"Es fällt schwer, dass man Betroffene nicht mehr in den Arm nehmen kann"

Interview mit Frauenhaus-Leiterin "Es fällt schwer, dass man Betroffene nicht mehr in den Arm nehmen kann"

Frauen, die mit fünf Kindern und nur mit einer Plastiktüte in der Hand vor der Tür stehen - Fälle wie diese sind für Heike Richter Alltag. Die Sozialarbeiterin ist seit acht Jahren Leiterin des Frauenhauses in Cottbus. Zum "Tag gegen Gewalt an Frauen" spricht sie im Interview über Herausforderungen ihrer Arbeit und darüber, wie sich die Pandemie auf den Alltag auswirkt.

Heike Richter, Leiterin des Frauenhauses Cottbus, in einem Beratungsgespräch mit einer Frau.

In beratenden Gesprächen versucht Heike Richter, Leiterin des Frauenhauses Cottbus, betroffene Frauen zu stärken.

Foto: Frauenhaus Cottbus

Pro Jahr kommen etwa 55 bis 70 Frauen und circa 120 bis 130 Kinder in das Frauenhaus in Cottbus. Der Aufenthalt reicht von Stunden bis zu Monaten - in der Regel bleiben die meisten bis zu einem halben Jahr. Sie alle eint eine Vergangenheit mit Gewalterlebnissen, wenngleich sich die individuellen Schicksale stark unterscheiden, so Richter.

Frau Richter, was haben Frauen erlebt, die zu Ihnen kommen?

Heike Richter: Das sind immer von Gewalt betroffene Frauen und Kinder. Wobei die Form der Gewalt sehr unterschiedlich ist. Es ist zumeist nicht mehr das typische blaue Auge, mit dem die Frauen kommen. Es geht nicht zwangsläufig um körperliche Gewalt, sondern oftmals auch um psychische, soziale, ökonomische, finanzielle.

Es gibt natürlich auch immer noch die Frauen, die massiv körperlich verletzt werden. Zum Teil ist es auch so, dass nach Aufnahme nicht nur die Betroffene involviert ist. Wenn der Täter herausfindet, wo sich seine Frau aufhält, dann ist natürlich nicht nur diese Frau in Gefahr, sondern auch Mitarbeiterinnen oder andere Bewohnerinnen oder Kinder. Es passiert auch immer wieder, dass Frauen, wenn sie die Kinder in die Kita oder die Schule bringen oder einkaufen gehen, bedroht, verletzt oder aufgespürt werden. Meist haben wir die Kapazitäten nicht, dass Frauen bei allen Alltagsgängen begleitet werden.

Die Zahl der Opfer durch partnerschaftliche Gewalt ist in den vergangenen Jahren stetig angestiegen. Im Jahr 2019 wurden 141.792 Opfer registriert.  Zu 81 Prozent waren Frauen betroffen und zu 19 Prozent Männer. Das berichtet das Bundeskriminalamt in seiner jährlichen Auswertung zur Partnerschaftsgewalt für das Jahr 2019.

Was geschieht, wenn eine Frau plötzlich vor der Tür steht?

Richter: Manche Frauen und Kinder kommen mitten in der Nacht, haben rein gar nichts dabei oder nur eine Tüte. Bei anderen ist die Flucht lange vorbereitet und sie kommen mit Koffern. Deshalb haben wir im Frauenhaus eine 24-Stunden-Bereitschaft - ein Mitarbeiter ist eine Woche lang rund um die Uhr erreichbar. Außerdem haben wir für diese Fälle eine Notversorgung. Das heißt, die Neuankömmlinge können sich einen Toast machen, eine Suppe oder einen Tee - was sie eben gerade an der Stelle benötigen. Zudem verfügen wir über eine eigene Kleiderkammer, sodass sich Frauen und Kinder direkt neu einkleiden können.

Wir müssen natürlich wissen, was passiert ist, welche Bedrohung vorliegt. Deshalb führen wir bei jeder Frau ein explizites, intensives Beratungs- und Aufnahmegespräch. Dann geht es um Dinge wie: Woher wird sie finanziert, wie ist die psychische Lage, hat sie Störungsbilder? Was braucht sie als Person, um hier im gruppendynamischen Prozess leben zu können? Die größte Herausforderung ist, dass jeder Fall so unterschiedlich ist.

