plant die Bundesregierung eine Reform des Kinder- und Jugendmedienschutzes. Dadurch sollen Kinder wirksam vor gefährdenden Inhalten im Netz geschützt werden.    

Welche konkreten Hilfs- und Beratungsangebote gibt es?

Das "Hilfetelefon Sexueller Missbrauch" ist ein kostenloser und anonymer Service. Unter der Nummer 0800 22 55 530 wird Hilfe für von sexueller Gewalt Betroffene sowie für Angehörige angeboten. Derzeit arbeiten bei dem Hilfetelefon mehr als 20 Beraterinnen und Berater. Sie alle sind psychologisch und/oder pädagogisch ausgebildete Fachkräfte mit jahrelanger Erfahrung in der Beratung und Begleitung bei sexuellem Kindesmissbrauch.  

Ein weiteres Angebot ist die "Nummer gegen Kummer": Kinder und Jugendliche erhalten unter der Nummer 116111 kostenlos und anonym Hilfe. Eltern können bei Sorgen um ihr Kind die Hotline 0800 111 0 550 anwählen. Die Zahl der Anrufe bei der "Nummer gegen Kummer" hat im März und April 2020 im Vergleich zu den Vormonaten etwa um die Hälfte zugenommen.

Die Internetseite www.kein-kind-alleine-lassen.de bündelt Informationen zu Beratungsangeboten. Hierbei handelt es sich um eine Initiative des Unabhängigen Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung.             
 

Schlagwörter