"Anonymität und Vertraulichkeit sind unsere Kernmerkmale"

Interview mit Leiterin des Hilfetelefons "Gewalt gegen Frauen" "Anonymität und Vertraulichkeit sind unsere Kernmerkmale"

Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" ist eine erste Anlaufstelle für von Gewalt betroffene Frauen. Seit April sind die Beratungszahlen deutlich gestiegen. Im Interview spricht die Leiterin des Hilfetelefons, Petra Söchting, über die Auswirkungen der Corona-Pandemie - und darüber, wie Außenstehende von Gewalt betroffenen Frauen helfen können.

Foto zeigt ein junges Mädchen als Opfer von häuslicher Gewalt

Beratungen zum Thema häusliche Gewalt machen mit rund 60 Prozent den größten Teil der Anfragen beim Hilfetelefon aus. 

Foto: picture alliance / Photoshot

Frau Söchting, wie hat sich die Lage seit Beginn der Corona-Pandemie verändert? Es wurde ja vielfach ein Anstieg der Gewalt gegen Frauen durch den Lockdown befürchtet. Spiegeln die Anruferzahlen dies wider?

Petra Söchting: Die Zahlen sind tatsächlich gestiegen, seit April zeigen unsere Beratungszahlen einen Anstieg, der über die üblichen Schwankungen hinausgeht. Die Beratungskontakte haben um etwa 20 Prozent zugenommen, sowohl telefonisch als auch online.

Allerdings heißen diese Zahlen noch nicht unbedingt, dass es tatsächlich auch erhöhte Fallzahlen von häuslicher Gewalt gibt. Mit einer solchen Bewertung wäre ich vorsichtig. Denn natürlich hängen die Zahlen der Kontaktaufnahme beim Hilfetelefon immer auch davon ab, wie präsent Hinweise auf unser Angebot in der Öffentlichkeit sind. Und seit Beginn der Corona-Krise wurde verstärkt auf uns als die Erstanlaufstelle hingewiesen, die verlässlich und rund um die Uhr erreichbar ist. Soviel Öffentlichkeit haben wir seit unserem Bestehen noch nicht herstellen können. Das führt dazu, dass mehr Menschen von unserem Angebot erfahren und es dann auch in Anspruch nehmen.

Foto zeigt Petra Söchting

Petra Söchting, Leiterin des Frauenhilfetelefons.

Foto: BAFzA

Was gibt es für grundsätzliche Entwicklungen seit dem Start des Hilfetelefons 2013?

Söchting: Grundsätzlich kann man sagen, dass wir einen jährlichen Anstieg der Kontakte zu verzeichnen haben, was auch mit unserer steigenden Bekanntheit zusammenhängt. Aber wir haben unser Angebot seit dem Start natürlich auch immer nachjustiert. So ist zwischen 12 und 20 Uhr bei unserer Online-Beratung auch ein Sofort-Chat möglich. Die Möglichkeit des Chats mit einer Beraterin gibt es zwar seit Beginn, zunächst musste man dafür aber online einen Termin buchen. Das hat sich für manche Frauen als zu hohe Hürde erwiesen und wurde deshalb um den Sofort-Chat ergänzt, für den keine Anmeldung nötig ist.

Auch die Beratung in anderen Sprachen haben wir ausgebaut. Mittlerweile können Betroffene rund um die Uhr neben Deutsch in 17 weiteren Sprachen beraten werden. Das stellen wir in Zusammenarbeit mit einem externen Dolmetscherdienst sicher. 2.900 Beratungsgespräche waren so im vergangenen Jahr mittels einer Dolmetscherin möglich. Weitere knapp 700 Beratungen haben unsere Beraterinnen selber in einer Fremdsprache geleistet.

Aber es gibt auch Konstanten seit dem Start des Hilfetelefons. Von Anfang an machen Beratungen zum Thema häusliche Gewalt mit rund 60 Prozent den größten Teil der Anfragen aus. Auch die Tatsache, dass gut 40 Prozent aller Beratungen in der Zeit zwischen 18 Uhr und 8 Uhr stattfinden – also der Zeit, in denen andere Beratungsangebote nicht oder nur eingeschränkt zu erreichen sind – ist seit Beginn unverändert.

Das Angebot ist anonym. Haben Sie dennoch einen Überblick, wer anruft?