Hat sich der Zulauf mit der Corona-Pandemie verändert?

Richter: In der bisherigen Zeit der Pandemie ist bei uns kein Anstieg von Anfragen oder Beratungsbedarfen sichtbar geworden. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Inanspruchnahme unserer Schutzeinrichtung relativ konstant.

Von den vielen unterschiedlichen Schicksalen, die Ihnen begegnen, welcher Fall ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Richter: Eine junge Frau, die in Bulgarien entführt, nach Deutschland verschleppt und hier zur Prostitution gezwungen wurde - das ist ein sehr gravierender Fall, der mir in Erinnerung geblieben ist. Da war sie offiziell 21 und ich glaube, das eigentliche Alter war viel jünger. Sie wurde kognitiv als Zehnjährige eingestuft - war also auch gar nicht in der Lage, selbstständig zu leben. Die junge Frau hat vier Jahre hier gelebt. Das war in meiner Laufbahn der Fall, der am längsten dauerte und der von der Dramatik ziemlich umfangreich ausgestaltet war.

Sie sagen, die Bedürfnisse sind immer sehr unterschiedlich. Gibt es dennoch gewisse Routinen? Wie sieht das Leben im Frauenhaus aus?

Richter: Oberstes Ziel ist, die Frauen psychisch zu stärken, sodass sie in der Lage sind, sich im Alltag zu verselbstständigen. Wir versuchen, die Frauen zu befähigen, dass sie alleine zurück können in ihren Haushalt. Dabei geht es zum Teil darum, die Mutter in die Lage zu bringen, die Kinder zu versorgen. Das passiert durch Gespräche und Unterstützung im Alltag. Wir erstellen Tagespläne. Sie sollen Einkäufe alleine erledigen, Kinder bestenfalls wieder in Schule oder Kita gehen.

Wichtig ist, wieder Ordnung und Struktur in den Alltag der Frauen und Kinder zu bringen. Es gibt zum Beispiel eine Hausordnung sowie einen Putzplan, an die sich die Bewohnerinnen halten müssen. Einmal in der Woche gibt es die Hausversammlung. Das Ziel dabei ist, dass alle miteinander im Gespräch bleiben. Wir hatten zwischenzeitlich Bewohnerinnen neun verschiedener Nationalitäten im Haus. Manchmal hilft man sich einfach mit dem Google-Übersetzer.

Jede Bewohnerin hat in der Regel ein eigenes Zimmer. Dies teilt sie sich mit den Kindern und je nach Bedarf bekommt sie ein weiteres für die Kinder. Es gibt eine Gemeinschaftsküche, ein Gemeinschaftswohnzimmer und ein Gemeinschaftskinderzimmer. Auch während der Pandemie nutzen die Bewohner als ein Haushalt die Gemeinschaftsräume.

Inwiefern hat sich der Alltag mit der Corona-Pandemie im Haus verändert?

Richter: Da in unserem Haus auch vor der Pandemie immer großen Wert auf Ordnung, Sauberkeit und Hygiene gelegt wurde, fiel uns die Umsetzung des Hygienekonzeptes nicht schwer. Die Mitarbeiterinnen unterstützen die Frauen und Kinder bei der Einhaltung, sodass jede Person, die das Haus betritt, sich dem Desinfektionsspender unterziehen muss. Auch wird jeden Morgen Fieber gemessen. Die Zimmer und Gemeinschaftsbereiche sind ebenfalls mit Desinfektionsspendern ausgestattet, was ebenfalls schon vor der Pandemie zu den Hygienegrundlagen gehörte. Alle notwendigen Hygiene- und Schutzartikel sind vorrätig. Jeden Morgen werden gemeinsam alle Arbeitsflächen, Türklinken und gemeinschaftlich genutzten Gegenstände gereinigt und desinfiziert.

Die Frauen werden weiterhin darüber belehrt, dass die sozialen Kontakte gemindert und Übernachtungen außerhalb vermieden werden müssen.

Dementsprechend sind die psychosozialen Angebote für Frauen und Kinder erweitert und bedarfsgerecht zugeschnitten worden. Hierbei ist es unser Ziel, dass die Frauen und Kinder durch die Einschränkungen in der Zeit der Pandemie keinen spürbaren Nachteil haben und deren Psyche weiterhin stabilisiert wird. So können Konflikte im gruppendynamischen Prozess gemindert und vermieden werden.

