"Gesundes Essen soll Spaß machen und schmecken"

Vorsitzender Stiftung Kindergesundheit im Interview "Gesundes Essen soll Spaß machen und schmecken"

Durch die Kontaktbeschränkungen wird in Familien wieder mehr selbst gekocht und gemeinsam gegessen. Professor Berthold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit, hofft, dass dieser positive Trend Bestand hat. Wie das gelingen kann und was alles auf den Teller kommen sollte, berichtet er im Gespräch.

Eine Familien bereitet gemeinsam das Essen zu.

Gemeinsames Kochen: "Wenn der Teller bunt ist, hat man vieles richtig gemacht", erklärt der Vorsitzende der Stiftung Kindergesundheit.

Foto: Getty Images/Westend61

Herr Koletzko, wie steht es um die Ernährungsgewohnheiten in Familien in Deutschland?

Berthold Koletzko: Grundsätzlich machen sich Familien mit Kindern mehr Gedanken ums Essen, als Menschen ohne Kinder. Insbesondere, wenn die Kinder klein sind bis etwa zur Einschulung, ist Essen für Familien ein großes Thema. Auf der anderen Seite ist es im Alltag natürlich nicht immer leicht, alles so zu machen, wie man gerne möchte. Da fehlt die Zeit, da fehlen die Möglichkeiten. Aber auch Faktoren wie die Lebenssituation oder das Einkommen haben einen Einfluss darauf, was man ermöglichen kann und was nicht.

Wie hat sich das Essverhalten in Deutschland entwickelt?

Koletzko: Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass die Ernährungskompetenz in der jüngeren Generation im Vergleich zur älteren abgenommen hat. Das heißt: bei jungen Familien, bei jungen Eltern sind weniger Kenntnisse und auch weniger Fertigkeiten vorhanden. Die Traditionen der älteren, die gelernt haben wie Mahlzeiten aus Grundnahrungsmitteln selbst zubereitet werden, sind ein Stück weit verloren gegangen. Viele sind auf Fertigprodukte, Halbfertigprodukte oder auf Essen aus der Kantine angewiesen.

Woher kommt das?

Koletzko: Das liegt an der Veränderung der Lebensbedingungen. Wenn beide Partner ganztags arbeiten, ist es natürlich herausfordernder, frische Lebensmittel einzukaufen und abends selbst zuzubereiten: Die Kinder sind da, man ist berufstätig und dann hat man ja auch noch andere Dinge zu tun, als sich nur ums Essen zu kümmern.

Früher blieben Mütter öfter zu Hause. Sie haben selbst gekocht, vielleicht sogar mit Lebensmitteln des eigenen Gartens. Das war eine ganz andere Welt, als die von Familien in Großstädten, wie sie heute ist. Man kann nicht pauschal sagen, früher sei alles besser gewesen. Es war nicht alles besser, es war nur anders. Wir müssen uns auf die Bedingungen von heute einstellen und versuchen, Kenntnisse und Kompetenzen wieder zu stärken.

Familien sollten wissen, dass es gut ist, frisches Gemüse und Obst auf den Tisch zu bringen. Dies ist für die Kinder, für die Ernährungsqualität und für das Erlernen des Geschmackes gut und wichtig. Man kann also nur ermutigen.

Viele Familien sind auf Fertigprodukte angewiesen, um Zeit und Kosten zu sparen. Wie schätzen Sie die Qualität der Produkte ein?

Koletzko: Bei Fertigprodukten gibt es eine große Spannbreite von unterschiedlichen Qualitäten. Sehr oft steckt darin aber zu viel Zucker, Salz und gesättigtes Fett, sodass ein häufiger Verzehr von Fertigprodukten in vielen Studien gesundheitliche Nachteile zeigt.

Um die gesünderen Fertigprodukte auszuwählen, muss der Verbraucher heute mühsam das Kleingedruckte auf der Packungsrückseite lesen. Wenn Eltern nach einem Acht-Stunden-Tag vom Büro in den Supermarkt laufen und schnell nach Hause wollen, dann macht das natürlich keiner. Wenn ich im Laden vor der Truhe mit zwölf Tiefkühlpizzen stehe und zwölfmal das Kleingedruckte lesen will, laufe ich Gefahr, dass der Laden schließt, bevor ich damit fertig bin.

Deshalb bin ich ein großer Freund der Entscheidung der Bundesregierung, mit dem NutriScore eine einfache Farbkennzeichung auf die Packungsvorderseite verarbeiteter Lebensmittel zu bringen. Damit können Verbraucher auf einen Blick erkennen, welches der verschiedenen Produkte in einer Lebensmittelgruppe das gesündere ist. Eine breite Farbkennzeichnung mit dem NutriScore kann auch Hersteller motivieren, ihre Produkte zu verbessern. Denn wenn der Verbraucher gute Produkte leicht erkennen kann, werden sie diese auch vermehrt auswählen.

Wie hat sich Corona auf das Essverhalten ausgewirkt?

