Drei Fragen an den Deutschen Trachtenverband

"Ein Stück Heimat auf der Haut tragen"

Der Bayerische Trachtenverband war am Donnerstag zu Besuch bei Kanzlerin Merkel. Der Landesverband ist einer von zahlreichen Heimat- und Trachtenverbänden unter dem Dach des Deutschen Trachtenverbands. Ein Gespräch mit Knut Kreuch, Präsident des Dachverbands, über das Trachtenwesen, Heimatverbundenheit und warum Trachten nicht von gestern sind.

Knut Kreuch, gekleidet in weißen Kniestrümpfen, einer beigen Kniebundhose, roter hochgeschlossener Weste, Gehrock und mit Spitzhut.

Knut Kreuch trägt Thüringer Landestracht: lange Kniestrümpfe, hirschlederne Kniebundhose, hochgeschlossene Weste, Gehrock und Dreispitz.

Foto: Bundesregierung (Fotomontage)/Foto: Deutscher Trachtenverband

Eine Million Mitglieder zählt der Deutsche Trachtenverband – das ist erstaunlich. Ist das Tragen einer Tracht denn heute noch zeitgemäß?

Knut Kreuch: Tracht zu tragen, ist gerade in der jetzigen Zeit besonders zeitgemäß. Weil ja Tracht tragen bedeutet, "Heimat auf der Haut zu tragen": Man nimmt ein Stück mit von dem, wo man zu Hause ist, wo man sich wohl, wo man sich geborgen fühlt. Ein denkmalgeschütztes Haus kann man nicht mitnehmen. Ein wertvolles Buch kann man oftmals auch nicht mitnehmen. Aber die Tracht, oder vielleicht auch nur ein Detail der Tracht, die kann man überall mitnehmen, und dort dann zeigen: Ich komme aus dem Schwarzwald, ich aus den Alpen, ich bin ein Spreewälder, ein Norddeutscher, von der Insel Rügen oder aus Thüringen.

Allein in Thüringen gibt es 30 unterschiedliche Trachtengebiete – und Thüringen ist ein kleines Bundesland. Wenn man das hochrechnet auf Deutschland, dann gibt es etwa 1.000 verschiedene Trachten und Trachtenvariationen. 

Woher kommt die Tracht eigentlich? 

Kreuch: In den deutschen Landen hat die Obrigkeit ab dem 18. Jahrhundert genau geregelt, wie der Tagesverlauf eines Menschen abzulaufen hat, aber auch was man tragen darf. So war eben auch geregelt, dass die Bevölkerung auf dem Land eine bestimmte Kleidung zu tragen hat, zu der man dann Tracht gesagt hat. Dabei galt: Man hat eine Kleidung getragen, die seinem Stande entsprechend war. Es gab aber gleichzeitig auch die sogenannten Handwerkstrachten, die wir noch heute kennen: Der Schornsteinfeger trägt eine Tracht, oftmals auch ein Arzt – einen weißen Kittel –, aber auch andere, Bergleute zum Beispiel tragen auch noch eine Tracht. 

Kurz gesagt: Die Tracht ist die Identifikation eines Menschen, woher er kommt und wohin er geht.

Warum ist es wichtig, Trachten zu bewahren? Was hat das mit Tradition und Kulturgut zu tun?

Kreuch: Ich denke, dass die Tracht ein wichtiges Kulturgut ist. Weil es ein Stück von dem verkörpert, wo ich hingehöre. Es ist nicht nur ein Stück Geschichte, sondern auch ein Stück Zukunft. Gerade in dieser schnelllebigen Zeit braucht der Mensch ein bisschen Halt. Und diesen Halt findet er in der Familie, er definiert das als Freizeit, oder auch im Verein. Oder eben auch in etwas, das ihn mit dem verbindet, was er lieb gewonnen hat. Dazu gehört auch die Tracht.

Ich bin ja selber Trachtenträger. Für mich bedeutet die Tracht ein Gefühl von Heimat, von Miteinander, von Kameradschaft. Aber eben auch ein Gefühl, gemeinsam zu tanzen, gemeinsam Mundart zu sprechen, gemeinsam zu musizieren. Es bedeutet, etwas weiterzutragen in die Zukunft, was anderen Menschen schon Halt gegeben hat im Leben.

Knut Kreuch im Porträt mit hochgeschlossener Weste und Spitzhut.

Der 53-jährige Kreuch engagiert sich seit mehr als zwei Jahrzehnten als Chef des Thüringer Landestrachtenverbandes.

Foto: DTV e.V. /Jacob Schröter

Knut Kreuch ist Oberbürgermeister der Residenzstadt Gotha, Chef des Thüringer Landestrachtenverbandes und Präsident des Deutschen Trachtenverbandes. Als Interessenszusammenschluss der Landesverbände ist der Deutsche Trachtenverband der größte Bundesverband der Heimat- und Trachtenpflege in Deutschland. Ihm gehören eine Million Mitglieder an, zudem verfügt er über eine eigene Jugendorganisation. Im vergangenen Jahr hat der Dachverband sein 90-jähriges Bestehen gefeiert. 
Die Pflege und Weitergabe von Traditionen, Ritualen und regionalen Gepflogenheiten ist auch der Bundesregierung ein wichtiges Anliegen. So hat sie beispielsweise 2012 zum Schutz des Immateriellen Kulturerbes eigens eine Geschäftsstelle bei der Deutschen UNESCO-Kommission eingerichtet, die von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert wird.