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Im Wortlaut

Grütters zur "Denkmalkultur in Deutschland"

"Sind wir Deutschen auch mit Blick auf im positiven Sinne identitätsstiftende Erinnerungen "denkmalfähig"?" Diese Frage stellte Kulturstaatsministerin Grütters in ihrer Rede zum Auftakt einer Podiumsdiskussion zum Thema Denkmalkultur.

Montag, 5. September 2016
Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, spricht auf einer Diskussionsveranstaltung zur Denkmalkultur in Deutschland.

Grütters: Warum tun wir uns so schwer mit nationalen Denkmälern?

Foto: Bundesregierung/Loos

Wenn ich überlege, welches Denkmal von überregionaler Bedeutung in jüngster Zeit ganz ohne kontroverse Debatten das Licht der Öffentlichkeit erblickt hat, dann fällt mir spontan nur eines ein: das "Waldmops-Denkmal" in Brandenburg an der Havel - ein Denkmal, mit dem die Stadt an ihren berühmten Sohn Vicco von Bülow alias Loriot erinnert. Zu dessen zweifellos identitätsstiftenden Verdiensten um den deutschen Humor zählt eine zoologische Theorie, den Mops und seine angebliche Abstammung vom Elch betreffend, die dazu führte, dass man ihm ein als "Waldmopszentrum" bezeichnetes Denkmal-Ensemble widmete. Niemand Geringerer als mein Kollege Frank-Walter Steinmeier hat es 2015 in seiner Eigenschaft als Wahlkreisabgeordneter und Vorsitzender des Brandenburger Kulturvereins eingeweiht, begleitet von öffentlichem Beifall und einer durchaus wohlwollenden Medienberichterstattung.

Auf so viel einhellige Begeisterung stößt ein Denkmal von nationaler Relevanz heutzutage ansonsten eher selten. Und auch relativ kurze Planungsphasen kennt man allenfalls aus vordemokratischen Zeiten, als Denkmale von den Herrschenden allein nach eigenem Geschmack und Gutdünken zur Demonstration und zur Ausübung von Macht errichtet wurden - und vielfach wieder zerstört wurden, wenn die Machtverhältnisse sich änderten.

Heute, in einer aufgeklärten Gesellschaft und einem demokratisch verfassten Staat, können wir zwar die Bilder der Vergangenheit stehen lassen, weil wir sie einordnen oder entzaubern, würdigen oder kritisieren können. Wir haben aber umgekehrt ganz offensichtlich Schwierigkeiten, historischen Ereignissen selbst ein Denkmal zu setzen. Nicht zuletzt mit Blick auf das ergebnislose Ringen um ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin und Leipzig treibt mich die Frage um, warum wir uns im 21. Jahrhundert so ungeheuer schwertun, für unser gemeinsames (nationales) Erinnern - für Freude und Stolz genauso wie für Trauer und Scham - eine Formensprache zu finden, die bei der Mehrheit der Menschen im doppelten Wortsinn ankommt und von der Gesellschaft getragen wird. Ich kenne keinen jüngeren Fall, in dem das selbstverständlich gelungen ist.

Liegt es am Pluralismus der Perspektiven, am demokratischen Zwang zum Kompromiss? Hat es mit unserer Geschichte zu tun, mit ihren Brüchen und Abgründen, mit unserem ganz speziellen, deutschen Verhältnis zur Nation und allem Nationalen? Sind es vielleicht auch schlicht unsere langwierigen und komplexen Verfahren, die dafür sorgen, dass gute Ideen in endlosen Abstimmungsschleifen zirkulieren? Denken Sie nur an das neue Luther-Denkmal neben der Marienkirche, das eigentlich zum Reformationsjubiläum 2017 hätte fertig sein sollen, nun aber ein Jahr Zeitverzug hat. Oder trauen wir zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern möglicherweise gar nicht zu, national bedeutsame Ereignisse in einer Weise zu vergegenwärtigen, die die Auseinandersetzung damit fördert und im Ergebnis Identifikation schafft? Warum sonst hat Helmut Kohl eigenmächtig entschieden, ohne Wettbewerb die vergrößerte Pietà von Käthe Kollwitz in den Mittelpunkt der Neuen Wache, des Mahnmals zum Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, stellen zu lassen - sich also der Formensprache des vergangenen Jahrhunderts zu bedienen? Vermutlich wollte er nur niemanden überfordern … .