Koletzko: Durch Corona sind viel mehr Menschen zu Hause im Homeoffice und es wird mehr selbst gekocht. Die Medien berichten, dass die Auslieferung von Kochboxen, die das Selbstkochen erleichtern, stark zugenommen hat. Die Supermärkte verzeichnen Umsatzsteigerungen; es wird weniger an Fertiggerichten verzehrt. Das sind gute Nachrichten.

Corona ist also auch eine Chance für eine bessere, gesundheitsfördende Ernährung in der Familie und für mehr gemeinsames Essen mit einem Austausch zwischen Kindern und Eltern. Es ist auch eine Chance für die Zubereitung der Mahlzeiten gemeinsam mit den Kindern. Es gilt, Lebensmittel klug auszuwählen. Denn wir wissen alle: viel Gemüse, Salat und Obst sind super für unsere Gesundheit.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Berichte, dass in der Corona-Zeit die Zahl an Übergewichtigen deutlich angestiegen ist. Wahrscheinlich wurde mehr und anders gegessen, vielleicht spielt bei Einzelnen auch "Frustessen" eine Rolle. Ein weiterer Risikofaktor kann ein Rückgang an regelmäßiger Bewegung sein – sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen.

Viele gehen wieder zur Arbeit, Schulen öffnen: Wie lässt sich dieser positive Trend beibehalten und in den Alltag integrieren?

Koletzko: Dazu ein Beispiel einer Familie aus meiner Sprechstunde, die die positiven Entwicklungen aus der Corona-Zeit weiterführt. Die Mutter hat einen Bürojob und war drei Monate im Homeoffice zu Hause. Sie fand es wunderbar, in dieser Zeit immer selbst zu kochen; das Essen viel besser als in der Kantine. Nun ist sie etwa zur Hälfte der Woche im Büro, die andere Zeit zu Hause. Jetzt nimmt sie sich von zu Hause selbst gekochtes Essen mit zur Arbeit. Das kann sie dort in der Mikrowelle erwärmen. Wenn sie in die Kantine geht, dann eher um die Kollegen bei einem Kaffee zu treffen.

Wie können sich Familien mit schmalem Geldbeutel gesund ernähren?

Koletzko: Für Familien mit wenig Geld kann es im Alltag oft schwierig sein. Wenn wir weniger Fleisch essen und dafür mehr Gemüse, Getreide, Eier oder Milchprodukte auf den Tisch bringen, kann man damit viel Geld sparen und trotzdem eine sehr hochwertige Ernährung ermöglichen. Wir wissen doch alle, dass viel Fleisch für uns gar nicht gut ist.

Wie sieht eine perfekte gesunde Woche aus?

Koletzko: Da gibt es viele Empfehlungen und unterschiedliche Wege, weil natürlich jede Familie ihre eigenen Traditionen hat und auch die Geschmackspräferenzen unterschiedlich sind. Eine gute Richtschnur ist die Lebensmittelpyramide und der Ernährungskreis der DGE. Im Mittelpunkt sollten Gemüse und Getreideprodukte stehen, ergänzt durch eine gute Portion Milch, Eier und Fisch sowie ausreichend Wasser, wenig Fleisch und gesättigtes Fett und keine gezuckerten Getränke.

Was man nun daraus macht, hängt davon ab, was Kinder mögen. Wenn Kinder gerne Spaghetti essen, kann ich das wunderbar variieren: Spaghetti mit Tomatensauce und Gemüse ist ein herrliches Gericht. Dann bringe ich andere Geschmackskomponenten ein und brauche nicht immer Wurst und Fleisch.

Doch auf das Wienerwürstchen zu verzichten, kann für Kinder schon schwer sein …

Koletzko: Gegen das Wienerwürstchen ist ja auch nichts zu sagen. Die Kinder sollen gerne essen und die Vielfalt genießen. Doch es muss nicht jeden Tag Wurst und Fleisch sein. Die Mischung und die Menge machts. Eine einfache Regel ist: wenn der Teller bunt ist, hat man vieles richtig gemacht.

Essen soll Spaß machen und soll auch schmecken. Es muss nicht immer alles todernst genommen werden. Wenn die Richtung stimmt, dann dürfen Kinder auch mal was Verrücktes essen und einen Hamburger oder ein Eis genießen.

Was kann man bei der Hitze schnell und einfach zubereiten?

Koletzko: Das A und O ist: viel Wasser trinken. Kindern sollte man sieben- bis achtmal am Tag ein Glas Wasser hinstellen. Wir verlieren bei der Hitze viel Wasser ohne, dass wir es merken: über die Haut und auch über die Atmung.

Wenn die Kinder gern ein Eis essen wollen, dann sollen sie das machen. Dazu muss es nicht immer das Sahne-Eis sein. Man kann Eis zum Beispiel auch ganz leicht aus Fruchtsaft selbst herstellen.

Man sollte keine schweren Sachen essen, sondern eher leichte Speisen. Obst und Gemüse sind auch hier wieder das Richtige. Und: Essen Sie kleine Portionen.