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Europa und der Mauerfall: "Der Baltische Weg" 1989

"Auf einmal wehte der Wind of Change durch die Straßen"

23. August 1989: Eine Million Esten, Letten und Litauer halten sich an den Händen und demonstrieren für die Unabhängigkeit ihrer Staaten. Es ist die längste Menschenkette der Geschichte: von Tallinn über Riga bis nach Vilnius. Mit dabei: der 19-jährige Ost-Berliner Frank Drauschke. Über seine bewegenden Erfahrungen berichtet er im Interview.

Männer und Frauen halten sich an den Händen und bilden eine Menschenkette. Im Hintergrund weht die litautische Nationalflagge.

650 Kilometer - so lang reichte die Kette, die die Menschen im Baltikum am 23. August 1989 bildeten.

Foto: Von Kusurija - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, commons.wikipedia

Wie kam es dazu, dass Sie im Sommer 1989 ins Baltikum gereist sind?

Ich engagierte mich schon länger in Oppositionsgruppen in meinem Wohnort in Berlin-Weißensee. In einer Oppositionszeitung stieß ich auf eine Kontaktadresse eines Dozenten an der Rigaer Uni, der einer ökologischen Gruppe angehörte. Über ihn konnte man eine Einladung in die Sowjetunion bekommen - für Reisen in die Sowjetunion brauchte man damals eine offizielle Einladung. Da ich entschieden hatte, erst mal nicht nach Ungarn zu fahren und abzuhauen, habe ich die Adresse angeschrieben und eine Einladung bekommen.  

Und wie ging es dann weiter?

Im Juli bin ich dann mit einem Freund zusammen über Leningrad nach Riga gereist. In Riga wohnten wir bei diesem Dozenten der Rigaer Uni. Wir trafen dort auf andere oppositionelle Jugendliche aus der DDR. Anschließend sind wir Richtung Tallinn getrampt. Dabei haben wir viele Leute kennengelernt – unter anderem auch Litauer, mit denen ich jetzt seit 30 Jahren befreundet bin.

Die Zeit von Perestroika und Glasnost: Im Baltikum protestieren die Menschen in einer "Singenden Revolution" mit Volksliedern gegen die sowjetische Besatzung. Zum 50. Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes am 23. August 1989 erreichen die Unabhängigkeitsbestrebungen ihren Höhepunkt: Oppositionsgruppen  in den drei baltischen Ländern organisieren eine Menschenkette – den "Baltischen Weg". Er gipfelt um sieben Uhr abends, als sich Menschen entlang der Menschenkette für 15 Minuten an den Händen halten.

Wie haben Sie von der Aktion der Menschenkette erfahren?  

Die Menschenkette war in wenigen Tagen kurz vor dem 23. August organisiert worden. Es wussten nicht viele darüber Bescheid. In Tallin haben mein Kumpel und ich uns getrennt. Er ist wieder heimgefahren, weil es ihm doch nicht so behagte. Ich bin alleine nach Riga zurück und habe wieder Kontakt aufgenommen zu der Familie des Dozenten und den anderen oppositionellen DDR-Jugendlichen. Plötzlich lag etwas in der Luft, es hieß von meinen lettischen Bekannten: Jetzt passiert etwas ganz Großes - es gibt eine Menschenkette.

Der Baltische Weg 23. August 1989. Kartenausschnitt mit den Ländern Estland, Litauen und Lettland. Eine gestrichelte Linie führt durch die drei Länder und zeigt die Menschenkette an.

Menschenkette durch das Baltikum, hier auf einer Landkarte mit den heutigen Ländergrenzen und -namen.

Foto: Bundesregierung

Wie haben Sie diesen historischen Moment erlebt?

Wir waren außerhalb von Riga und sind am 23. August nach Riga reingefahren. Und dann war klar: Da geht man hin. Ich stand mitten im Zentrum von Riga, hinter der Freiheitsstatue. Dort war ich Teil von dieser Menschenkette. Es war wahnsinnig beeindruckend dabei zu sein. Für mich als DDR-Bürger war es die erste freie Demonstration überhaupt. Und dann natürlich die weltgrößte. Dieser Geist von Freiheit - gemeinsam für etwas da zu sein in friedlicher Form - das war einfach überwältigend.

In der DDR gab es solche Demonstrationen zum damaligen Zeitpunkt noch nicht. Wie war das für Sie? 

Ich dachte, hier sieht ja schon alles toll aus. Überall waren die Städte voll mit den Nationalflaggen, ein halbes Jahr zuvor waren sie noch komplett verboten gewesen. Auf einmal wehte der "Wind of Change" durch die Straßen. Ich erinnere mich, ich hatte in Riga eine Ausgabe der ZEIT bekommen, wo über die Flucht über Ungarn berichtet wurde, und dachte: Hier passiert was, und wenn ich nach Hause komme, bin ich der letzte, der das Licht ausmacht.

Inwieweit hat dieses Ereignis Sie weiter beeinflusst?

Es hat mich nur noch weiter darin bestärkt, dass man was verändern kann und auch hier in der DDR weiter dranbleiben muss. Und dann ging es natürlich auch sehr schnell, nachdem ich im Herbst zurück war. Ich war weiter in Oppositionsgruppen dabei. 

Und es hat mir die internationale Perspektive aufgezeigt: Dass man eben nicht allein ist, dass das überall passiert, und die Leute aufstehen.

Drauschke im Porträt plus Text: . Heute ist Drauschke Geschäftsführer des Forschungsinstituts "Facts & Files" und betreut das Digitale Archiv "Europeana 89".

Die Fragen beantwortete Frank Drauschke.

Foto: Facts & Files