Söchting: Nein, das haben wir nicht, denn Anonymität und Vertraulichkeit sind aus gutem Grund unsere Kernmerkmale. Wir wissen, wie schwer es Frauen mit Gewalterfahrungen fällt, sich überhaupt nach außen zu wenden. Untersuchungen zeigen, dass das nur circa 20 Prozent der Betroffenen tun. Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" stellt hier mit seiner Garantie der Anonymität ein niedrigschwelliges Angebot dar, das betroffene Frauen gerade beim Erstkontakt häufig wünschen.

Aber nicht nur betroffene Frauen, auch Menschen aus deren sozialem Umfeld – zum Beispiel Freunde oder Verwandte – können sich jederzeit an das Hilfetelefon wenden.

Gab es im ersten Jahr noch knapp 19.000 Beratungsgespräche, waren es 2019 bereits knapp 45.000. Der überwiegende Teil der Anrufenden ist selbst von Gewalt betroffen (circa 74 Prozent), der Rest war aus dem sozialen Umfeld (20 Prozent), beziehungsweise Fachkräfte (6 Prozent). Neun Prozent aller Beratungen werden online geführt.

Wie helfen Sie den Frauen konkret weiter?

Söchting: Frauen rufen aus ganz unterschiedlichen Gründen und mit ganz unterschiedlichen Anliegen bei uns an. Und so verschieden die Situationen sind, so individuell verlaufen auch die Beratungsgespräche. Das kann eine konkrete Gefahrensituation sein, bei der es dann darum geht, ob konkrete Hilfe organisiert werden soll (Polizei, Krankenwagen). Oder es geht beispielsweise darum, über eine Gewaltsituation zu sprechen, die schon länger zurückliegt.

Wichtig ist, dass die Beraterin sich Zeit nimmt, gut zuhört und in jedem Einzelfall mit der betroffenen Frau zusammen überlegt, welche Unterstützung für sie am besten passt. Ganz wichtig ist, dass die Betroffene selbst entscheidet, ob und gegebenenfalls was weiter passiert. Sie hat die Fäden in der Hand und es passiert nichts über ihren Kopf hinweg.

Was sollte man tun, wenn man zum Beispiel in der Familie oder im Freundeskreis eine Gewaltsituation kennt, beziehungsweise vermutet? Wie kann ich als Außenstehender helfen?

Söchting: Zunächst einmal könnten sie eine vertrauliche Situation suchen, in der es möglich ist die Person anzusprechen. Ratschläge oder Tipps sollte man dabei im Übrigen tunlichst vermeiden, denn sie werden oftmals als zusätzlicher Druck empfunden. Man sollte gut zuhören und anerkennen, dass es für viele bereits ein ungeheurer Schritt ist, sich zu öffnen.

Es ist wichtig zu signalisieren, dass man der Betroffenen zur Seite steht. Dann kann man gemeinsam überlegen, welche konkrete Hilfe möglich und erwünscht ist. Ob man Adressen von Beratungsstellen heraussucht, die Betroffene möglicherweise dorthin begleitet oder auch einfach die Nummer des Hilfetelefons weitergibt.

Jemandem beizustehen kann auch heißen, Zweifel oder Widersprüchlichkeiten gemeinsam mit der Frau durchstehen. Ganz entscheidend ist auch hier, dass Sie nie etwas ohne die Zustimmung der Betroffenen unternehmen. Die Betroffene selbst entscheidet, ob und wenn ja wie es weitergeht.

Gibt es auch eine Stelle, an die sich betroffene Männer wenden können?

Söchting: Ja, seit April dieses Jahres gibt es auch ein Hilfetelefon für von Gewalt betroffene Männer. Mehr Informationen gibt es unter www.maennerhilfetelefon.de.

Das bundesweite Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" bietet unter der Telefonnummer 0 8000 116 016 und über die Internetseite www.hilfetelefon.de anonym, kostenlos und in 18 Sprachen eine Beratung am Telefon, im Chat oder per Mail. Es ist bundesweit das einzige Angebot, das Betroffenen rund um die Uhr zur Seite steht. Mehr als 80 qualifizierte Beraterinnen des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) in Köln stellen dieses Angebot sicher. Petra Söchting leitet das Hilfetelefon.