"Das arktische Eis ist ein einzigartiges Ökosystem"

Interview zur Forschungsexpedition in der Arktis "Das arktische Eis ist ein einzigartiges Ökosystem"

Im Herbst 2019 machte sich der deutsche Forschungseisbrecher "Polarstern" auf eine außergewöhnliche Reise: Das Schiff ließ sich im arktischen Eis einfrieren und trieb ein Jahr lang mit der Eisdrift quer über die nördliche Polkappe. Expeditionsleiter Professor Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung erklärt, warum es in Zukunft mehr Dürresommer geben wird.

Expeditionsleiter Prof. Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung

"Wir sollten alles daransetzen, das arktische Meereis zu erhalten", sagt Expeditionsleiter Professor Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung.

Foto: Alfred-Wegener-Institut (CC-BY 4.0)

Herr Rex, Sie sind als MOSAiC-Expeditionsleiter mit dem Ziel aufgebrochen, die zentrale Arktis ganzjährig zu erkunden und die wesentlichen Klimaprozesse zu erfassen, um den Klimawandel besser zu verstehen. Haben Sie dieses Ziel erreicht?

Markus Rex: Ja, wir haben zumindest alle Daten sammeln können, um dieses Ziel erreichen zu können. Wir haben erfolgreich mehr als 100 sehr komplexe Parameter des Klimasystems das ganze Jahr über kontinuierlich erfassen können – mit einer kleinen Lücke, als die "Polarstern" coronabedingt die Eisscholle für vier Wochen verlassen musste, um die deutschen Forschungsschiffe "Sonne" und "Maria S. Merian" vor Spitzbergen zu treffen. Basierend auf diesem Datenschatz können wir die Klimaprozesse der zentralen Arktis jetzt viel besser verstehen und damit auch viel besser in Klimamodellen abbilden.

Welche weiteren Geheimnisse konnten Sie der Arktis entlocken?

Rex: Wir haben auf dem Weg zur Eiskante das erste Ozonloch über der Arktis dokumentiert und vermessen. Eine weitere große und besorgniserregende Überraschung war, wie weit fortgeschritten die Eisschmelze schon ist: Obwohl wir wissen, wie schlecht es um das arktische Meereis steht, war es erschreckend, in diesem Sommer nördlich von Grönland fast bis zum Nordpol weite Flächen offenen Wassers anzutreffen und am Nordpol selbst eine völlig erodierte und von Schmelztümpeln zerlöcherte Eisoberfläche vorzufinden.

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Video zur MOSAiC-Expedition Eine Mission der Superlative

Die Veränderungen des arktischen Klimas sind eng mit dem Wettergeschehen in unseren Breiten gekoppelt. Welche Prognosen können Sie über den Klimawandel in Europa machen?

Rex: Die Arktis ist die Wetterküche Europas, Nordamerikas und weiter Teile Asiens. Der Temperaturunterschied zwischen der kalten Arktis und den wärmeren mittleren Breiten treibt das wichtigste Windsystem der Nordhalbkugel an, den Westwindjet. Wir haben gesehen, dass sich die Arktis deutlich schneller als der Rest der Welt erwärmt. Der Temperaturunterschied zwischen Europa und der Arktis wird also kleiner. Das wiederum führt dazu, dass der Westwindjet instabiler wird mit der Folge von mehr Wetterextremen bei uns in Europa: langanhaltende sehr trockene heiße Phasen im Sommer und häufigere und intensivere Kaltluftausbrüche im Winter mit Schneestürmen und Blizzards bis nach Florida.

Wir haben stichhaltige Hinweise, dass die Erwärmung der Arktis zu den Dürresommern der vergangenen Jahre beigetragen hat und diese in Zukunft zunehmen werden. Gleichzeitig gelangt auch mehr warme, feuchte Luft aus den mittleren Breiten bis tief in die Arktis, wodurch sich das Abschmelzen des grönländischen Eisschilds beschleunigt. Diese Rückkopplungsmechanismen in der Arktis beobachtete ich mit großer Sorge.

Ein weiterer Rückkopplungsmechanismus ist die Eis-Albedo-Rückkopplung: Wenn sich das Meereis zurückzieht, wird aus einer vormals weißen Oberfläche ein dunkler Ozean, der viel mehr Sonnenenergie absorbiert und die Erwärmung weiter anheizt.

Ihr Buch "Eingefroren am Nordpol. Das Logbuch von der 'Polarstern'" schließen Sie mit den Worten "Wir sollten alles daransetzen, [das arktische Meereis] für zukünftige Generationen zu erhalten". Wie sind Sie zu diesem Schluss gekommen?

Rex: Das Eis ist ja nicht nur eine Umgebung von faszinierender Schönheit, die wir das ganze Jahr über aufgesogen haben, und die wir gerne für unsere Kinder und zukünftige Generationen erhalten wollen. Es ist außerdem Bestandteil uralter Kulturen und die Lebensgrundlage für die Bevölkerung der Arktis. Und das arktische Eis ist ein einzigartiges Ökosystem.

All das droht verloren zu gehen, wenn wir unser kurzes Zeitfenster nicht nutzen, das wir gerade noch haben, um das sommerliche Eis der Arktis zu retten. Ein Verschwinden des Eises im Sommer würde dramatische Folgen für das Klima der nördlichen Hemisphäre haben. Deshalb denke ich, dass wir alles daransetzen sollten, das arktische Meereis ganzjährig zu erhalten.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert derzeit acht Projekte mit insgesamt 4,5 Millionen Euro, in denen Forscherinnen und Forscher die auf der größten Arktisexpedition aller Zeiten gewonnenen Daten auswerten und der Forschungsgemeinschaft zur Verfügung stellen. Weitere fünf Projekte im Umfang von 3,7 Millionen Euro werden im Juli 2021 folgen.