Diesen Fragen wollen wir auf den Grund gehen, und dazu habe ich einige Experten zur Diskussion über "Denkmalkultur in Deutschland" eingeladen. Siegmund Ehrmann, Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien, hat viel Erfahrung mit politischen Verständigungsprozessen - der oft dissonanten Begleitmusik national bedeutsamer Denkmalvorhaben. Herr Professor Stölzl, Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Museums, ist als ebenso kompetenter wie eloquenter Kenner der deutschen Kultur und Geschichte ein ausgewiesener „Deutschlandversteher“. Auch er hat praktische Erfahrungen mit der Entstehungsgeschichte von Denkmälern, vor allem mit der Neuen Wache. Frau Dr. Kaminsky bringt als Geschäftsführerin der Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur besondere Expertise zu den Debatten rund um ein Freiheits- und Einheitsdenkmal mit und hat unter anderem das Buch „Orte des Erinnerns“ herausgegeben, das auch die „Gedenkzeichen“ zur Diktatur in der SBZ und in der DDR behandelt. Sir Christopher Clark, Professor für neuere europäische Geschichte in Cambridge, bereichert die Diskussion mit seiner sicherlich erhellenden Außenperspektive und hat damit auch in seinen Büchern schon so manche wichtige Debatte angestoßen, etwa mit seinem Bestseller zum Ersten Weltkrieg. Herr Dr. Wiegrefe, als Redakteur beim SPIEGEL zuständig für Zeitgeschichte, wird das Gespräch moderieren.

Herzlichen Dank, dass Sie alle sich die Zeit nehmen für eine wichtige und hoffentlich auch fruchtbare Grundsatzdebatte. Bevor Sie das Wort haben, will ich kurz einige Schlaglichter aus politischer Sicht auf unsere Denkmalkultur werfen, um dieses weite Feld, auf das wir uns gleich begeben werden, ein wenig auszuleuchten.

Dafür lohnt sich zunächst einmal ein Blick zurück auf die Genese des Wortes „Denkmal“. Wie so oft bei besonders prägnanten deutschen Begriffen hatte auch hier Martin Luther seine Hände - oder besser: seinen schöpferischen Geist - im Spiel: „Denckmal“ stand in seiner Bibelübersetzung für "mnemosynon", also ganz allgemein für eine Gedächtnisstütze. Tatsächlich geht es bei einem Denkmal aber auch immer um eine bestimmte Weise der geistigen Aneignung, der Interpretation und Einordnung. So schreibt der Historiker Johann Gustav Droysen - im 19. Jahrhundert einer der ersten, der eine Theorie des Denkmals entwickelte -, Denkmäler wollten, ich zitiere, "aus der Zeit, aus den Vorgängen oder Geschäften, von denen sie Überreste sind, etwas bezeugen oder für die Erinnerung fixieren, und zwar in einer bestimmten Form der Auffassung des Geschehenen und seines Zusammenhangs (…)."

Zumindest in Demokratien, in denen „eine bestimmte Form der Auffassung des Geschehenen und seines Zusammenhangs“ nicht per Dekret verordnet werden kann und soll, trägt ein Denkmal schon den Zündstoff für Konflikte und politische Auseinandersetzungen in sich. Nicht nur konkurrierende, einander vielleicht sogar widersprechende Auffassungen wollen sich wieder finden; auch individuelle, persönliche Erinnerungen erheben Anspruch auf Repräsentation. In einer demokratischen Denkmalkultur spiegelt sich deshalb unvermeidlich die Schwierigkeit, eine der Vielstimmigkeit und den unterschiedlichen Perspektiven angemessene Form des Erinnerns zu finden. Um nur ein Beispiel zu nennen: Wie viele Jahre - Firmenpleiten inbegriffen - hat es gebraucht, um die Brunnenplastik zum Gedenken an die ermordeten Sinti und Roma endlich mit einem Staatsakt zu eröffnen?! Es waren 15! Allein drei Bundespräsidenten haben sich in dieser Zeit an einem Text für die Inschrift versucht … . 

Zeitgenössische Denkmale unterscheiden sich jedenfalls allein schon wegen der notwendigen Verständigungsprozesse ikonographisch stark beispielsweise von denen, die in der neuen Spandauer Dauerausstellung „Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler“ zu sehen sind. (Da hat man jetzt, sieben Jahrzehnte nach Kriegsende, die Reste der „Siegesallee“ mit den Figuren brandenburgisch-preußischer Herrscher wieder aufgerichtet - ein Besuch lohnt sich!) Ich habe auch den Eindruck, dass die Angst vor Konflikten eine gewisse Scheu nährt, Worte, Gesten und Formen zu finden. Jedenfalls beschränken sich Denkmale, die an Katastrophen und Leid erinnern, heutzutage weltweit oft auf die reine Nennung der Opfernamen.

 In Deutschland kommt, was nationale Denkmale betrifft, erschwerend hinzu, dass wir unsere Geschichte - anders als über Jahrhunderte durch eine starke Zentralmacht geprägte Länder wie Großbritannien oder Frankreich - nicht in einer einzigen nationalen Erzählung darstellen können. Die Einheit der deutschen Nation gab es ja auf einem in Kleinstaaten zersplitterten Territorium zunächst nur im Geiste - in der Kultur, in der Philosophie. Und nach all dem Leid, das Deutschland im 20. Jahrhundert über Europa und die Welt gebracht hat, waren Nationaldenkmäler nach 1945 geradezu undenkbar.

