Lernen und endlich leben

Flüchtlingshilfe in Deutschland Lernen und endlich leben

Die Bundesregierung rechnet in diesem Jahr mit bis zu 800.000 Flüchtlingen - eine abstrakte Zahl, hinter der sich viele Gesichter verbergen. Gesichter von Menschen, die große Hoffnungen in Deutschland setzen und Hilfe benötigen. So unterstützt der Verein SchlauFox beim Schulabschluss in Deutschland.

JEA! Projekt Coaches bei der Arbeit mit ihren Coachees.

SchlauFox e.V. setzt sich mit diversen Projekten für bessere Bildungschancen benachteiligter Jugendlicher ein.

Foto: Nanine Renninger

Ali ist 19 Jahre alt und wurde in Afghanistan geboren. Weil Ali bereits jetzt ein halbes Leben voller Leid hinter sich hat, ist es ihm unangenehm, ein Bild von sich im Internet zu sehen. Erzählt hat er seine Geschichte trotzdem, davon wie er flüchtete und wie er in Deutschland eine neue Heimat gefunden hat.

SchlauFox e.V. wurde 2008 von acht Ehrenamtlichen in Hamburg gegründet und engagiert sich für die Bildung von benachteiligten jungen Menschen. Inzwischen arbeiten bereits mehr als 100 ehrenamtliche und drei angestellte Mitarbeiter für den Verein. SchlauFox e.V. ist eine von 52 Initiativen, die mit dem Preis "Ideen für die Bundesrepublik" von der Bundesregierung ausgezeichnet wurden.

"In Afghanistan lebte ich bei meiner Stieffamilie, zur Schule durfte ich nicht gehen, stattdessen musste ich körperliche Arbeit verrichten, jeden Tag Schafe hüten und den Hof sauber halten", sagt Ali. Mit 15 wurde er an die Taliban verkauft. Zweieinhalb Monate sollte seine Ausbildung als Taliban-Kämpfer dauern. "Im ersten Monat hat uns ein Imam den Koran gelehrt und im zweiten Monat begann die Ausbildung an der Waffe." Schon nach kurzer Zeit gehörte Ali zu den besten Schützen seiner Klasse. Als man ihn zwingen wollte, Menschen zu töten, entschied sich Ali dafür, Afghanistan zu verlassen. "Ich sollte Taliban werden, dann bin ich geflohen."

Flucht nach Deutschland

18 Monate lang war Ali auf der Flucht. Seine Reise führte über Iran, die Türkei, Griechenland, Italien und Frankreich bis nach Hamburg. "Teilweise fuhr ich eingeklemmt in einem Hohlraum eines Lkw, tagelang, ohne Wasser und Essen".

Bis heute leidet Ali an den Folgen seiner kräftezehrenden Reise. Angstzustände und Schlaflosigkeit begleiten ihn noch immer - drei Jahre nach seiner Ankunft.

"Ich habe mich gleich in Therapie begeben, weil ich niemandem vertrauen konnte. Als ich in Deutschland angekommen war, hatte ich Alpträume und habe jede Nacht nur zwei Stunden geschlafen. Dadurch fiel mir besonders das Lernen schwer. Obwohl ich wollte, konnte ich mich auf nichts konzentrieren."

Alis Schlafstörungen sind inzwischen besser geworden. Außerdem erkannte seine Therapeutin das Potential des Jungen und machte ihn auf den Verein SchlauFox e.V. aufmerksam.

Traumatisierte und verunsicherte Flüchtlinge

Nach ihrer Ankunft in Hamburg kommen junge Flüchtlinge meist für ein Jahr in die Internationalen Vorbereitungsklassen, um dort auf die Regelklassen vorbereitet zu werden. "Tatsächlich reichen die Deutschkenntnisse aber oftmals nicht für den Schulalltag." Diesen Übergang zu überbrücken und beim Lernen zu unterstützen, das sei das Ziel des Projektes "Ankerlicht", erklärt Gloria Boateng, Gründerin und Vorsitzende von SchlauFox e.V..

