Wie die Pandemie Kinder und Jugendliche belastet

Fragen und Antworten Wie die Pandemie Kinder und Jugendliche belastet

Lange Kita- und Schulschließungen, wenig Kontakte zu Freunden, kaum Möglichkeiten für Sport oder andere Hobbys: Kinder und Jugendliche haben in besonderem Maße in der Zeit der Pandemie gelitten. Was ist zu den gesundheitlichen Folgen bekannt? Und was unternimmt die Bundesregierung, um junge Leute zu unterstützen? Ein Überblick.

Mädchen mit Pony und schützender Gesichtsmaske, die beim Stehen am Park starrt.

Die Pandemie hat die Alltagsstruktur vieler Kinder massiv verändert.

Foto: mauritius images / Westend61

Wie weitreichend die Folgen der Pandemie für die Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen sind, ist in Details noch unklar. Erste Hinweise geben jedoch Studien und Rückmeldungen von Fachkräften und Fachorganisationen. Auf dieser Grundlage haben Bundesgesundheitsminister Spahn und Bundesfamilienministerin Lambrecht am 30. Juni im Bundeskabinett über die gesundheitliche Situation von Kindern und Jugendlichen in der Pandemie berichtet.         

Wie hat sich die Corona-Pandemie auf Kinder und Jugendliche ausgewirkt?

Zunächst zu der konkreten Gefährdung einer Covid-19-Infektion: Kinder und Jugendliche haben ein deutlich geringeres Risiko als Erwachsene, schwer zu erkranken. In den meisten Fällen verläuft eine Erkrankung relativ mild und häufig sogar ohne Symptome.

Von pandemiebedingten Belastungen sind Kinder und Jugendliche jedoch deutlich stärker betroffen. Die Einschnitte waren spürbar: Die Kita- und Schulschließungen und die Kontaktbeschränkungen haben massiv die Alltagsstruktur verändert. Dadurch werden bei Kindern und Jugendlichen vermehrt Zukunftsängste, Leistungsdruck und Vereinsamung beobachtet. Zu weiteren Auswirkungen zählen auch übermäßiger Medienkonsum, Bewegungsmangel und Fehlernährung.

Wie sind die Folgen der Pandemie für die psychische Gesundheit?

Kinder und Jugendliche sind durch die Pandemie in einem hohen Maß psychisch belastet. Diese Belastungen nehmen mit der Dauer der Pandemie zu. Die Kita- und Schulschließungen und vermehrtes Homeschooling waren vor allem für Familien mit Kindern unter 14 Jahren ein Problem. Es kam häufiger zu familiären Spannungen und Konflikten.

Zudem litten vor allem Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien oder aus Familien mit Migrationshintergrund. Sie hatten besonders oft mit Symptomen wie Ängstlichkeit, Depressivität, Hyperaktivität oder allgemeinen Einbußen in der Lebensqualität zu kämpfen. Wichtig ist, das Auftauchen einzelner Symptome nicht mit einer psychischen Erkrankung gleichzusetzen. Gleichwohl sollten diese Anzeichen stets ernst genommen werden.

Welche weiteren Auswirkungen auf die Gesundheit gibt es?

Neben Folgen für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen sind folgende Aspekte von hoher Bedeutung:

- Risiko häuslicher Gewalt: Kinder und Jugendliche sind vermutlich während der Pandemie einem erhöhten Risiko häuslicher Gewalt ausgesetzt. Das legen die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik 2020 sowie eine gestiegene Nachfrage nach Beratungsangeboten nahe.

- Übergewicht: Im ersten Lockdown haben Körpergewicht und Body Mass Index (BMI) bei jungen Leuten ab 15 Jahren zugenommen. Das geht aus einer Studie des Robert Koch-Instituts hervor.

- Mediennutzung: Der Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen ist in der Pandemie deutlich angestiegen. Verschiedene Untersuchungen belegen, dass sich die Zeit, die Mädchen und Jungen täglich insbesondere mit digitalen Spielen verbringen, stark erhöht hat. Eine Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger zeigt eine Steigerung der täglichen Online-Zeit – von 205 Minuten 2019 auf 258 Minuten 2020.

- Bewegungsmangel: In der Pandemie treiben Kinder und Jugendliche deutlich weniger Sport. Der Anteil der Kinder, die überhaupt keinen Sport ausüben, hat sich in der zweiten Welle gegenüber der Zeit vor der Pandemie verzehnfacht. Auch sind wesentlich weniger unter 15-Jährige Mitglied in einem Sportverein.   

- Schuleingangsuntersuchungen: Besonders wirken sich die Folgen der Pandemie auf Vorschulkinder aus. Bei ihnen werden deutlich vermehrt Defizite im sprachlichen, motorischen und sozial-emotionalen Bereich beobachtet. Das berichten Kinder- und Jugendärzte aufgrund der  Schuleingangsuntersuchungen vor der 1. Klasse im Jahr 2021.                         

Zusätzliches Problem ist, dass viele Untersuchungen von Vorschulkindern aufgrund der Pandemie ausgefallen sind. Dadurch bleibt unklar, inwieweit alle angehenden Erstklässler ausreichend für den Schulunterricht geeignet sind.    