Dass nach 1990, als das wiedervereinte Deutschland seine Rolle in Europa und der Welt vorsichtig neu definierte, das lang umstrittene Holocaust-Mahnmal - nach mehr als zehn  Jahren des Debattierens und Streitens, nach Wettbewerben mit mehreren hundert eingereichten Entwürfen und nach mehrfacher Überarbeitung des letztlich ausgewählten Projekts - zum bedeutendsten Denkmal in Berlin wurde, das hat für sich genommen schon hohe Symbolkraft. Neil MacGregor hat anhand dieses Beispiels auf eine Besonderheit deutscher Denkmalkultur aufmerksam gemacht. Er kenne, schrieb er im Buch zu seiner Ausstellung „Deutschland. Erinnerungen einer Nation“, er kenne „kein anderes Land, das in der Mitte seiner Hauptstadt ein Mahnmal der eigenen Schande errichtet hätte.“ 

Als eine weitere Besonderheit deutscher Denkmalkultur scheint sich nun mit dem vorläufigen Aus für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal das Unvermögen herauszukristallisieren, prägenden freudigen und hoffnungsvollen historischen Ereignissen und Entwicklungen ein Denkmal zu setzen. Glücklich, ja vielleicht sogar stolz und selbstbewusst zurückzuschauen auf die eigene Freiheits- und Demokratiegeschichte, das fällt uns offenbar besonders schwer. Immerhin - auch das gehört ja zur Wirkmacht von Denkmälern, und zwar schon, bevor sie überhaupt existieren - hat der Beschluss, der Friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung ein Denkmal zu setzen, eine durchaus produktive, öffentliche Debatte über den Wert der hart erkämpften Freiheit und Einheit ausgelöst. Aber anders als - nach langen Jahren des Streitens - beim Holocaust-Mahnmal ist es (bisher) nicht gelungen, die gesellschaftliche Selbstverständigung in ein weithin sichtbares Wahrzeichen unseres Selbstverständnisses münden zu lassen. 

Stattdessen hat ausgerechnet das Brandenburger Tor mit seiner wechselvollen, 225jährigen Geschichte eine Symbolkraft entwickelt, die weit über seine ursprüngliche Rolle als Stadttor hinausweist. Es steht für die brutalen Brüche in unserer Geschichte, für Ideologie, Krieg, Zerstörung, Unfreiheit und nicht zuletzt für die Teilung Deutschlands und Europas. Aber viel mehr noch ist es Symbol geworden für Einheit, Freiheit und Frieden. Es steht wie kein anderes Bauwerk für das Glück der Wiedervereinigung und der wiedergewonnenen Freiheit. In gewisser Hinsicht ist es das nationale und internationale Freiheits- und Einheitsdenkmal, weil die Bevölkerung und die Besucherinnen und Besucher aus aller Welt es sich längst als solches angeeignet haben. 

Doch damit sind die Fragen, die sich aus dem (vorläufigen) Aus für das Freiheits- und Einheitsdenkmal ergeben, nicht aus der Welt: Sind wir Deutschen auch mit Blick auf im positiven Sinne identitätsstiftende Erinnerungen „denkmalfähig“? Sind wir in der Lage, ein Nationaldenkmal zu errichten, das unsere Freiheitstraditionen, insbesondere die Friedliche Revolution in der DDR und die Wiedervereinigung als historische Leistung vieler Bürgerinnen und Bürger, reflektiert? Kann es heute in unserer pluralistischen Demokratie noch so etwas wie ein nationales Denkmal geben - eine Formensprache, die anschlussfähig ist an unterschiedliche Standpunkte? Ist es überhaupt sinnvoll, eine nationale Denkmalkultur am Leben erhalten zu wollen, obwohl wir für die europäische Einigung eintreten und darum ringen, uns jenseits nationaler Egoismen als Europäer zu fühlen? Diese und weitere Fragen will ich unserer Gesprächsrunde überlassen, meine Damen und Herren. 

Fest steht: Deutschland verdankt seine heutige Identität und sein mittlerweile wieder hohes Ansehen in der Welt nicht zuletzt seiner Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. "Sie [die Bundesrepublik Deutschland] ist das Deutschland, das ich liebe“, bekannte der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani 2014 in seiner Rede zum 65. Geburtstag unseres Grundgesetzes im Deutschen Bundestag, und ich zitiere weiter: „eine Nation, die über ihre Geschichte verzweifelt, die bis hin zur Selbstanklage mit sich ringt und hadert, zugleich am eigenen Versagen gereift ist, die nie mehr den Prunk benötigt, ihre Verfassung bescheiden ,Grundgesetz‘ nennt und dem Fremden lieber eine Spur zu freundlich, zu arglos begegnet, als jemals wieder der Fremdenfeindlichkeit, der Überheblichkeit zu verfallen." 

Ja, Geschichte vergeht nicht einfach. Die Art und Weise, wie wir sie vergegenwärtigen, prägt unser Bild von uns selbst, sie prägt unsere Gegenwart  und unsere Zukunft. Eben deshalb lohnt sich die Auseinandersetzung mit unserer Erinnerungs- und Denkmalkultur, so zäh und mühsam solche Debatten bisweilen auch sind. Ich jedenfalls freue mich auf die Diskussion und hoffe, dass sie uns hilft, nicht nur am eigenen Versagen, am Ringen und Hadern mit der Vergangenheit zu reifen, sondern auch im Bewusstsein der eigenen Freiheitstraditionen zu wachsen.