Gloria Boateng, Gründerin und Vorsitzendes des Vereins Schlaufox e.V..Projekt 'Jedem einen Abschluss' (JEA!).

Gloria Boateng: "Mein Ziel ist, dass wir uns irgendwann alle als gesamte Gesellschaft begreifen."

Foto: DoroNowa

"Ankerlicht" hieß für Ali, dass er einen ehrenamtlichen Betreuer an die Seite bekam, der bei Hausarbeiten und Präsentationen half. Gemeinsam entwarfen sie Praktikumsberichte und Bewerbungen und bereiteten Ali in Deutsch, Mathe und Englisch auf Klausuren und den Ersten Schulabschluss (ehemals Hauptschulabschluss) vor.

"Das größte Problem am Anfang ist oft, an die Jugendlichen emotional heranzukommen. Die meisten sind traumatisiert, verunsichert, trauen sich nicht zu fragen. Erst wenn eine vertrauensvolle Beziehung aufgebaut wurde, kann auch die inhaltliche Arbeit beginnen", weiß der ehrenamtliche Helfer und pensionierte Berufsschullehrer Lutz Thalacker. "Ankerlicht" stehe für Hoffnung und Zuversicht, ergänzt Gloria Boateng: "Wir wollen einen Anker bieten, einen festen Punkt, wollen aber auch ein Lichtblick sein, indem wir junge Flüchtlinge begleiten."

Große Nachfrage nach ehrenamtlichen Helfern

Derzeit unterstützen etwa 15 Ehrenamtliche durch Coaching und fachliche Nachhilfe etwa ein Dutzend Schüler. Nach den Sommerferien in Hamburg werden noch mehr betreut werden, "die Nachfrage ist groß, es haben sich schon viele Schulen bei uns gemeldet, weil immer mehr schulpflichtige Asylbewerber nach Deutschland kommen", so Boateng.

Die Jugendlichen bei "Ankerlicht" sind zwischen 13 und 20 Jahre alt. Ob sie bereits eine Ausbildung in ihrem Herkunftsland abgeschlossen haben, spielt für die Teilnahme keine Rolle. "Wir unterscheiden nicht zwischen Jugendlichen, die vorgebildet beziehungsweise besonders begabt sind und den anderen Teilnehmern. Wir gehen davon aus, dass jeder etwas mitbringt, was für unsere Gesellschaft wertvoll ist", sagt Boateng.

Bei "Ankerlicht" engagieren sich neben Studenten auch Berufstätige, Senioren und Pensionäre. So profitieren die jungen Flüchtlinge von unterschiedlichen Kompetenzen und Erfahrungen. Ein Engagement, das sich Gloria Boateng selbst gewünscht hätte, als sie vor 25 Jahren aus Ghana nach Deutschland kam. Damals als sie zehn Jahre alt war, holte sie ihr Großvater nach Hamburg, denn in Ghana durfte sie nicht zur Schule gehen, und Nahrungsmittel reichten nicht für die gesamte Familie.

Von Deutschlands Offenheit profitieren

Wenn die 36-Jährige heute über ihre Anfangsjahre spricht, wirkt sie nachdenklich. Als Kind habe sie große Schwierigkeiten gehabt, sprachlich, aber auch auf sozialer Ebene, "weil ich nicht so angenommen wurde, wie ich angenommen werden wollte, auch auf Grund meiner Hautfarbe. Heute wird viel mehr getan als vor 25 Jahren. Ich habe eine Öffnung erfahren, die Menschen gehen viel mehr aufeinander zu."

Eine Öffnung, von der auch Ali profitieren konnte. Mit der Hilfe des Jugendamtes, seiner Therapeutin und des SchlauFox-Vereins hat er den Ersten Schulabschluss geschafft und im August eine Lehrstelle als Elektrotechniker begonnen - und Ali hat noch mehr vor: "Nach meiner Ausbildung möchte ich auf jeden Fall noch meinen Meister machen und danach Flugzeuge bauen. Davon träume ich schon lange."

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