Sind auch Kinder von Long-COVID betroffen? 

Das Robert-Koch Institut weist darauf hin, dass die aktuelle Datenlage zu Long-COVID bei Kindern sehr limitiert ist. Deshalb können derzeit keine eindeutigen Aussagen zur Epidemiologie und Krankheitslast von Long-COVID bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland getroffen werden. Unklar ist auch, welche Risikofaktoren dieses Krankheitsbild begünstigen. Weiterführende Studien sind notwendig, um diese Wissenslücken zu schließen.

Bei Long-COVID handelt es sich nicht um ein einheitliches Krankheitsbild, weshalb die Epidemiologie schwer zu erfassen ist. Als häufige Symptome benennt das Robert-Koch Institut anhaltende Erschöpfungszustände, Atembeschwerden, Geruchs- und Geschmacksstörungen, Konzentrations- und Schlafstörungen, Kopfschmerzen, depressive Verstimmung und Herzrhythmusstörungen. Insgesamt ist die Symptomatik variabel und der Zeitraum variiert zwischen Wochen und Monaten. 

Was tut der Bund, um Kinder und Jugendliche und ihre Familien zu unterstützen?

Die Bundesregierung hat eine Vielzahl von Maßnahmen ergriffen, dazu zählen:

- Die finanzielle Unterstützung von Familien, etwa die Entschädigung nach dem Infektionsschutzgesetz, die Verdreifachung der Kinderkrankentage, der Kinderbonus und der erleichterte Zugang zum Kinderzuschlag.

- Der Ausbau von Beratungs-, Unterstützungs- und Informationsangeboten für Kinder und Jugendliche, Familien und Fachkräfte. Hervorzuheben ist das neuaufgebaute Online-Portal der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung “Psychisch stabil bleiben“, das für das Thema “Psychische Belastungen“ sensibilisiert. Weitere Informationsangebote sind u.a. www.fruehehilfen.de und www.elternsein.info.

- Das Aktionsprogramm “Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche 2021 und 2022“. Damit werden in diesem und nächsten Jahr insgesamt zwei Milliarden Euro für junge Menschen zur Verfügung gestellt. Es geht insbesondere um den Abbau von Lernrückständen, aber auch um Erholung und die Stärkung von Kindern und Jugendlichen und ihren Familien.

- Die Bewegungskampagne des Bundesfamilienministeriums zusammen mit der Deutschen Sportjugend. Hierbei werden alle 90.000 Sportvereine angesprochen mit dem Ziel, Kindern und Jugendliche verstärkt mit niedrigschwelligen und kostenfreien Sport- und Bewegungsangebote zu unterstützen. Der Bund investiert dafür in diesem und nächstem Jahr insgesamt über zwei Millionen Euro.      

Eine hohe Bedeutung haben offene Kitas und Schulen. Wie soll es hier nach den Sommerferien weitergehen?

Für die Bundesregierung haben geöffnete Kitas und Schulen eine hohe Priorität. Es ist Aufgabe der Länder, den Regelbetrieb von Bildungs- und Betreuungseinrichtungen sicherzustellen – unabhängig vom Impfstatus der Kinder und Jugendlichen. Der Bund will zugleich dafür sorgen, dass ausreichend Impfstoff auch für 12- bis 15-Jährige zur Verfügung steht.

Zudem unterstützt der Bund die Länder bei der baulichen Ausstattung von Kitas und Schulen, beispielsweise mit stationären raumlufttechnischen Anlagen.

Wichtig für den Regelbetrieb ist darüber hinaus das zuverlässige Testen mit qualitativ hochwertigen Testungen, das durch die Länder sicherzustellen ist. Der Bund leistet gegebenenfalls auch hierbei Unterstützung.

Inwieweit behält die Bundesregierung die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen auch künftig im Blick?

Die Gesundheit und das Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen liegen der Bundesregierung sehr am Herzen. Ziel ist, dass Mädchen und Jungen in Deutschland unter guten Bedingungen aufwachsen können.

Mit Blick auf die Folgen der Pandemie ist es beispielsweise wichtig, psychosoziale und psychotherapeutische Hilfen für Kinder und Jugendliche weiter auszubauen. Auf der Ebene der Kommunen ist eine engere Zusammenarbeit zwischen Jugendhilfe und Gesundheitsversorgung nötig, um psychotherapeutischen Hilfebedarf schnell zu identifizieren und entsprechend zu handeln.

Um die gesundheitlichen Auswirkungen der Pandemie auf Kinder und Jugendliche länger zu beobachten, hat die Bundesregierung eine Arbeitsgruppe eingerichtet – unter dem Vorsitz des Bundesgesundheits- und des Bundesfamilienministeriums. Ziel ist, zu entsprechenden Ergebnisse und Beobachtungen Maßnahmen zu ergreifen und gegenzusteuern.

Zudem wird daran gearbeitet, die Datenlage zur gesundheitlichen Situation von Kindern und Jugendlichen im Zusammenhang mit der Pandemie stetig zu verbessern.                              

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