Merkel würdigt Engagement von Jung und Alt

Digitaler Bürgerdialog Merkel würdigt Engagement von Jung und Alt

Die Kanzlerin hat zu einem verstärkten Miteinander der Generationen aufgerufen – auch nach der Pandemie. Viele Ältere, aber auch Jüngere hätten eine harte Zeit erlebt. Nun sei es wichtig, trotz besserer Lage weiter „noch eine Weile aufeinander“ zuzugehen. Bei ihrem digitalen Bürgerdialog diskutierte Merkel mit jüngeren und älteren Menschen über den Zusammenhalt in Corona-Zeiten.

Ein Monitor zeigt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Bürerdialogs von Kanzlerin Merkel zum Zusammenhalt der Generationen.

Digitaler Bürgerdialog von Kanzlerin Merkel: Den Zusammenhalt der Generationen stärken.

Foto: Bundesregierung/Bergmann

Seit 65 Jahren ist Winifried Hakl verheiratet. Die 85-jährige lebt mit ihrem Mann in einem Seniorenstift in Weimar – in unterschiedlichen Gebäuden. Konsequenz für das Thüringer Ehepaar: In der Corona-Zeit konnten sich beide drei Monate lang nicht mehr aus der Nähe sehen. „Das hat uns sehr zu schaffen gemacht“, erzählt Hakl im Online-Dialog. Aber wenigstens hätten sich beide ab und zu mal von Balkon zu Balkon zuwinken können. Andere aus dem Seniorenstift hätten die Zeit als noch schlimmer empfunden.

Hakl berichtet von einer Mitbewohnerin, die an der Liebe ihrer Tochter zu ihr gezweifelt hätte, weil sie lange Zeit nicht mehr zu Besuch gekommen sei. Dabei waren Besuche von Angehörigen in der Zeit gar nicht möglich. Kraft hätte ihnen allen im Seniorenheim jedoch das Engagement von Künstlerinnen und Künstlern gegeben, die einmal in der Woche ein Balkonkonzert gegeben hätten. „Es war solch eine Freude und so schön, dass ich gesagt habe, für uns ist der Donnerstag der Sonntag“, so Winifried Hakl.

Mehr Kontakte von Jungen zu Älteren

Auch Lisa Gaffron blickt auf eine schwierige Zeit zurück. Die 19-Jährige studiert etwa seit einem Jahr Politikwissenschaft in Hannover – und war noch kein einziges Mal in der Uni. Vorlesungen liefen bislang nur digital, kein persönlicher und analoger Austausch mit anderen Studierenden. „Vor allem habe ich in der Zeit Freunde vermisst“, sagt Gaffron. Zudem habe sie das Gefühl gehabt, “nur noch zu arbeiten“. Trotz ihrer Belastung hat sie sich in dieser Zeit für andere engagiert, u.a. durch Erledigungen von Einkäufen. Dadurch habe sie auf dem Höhepunkt der Pandemie zu Älteren wesentlich mehr Kontakt gehabt als vorher.

Belastungen für beide Generationen

Sowohl Jung und Alt haben in den vergangenen Monaten besondere Belastungen erfahren. Für die Älteren waren es oft Sorgen um die Gesundheit und häufige Einsamkeit. Die Jüngeren hatten mit Schulschließungen, besonderen Bedingungen an den Universitäten, Zukunftssorgen und den wenigen Möglichkeiten zu kämpfen, Freunde zu treffen oder Hobbys nachzugehen. Zugleich haben sich aber viele Jüngere und Ältere füreinander eingesetzt: Das wurde beim digitalen Bürgerdialog der Kanzlerin deutlich. Mit insgesamt zwölf Menschen unter 25 und über 65 Jahren sprach Angela Merkel über die jeweiligen Erfahrungen. Und darüber, wie sich der generationenübergreifende Zusammenhalt auch künftig stärken lässt.

Die Bundeskanzlerin setzte damit ihre digitale Dialogreihe fort, um mit möglichst vielen Bürgerinnen und Bürgern auch während der Pandemie im Gespräch zu bleiben.

Wie wichtig der Kanzlerin das Thema Solidarität ist, machte sie gleich zu Beginn des eineinhalbstündigen Gesprächs deutlich: „Wir haben sehr oft gesagt, wir wollen die Älteren schützen, weil sie besonders anfällig gegen dieses Virus sind. Und dann müssen alle in der Gesellschaft einen Beitrag leisten. Aber irgendwann haben dann die Jüngeren jetzt gesagt, jetzt sind wir auch mal wieder dran“, fasste Merkel die Empfindungen vieler Menschen zusammen. Zunächst hätte die Älteren im Fokus gestanden, nun seien die Jüngeren aufgrund der Impfsituation noch nicht so geschützt.  

Merkel: Impfangebote annehmen  

Umso mehr appellierte Merkel, die Impfangebote, die es für alle über 12 Jahren gebe, wahrzunehmen. Das Impfen sei „das A und O, damit wir wieder gut in den Herbst kommen“. Auch in den schwierigen Phasen der Pandemie sei sie stets zuversichtlich geblieben: „Wir haben schnell gewusst, was man darf und was nicht“, so Merkel. Zudem habe sie schnell gemerkt, „dass so viele Menschen mitgemacht haben“, Masken getragen und Abstand gehalten und sich ehrenamtlich engagiert hätten.