Inwiefern schränkt die Pandemie Ihre Arbeit ein?

Richter: Teilweise treffe ich mich für Beratungsgespräche mit den Frauen draußen oder mit viel Abstand und Spuckschutz in unserem großen Beratungsraum. Wir bieten auch Online-Beratungen an. Die wird jedoch nicht sehr gut angenommen. Die Betroffenen scheinen das persönliche Gespräch zu suchen.

Besonders schwer fällt es, dass man sich nicht mehr in den Arm nehmen kann. Es gehört dazu, emotionalen Halt zu geben und dann auch Körperkontakt. Das ist manchmal das letzte Mittel, um Trost zu spenden. Dass dies ganz wegfallen muss, ist schon schwierig.

Stellen Sie Veränderungen in der Arbeit mit den Betroffen in den letzten Jahren fest?

Richter: Auffällig ist, dass in den letzten Jahren mehr Frauen im Rentenalter zu uns kommen. Das hat viele Hintergründe. Manche merken, dass sie dann nichts mehr miteinander anzufangen wissen und so kann sich Aggressivität entwickeln. Auch Erkrankungen spielen eine Rolle. Es gibt auch dramatische Beispiele, die mit Altersarmut zu tun haben. Manche Frauen haben zu wenig Geld, um dann alleine zu leben, haben kein soziales Netzwerk, sind einsam und wissen dann nicht wohin. Auch die Anzahl der Kinder ist in der Vergangenheit angestiegen. Zum Teil kommen Frauen mit fünf, sechs Kindern.

Um Frauenhäuser zu stärken und Missständen entgegenzuwirken, stellt die Bundesregierung in den Jahren 2020 bis 2023 insgesamt 120 Millionen Euro für den Aus-, Um- und Neubau von Frauenhäusern und Beratungsstellen in Deutschland zur Verfügung. Das wurde im Oktober 2019 mit dem Investitionsprogramm "Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen" beschlossen.

Was ist derzeit die größte Herausforderung?

Richter: Durch eine ständige Fluktuation sind wir täglich erneut der Gefahr ausgesetzt und haben kaum Möglichkeiten uns zu schützen. Wir wünschen uns, dass den Mitarbeiterinnen in Frauenhäusern die Möglichkeit gegeben wird, sich regelmäßig einem Corona Test unterziehen zu können, um auch deren Psyche zu stabilisieren und zur Gesundheitsfürsorge beitragen zu können. Zusätzlich besteht bei Neuaufnahmen ein dringender Bedarf, einen Schnelltest durchführen zu können. Dies würde die Sicherheit für Frauen, Kinder und Mitarbeiterinnen gravierend erhöhen.

Was ist für Sie persönlich an der Arbeit das Wichtigste?

Richter: Einer der schönsten Momente ist, wenn dankbare Frauen und Kinder in ihre eigene, neue Wohnung ziehen. Sie in der Nachbetreuung zu uns kommen und darüber berichten, wie es sich anfühlt, gewalt- und angstfrei leben zu können. Dies spiegeln besonders die Kinder wieder, die uns mit strahlenden Augen besuchen oder uns auf der Straße freudig zuwinken.

Ein wundervoller Moment ist ebenfalls, wenn Frauen und Kinder sich im Frauenhaus kennenlernen, sich sozialisieren und bestenfalls Freundschaften entstehen. Dies ist eine große Ressource während und nach dem Aufenthalt im Frauenhaus. Die Frauen stärken sich gegenseitig und bauen sich ein stabiles, zuverlässiges Netzwerk auf.

Träger des Frauenhauses Cottbus ist der Verein "Wir gegen Gewalt "e.V.. Zur Zeit arbeiten in der Einrichtung drei Mitarbeiterinnen in Vollzeit und eine Facharbeiterin für Kinder in Teilzeit. Angeknüpft ist die Beratungsstelle "Leyla" für Migrantinnen und Migranten im Zentrum der Stadt Cottbus. Erreichen können Betroffene das Frauenhaus auch telefonisch und über Facebook. Bundesweit bietet das Hilfetelefon unter der Telefonnummer 0 8000 116 016 rund um die Uhr, anonym und in 18 Sprachen Beratung an.