Auch Erwachsene können noch lesen lernen

Dekade der Alphabetisierung Auch Erwachsene können noch lesen lernen

In Deutschland können 7,5 Millionen Erwachsene nicht richtig lesen und schreiben. Aber sie können es noch lernen. Bund und Länder wollen dafür mehr Angebote schaffen – 180 Millionen Euro wird der Bund in den nächsten zehn Jahren bereitstellen.

Frau am PC-Bildschirm schreibt auf einer Tastatur.

Die Digitalisierung erfordere mehr als zuvor, dass man lesen und schreiben können müsse, so Wanka.

Foto: Bundesregierung/Stutterheim

7,5 Millionen Erwachsenen fällt es schwer, den eigenen Kindern vorzulesen oder eine Speisekarte zu entziffern. Ganz zu schweigen von Versicherungsunterlagen oder technischen Anleitungen. Denn sie können nicht richtig lesen und schreiben.

Ohne Lesen und Schreiben kaum Chancen

"Lesen und Schreiben öffnet Türen", sagte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka. Die Ministerin startete die "Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung 2016–2026" zusammen mit der Präsidentin der Kultusministerkonferenz Claudia Bogedan. Die Digitalisierung erfordere mehr als zuvor, dass man lesen und schreiben können müsse. Über Smartphone und Tablet könne jeder Lernprogramme gut für sich nutzen, so Wanka weiter.

Bund und Länder wollen Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten helfen: In den nächsten zehn Jahren sollen deutlich mehr Erwachsene ihre Grundkompetenzen verbessern. Denn in der modernen digitalen Arbeitswelt haben sie ohne diese Fähigkeiten keine Chance. Bund und Länder wollen zusammen mit den Partnern der Alphabetisierungs-Dekade deutlich mehr Menschen erreichen.

Es seien zwar schon viele Angehörige, Bekannte, Vorgesetzte und Kollegen aktiv, aber das genüge nicht, sagte Wanka. Damit mehr Geringqualifizierte ihr Grundbildung verbessern, müssten viele Akteure eng und beharrlich zusammenarbeiten.

Sich überwinden

Viele Menschen haben es als Erwachsene gelernt. Der erste Schritt sei wie ein Sprung ins kalte Wasser. Wenn man die Angst überwunden habe, bleibe es viel Arbeit, aber es lohne sich, so die Bildungsministerin. Lesen und Schreiben zu können, steigere die Lebensqualität.

Beim ALFA-Telefon werden Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten und ihre Angehörigen beraten: 0800 - 53 33 44 55. Die Hotline des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung e.V. ist kostenlos.

Die meisten An-Alphabeten arbeiten
14 Prozent der erwerbsfähigen Deutschen sind funktionale An-Alphabeten. Die meisten sind erwerbstätig, sind also Kolleginnen und Kollegen. Ihre Lese- und Schreibschwäche können sie oft lange verbergen. Sie arbeiten überwiegend als Hilfskräfte im Bau-, im Hotel- und Gastronomiegewerbe sowie als Reinigungskräfte, Hauswarte, Lagerarbeiter oder in Fertigungsbetrieben – oft auch als Zeitkräfte.

Ohne ausreichende Grundkompetenzen im Lesen, Schreiben und Rechnen sind ihre Jobaussichten schlecht, ein Arbeitsplatzwechsel schwierig und Weiterbildung nicht möglich. Sie brauchen die besondere Unterstützung von Vorgesetzten und Kollegen sowie passende Schulungsangebote.

Mehr Angebote zum Selbstlernen – auch am Arbeitsplatz

Das Bundesbildungsministerium wird mit 180 Millionen Euro Alphabetisierungs-Projekte fördern, um mehr Kurskonzepte und Selbstlern-Möglichkeiten zu schaffen. Mitarbeiter, die einen Alphabetisierungs-Kurs absolviert haben, seien ein Zugewinn für den Arbeitgeber. "Wir versuchen deshalb Arbeitgeber anzusprechen", so Wanka.

Dazu fördert die Bundesregierung beispielsweise das Programm "BasisKomPlus". Gewerkschaften und Unternehmen schaffen hier gemeinsam Schulungs- und Beratungsangebote – auch in Branchen, in denen "Geringqualifizierte" tätig sind. Es gibt Schulungsmodule für den Arbeitsplatz, zum Beispiel "Schreiben für Pflegeberufe". Betriebliche "Schlüsselpersonen" wie Betriebs- und Personalräte werden geschult. Sie können Vorgesetzte und Mitarbeiter über das Thema informieren und Betroffene unterstützen. Zudem werden Kompetenzchecks für Beschäftigte und Unternehmen angeboten.

Das Bundesbildungsministerium will künftig jedes Jahr ein besonders engagiertes Unternehmen mit einem Preis für Alphabetisierung auszeichnen.

Prävention ist besser als Reparatur

Besser lernt man als Kind richtig lesen und schreiben. Daher unterstützt das Bundesbildungsministerium mit dem Programm Lesestart Kinder ab der Kita bis zur Grundschule. Alle Erstklässler bekämen jetzt neue Lesestart-Sets, die auch zu Hause zum Vorlesen und Lesen gedacht seien, freute sich die Bildungsministerin.

Benachteiligten Kindern und Jugendlichen helfe zudem das Programm "Kultur macht stark". Es werde jetzt mit 230 Millionen Euro weitergeführt. Theaterspielen, Geocaching oder Bibliotheken besuchen – die kulturellen Bildungsangebote erreichten bisher 360.000 Schülerinnen und Schüler.

Schlagwörter