Statement von Kanzler Merz vor dem Abflug zum G7-Gipfeltreffen in Évian-les-Bains
Vor dem Aufbruch zum G7-Gipfel ins französische Évian-les-Bains hat Bundeskanzler Friedrich Merz auf die fordernde Lage der Weltpolitik hingewiesen – die aber auch Chancen eröffne. Deutschland spiele dabei eine wichtige Rolle, betonte der Kanzler vor seiner Abreise.
4 Min. Lesedauer
- Mitschrift Pressekonferenz
- Montag, 15. Juni 2026
Kanzler Merz hat vor seinem Abflug zum G7-Gipfel betont, dass man neue geopolitische Risiken nur gemeinsam lösen könne.
Foto: Bundesregierung/Jesco Denzel
Bei einem Statement vor Aufbruch zum G7-Gipfel in Évian-les-Bains in Frankreich hat Bundeskanzler Friedrich Merz die „ausgesprochen bewegte Phase der Weltpolitik“ in den Blick genommen. Sie fordere, eröffne „aber auch einige Chancen“, sagte der Kanzler. Mit Bezug auf den Iran verwies er auf die guten Entwicklungen der vergangenen Tage. Deutschland unterstütze und fördere diese Anstrengungen. Auch beim Krieg in der Ukraine zeige sich eine neue positive Dynamik, über die in Évian-les-Bains auch mit US-Präsident Donald Trump gesprochen werden soll.
Trotz dieser positiven Anzeichen bleiben die geopolitischen Probleme die größte Herausforderung für die Weltwirtschaft. Deshalb wollen die G7 die Wachstumsagenda voranbringen, den geopolitischen Risiken gemeinsam begegnen und die eigene Wettbewerbsfähigkeit stärken, bekräftigte der Kanzler. Dafür brauche es „verlässliche Handelsbeziehungen“ und „einen fairen globalen Wettbewerb“. Zudem gelte es, die G7 selbst weiterzuentwickeln. Deutschland spiele dabei eine wichtige Rolle, „mit transatlantischem und europäischem Teamgeist.“
Der G7-Gipfel findet vom 15. bis 17. Juni 2026 auf Einladung des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron im französischen Évian-les-Bains statt. Lesen Sie hier die wichtigsten Informationen.
Lesen Sie hier die Mitschrift des Statements:
Meine Damen und Herren, herzlich willkommen! Ich breche gleich zum Treffen der G7 in Évian auf. Dieser Gipfel findet in einer ausgesprochen bewegten Phase der Weltpolitik statt. Die Lage fordert uns. Sie eröffnet aber auch einige Chancen. Zu Recht wird Präsident Emmanuel Macron als Gastgeber geopolitische Fragen in den Mittelpunkt dieses Treffens stellen.
In den letzten Tagen und Stunden haben sich im Mittleren Osten einige gute Entwicklungen gezeigt. Ich begrüße sehr, dass sich die Vereinigten Staaten und Iran auf ein Friedensmemorandum geeinigt haben. Zu diesem diplomatischen Durchbruch gratuliere ich Präsident Trump und der iranischen Seite. Ich danke allen Partnern, die mitgeholfen haben, dies zu ermöglichen, namentlich Pakistan und Katar. Das Abkommen kann nun den Weg zu einer Erholung auch der Weltwirtschaft und einer Stabilisierung der Region bahnen.
Jetzt gilt es, das Vereinbarte zielstrebig umzusetzen. Die Straße von Hormus muss dauerhaft und uneingeschränkt für die freie Schifffahrt geöffnet werden. Weitere Verhandlungen müssen in den nächsten Wochen sicherstellen, dass Iran sein militärisches Nuklearprogramm nachprüfbar und auf Dauer beendet. Die Vereinbarung muss auch im Libanon halten. Wie wichtig das ist, haben wir auch gestern wieder gesehen.