Mehrgenerationenhaus verbindet

Die Beispiele für dieses Engagement – generationsübergreifend – sind vielfältig. Da ist die 66-jährige Helga Stagliano, die im Mehrgenerationenhaus Wunsiedel unterstützt, einem Haus, wo alle Fäden zusammenlaufen, „von der Krabbelgruppe bis hin zu den Älteren“. Stagliano macht die Einkäufe für die älteren Bewohnerinnen und Bewohner. Zudem hat sie in der Pandemie einen digitalen Lesetreff gegründet - auch Kinder mit Migrationshintergrund nehmen teil. „Wir haben sogar ein sechsjähriges Mädchen aus Syrien dabei, das uns Märchen vorliest“, berichtet Helga Stagliano.

Hilfe für pflegende Angehörige

Für ein weiteres Beispiel besonderen Engagements steht Gudrun Born, mit 90 Jahren die älteste Teilnehmerin des Dialogs. 17 Jahre lang hat sie ihren kranken Mann gepflegt. Nach dem Tod ihres Mannes gründete sie in Frankfurt/Main eine Nachbarschaftshilfe, mit zeitweise 120 ehrenamtlich Mitarbeitenden. Außerdem unterstützt sie Familien mit pflegenden Angehörigen, die mit der Bürokratie der Pflegeversicherung nicht zurechtkommen. Ihren Seniorenkreis hat Gudrun Born in der Pandemie auf Telefonkonferenzen umgeschaltet, um sich all die Monate nicht aus den Augen zu verlieren. Die Corona-Zeit nennt sie eine „außergewöhnliche Belastung, die ich mir überhaupt nicht hätte vorstellen können“, so die 90-Jährige.

Junge engagieren sich in der Pandemie

Engagement zeigen auch die Jüngeren. Justus Steyer kommt vom Bodensee, und wollte nach der Schulzeit auf große Reise gehen. Dann kam Corona – und der 22-Jährige schaffte es zumindest bis nach Dresden. „Ich wollte trotz der Pandemie mal weg von zuhause“, erzählt Steyer. In Dresden absolviert er einen Bundesfreiwilligendienst in einem Seniorenheim. Die täglichen Gespräche mit den älteren Menschen hätten ihm sehr geholfen und ihn persönlich weitergebracht. Diese Kontakte seien für ihn sehr wichtig gewesen. Pandemiebedingt habe er zu anderen jungen Leuten als Zugezogener kaum Kontakt aufbauen können.

Im selben Alter ist Rene Bellinghausen, er setzt sich beim Deutschen Bundesjugendring für die Interessen von Kindern und Jugendlichen ein. Und hat in der Pandemie neben seinem Studium viele Stunden am heimischen PC verbracht, um Hilfsangebote für Familien zu organisieren, die sozial schlechter gestellt sind. Er sieht eine Trennlinie in der Gesellschaft auch weniger zwischen den Generationen, sondern vielmehr zwischen Arm und Reich.

Verbindungen auch zwischen den Kulturen

Eine Brücke besonderer Art schlagen zwei weitere Teilnehmer des Dialogs: Sie engagieren sich für Jung und Alt – und für Integration. Der 25-Jährige Otis Benning ist im Verein „Start with a friend“ in Köln aktiv. Ansatz ist, vor allem ältere Menschen ohne und jüngere Menschen mit Einwanderungserfahrung zusammenzubringen. Während der Pandemie sei dies mit Streaming-Konzerten mit arabischer und deutscher Traditionsmusik gelungen. Benning hofft, diese positiven Erfahrungen aus der Pandemie auch künftig einsetzen zu können.

Elka Nadas hat ihr Berufsleben schon hinter sich. Und danach den Wunsch gehabt, der Gesellschaft etwas zurückzugeben, erzählt sie im Online-Dialog. Deshalb engagiert sie sich bei der Bürgerstiftung Hamburg in einem Mentorenprojekt für türkische Kinder. In der Pandemie hatte Elke Nadas die Befürchtung, dass „das alles zugrunde geht“. Die Mentoren wären aber auch in dieser Zeit sehr kreativ gewesen, hätten den Kindern Corona-konform bei den Hausaufgaben geholfen oder wären mit ihnen Rad gefahren. Den Kontakt zu halten sei das Wichtigste gewesen.

Weiter aufmerksam bleiben

Angesichts des umfassenden Engagements und des Miteinanders der Generationen zeigte sich Angela Merkel tief beeindruckt – entsprechend würdigte sie den hohen Einsatz jedes Einzelnen. Den Dank verband sie mit dem Appell, trotz der derzeitigen Entspannung bei der Corona-Lage weiter aufmerksam und hilfsbereit zu sein. Und gerade auf die zu achten, die im Abseits stehen oder sich schwertun. Wichtig sei, dass man einfach weiter „sehr aufmerksam durch die Welt geht“.

 In vergangenen digitalen Bürgerdialogen hatte die Bundeskanzlerin bereits mit Kunst- und Kulturschaffenden, Familien mit Kindern, Auszubildenden und Ausbildern, ehrenamtlich engagierten Bürgerinnen und Bürgern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Hilfs- und Krisentelefonen, Polizistinnen und Polizisten und mit Studentinnen und Studenten diskutiert. Außerdem gab es einen virtuellen Austausch zur Situation in der Pflege.

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Corona-Pandemie Die Kanzlerin im Gespräch zum Miteinander der Generationen

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