Die Bundesregierung unterstützt und befördert weiterhin alle entsprechenden und dahin gehenden Anstrengungen. Wir wollen uns mit unseren Partnern bei der Gewährleistung freier Schifffahrt in der Straße von Hormus engagieren. Das tun wir, sobald die entsprechenden Voraussetzungen gegeben sind. Dazu werden wir in Évian mit den Vereinigten Staaten, mit Präsident Trump, mit den europäischen Partnern und den Staaten der Region beraten.
Auch der Krieg in der Ukraine wird uns notwendigerweise wieder beschäftigen. Seine Dynamik hat sich in den vergangenen Tagen ungeachtet der Angriffe, die wir in der vergangenen Nacht gesehen haben, deutlich zugunsten der Ukraine verändert. Dazu hat auch unsere deutsche und europäische Hilfe für Kyjiw maßgeblich beigetragen. Die Ukraine ist heute in einer neuen Position der Stärke. Russland kann militärisch nicht gewinnen. Zudem ist seine Wirtschaft angeschlagen.
Ich sage mit der sehr gebotenen Vorsicht und Zurückhaltung: Erstmals kann sich hier langsam ein Fenster für die Diplomatie öffnen. Auch hierin liegt eine Chance. Darüber haben Keir Starmer, Emmanuel Macron und ich, wie Sie wissen, am Sonntag der letzten Woche in London ja mit Präsident Selenskyj auch ausführlich beraten. Wir haben gemeinsam fünf Eckpunkte formuliert, über die wir in Évian auch mit Präsident Trump sprechen wollen. Dies können erste Schritte – aber, noch einmal, alles im Konjunktiv – eines neuen diplomatischen Anlaufs hin zu Friedensverhandlungen zwischen der Ukraine, Russland, Europa und den Vereinigten Staaten sein.
Die geopolitische Lage bleibt trotzdem ein Stresstest für die ganze Weltwirtschaft. Wir wollen diesen Test bestehen. Deshalb wollen wir in der G7 auch über eine Wachstumsagenda miteinander sprechen. Wir wollen das voranbringen. Wir brauchen verlässliche Handelsbeziehungen, und wir brauchen einen fairen globalen Wettbewerb.
Den neuen geopolitischen Risiken wollen wir, wo immer möglich, jetzt auch gemeinsam weiter begegnen. Deshalb stärken wir unsere eigene Wettbewerbsfähigkeit, und wir bauen die Zusammenarbeit untereinander aus, gerade bezüglich Schlüsselthemen wie zum Beispiel kritischer Rohstoffe und resilienter Lieferketten. Das alles kann uns widerstandsfähiger machen. Es stabilisiert zugleich die internationale Ordnung.
In Évian wollen und müssen wir die G7 selbst weiterentwickeln. Dazu gehört, dass wir hartnäckig an der transatlantischen Partnerschaft arbeiten. Entscheidend wird sein, dass wir weiter massiv in einen starken europäischen Pfeiler der NATO investieren. Deutschland spielt dabei, wie Sie wissen, eine wichtige Rolle, mit transatlantischem und europäischem Teamgeist. Wir wollen die G7 aber auch stärker für neue Partner öffnen. Ich freue mich deshalb, dass Präsident Macron auch Amtskollegen aus Indien, Brasilien, Korea, aus der Golfregion und aus Afrika eingeladen hat.
Ich bin also froh, dass Emmanuel Macron der Gastgeber ist. Die letzten Tage haben gezeigt, ob es sich um die Ukraine handelt oder um strategische Rüstungsvorhaben: Wir können gemeinsam auch schwere Entscheidungen treffen. Dafür bin ich dankbar. In diesen bewegten Zeiten kommt es auf das deutsch-französische Verhältnis und auf die deutsch-französische Freundschaft mehr denn je an. Sie wissen, dass ich auch persönlich hier engagiert bin und bleibe, aus tiefster Überzeugung, dass Deutschland und Frankreich wichtige Motoren für die gesamte europäische Integration sind, aber auch für unser gemeinsames transatlantisches Verhältnis.
Herzlichen Dank!