offizieller besuch des premierministers der republik indien - ansprache des bundeskanzlers in der redoute

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bundeskanzler dr. helmut kohl hielt bei einem
abendessen zu ehren des premierministers der republik
indien, rajiv gandhi, am 7. juni 1988 in der redoute in
bonn-bad godesberg folgende ansprache:

herr premierminister,
sehr verehrte gnaedige frau,
exzellenzen,
meine sehr verehrten damen und herren!

es ist mir, herr premierminister, eine grosse freude, dass
ich sie heute hier gemeinsam mit ihrer gattin und ihrer
delegation als unsere gaeste begruessen darf.
ich bin ganz sicher, dass ihr besuch ein wichtiges datum
fuer die beziehungen zwischen unseren beiden laendern sein
wird. wir hoffen gemeinsam, dass von unseren gespraechen
neue impulse ausgehen, die dazu beitragen, die beziehungen
zwischen unseren laendern auf politischem, kulturellem
und auf wirtschaftlichem gebiet weiter auszubauen.
ich erinnere mich ausgesprochen gerne an meine beiden
besuche in indien, bei denen ich fuer mich persoenlich
wichtige und bleibende eindruecke gewonnen habe. unsere
gemeinsamen begegnungen und gespraeche in delhi und
new york waren von anfang an - und das hat sich in der
folgenden zeit noch verstaerkt - von grossem gegenseitigem
verstaendnis, ja von vertrauen gepraegt.
kultureller reichtum, das zusammenleben verschiedener
sprachgruppen und religionen in der groessten demokratie
der erde, die beachtliche dynamik ihrer wirtschaft und der
hohe stand ihrer technologischen forschung und
entwicklung zeichnen ihr land ganz besonders aus. trotz
wirtschaftlicher krisen, spannungen und konflikte hat indien
an der demokratie festgehalten. wir schaetzen dies ganz
besonders hoch ein.
unsere beiden laender haben vor 40 jahren fast gleichzeitig
mit ihrem aufbau begonnen. seitdem haben sich zwischen
uns umfassende beziehungen entwickelt.
der wunsch, mit indien ein verhaeltnis enger freundschaft,
dichter zusammenarbeit und breiten austauschs zu pflegen,
ist allen regierungen der bundesrepublik deutschland
gemeinsam gewesen. in den letzten jahren ist es uns
gelungen, vor allem auch den politischen dialog wesentlich
zu intensivieren.
herr premierminister, sie werden bei ihren gespraechen in
bonn feststellen, dass es in der einschaetzung der bedeutung
indiens und auch des stellenwertes unserer beiderseitigen
beziehungen unter den im bundestag vertretenen parteien
keinerlei unterschied gibt.
bereits konrad adenauer brachte beim besuch ihres
grossvaters in bonn im juli 1956 seine bewunderung fuer die
leistungen indiens in den damals gerade acht jahren der
unabhaengigkeit zum ausdruck.
unsere beiden laender verbinden gemeinsame
wertvorstellungen, und hierzu gehoert insbesondere unser
bekenntnis zur demokratie und zum frieden. es liegt in unserem
beiderseitigen interesse, wenn wir uns gerade in dieser
schwierigen zeit eines weltpolitischen umbruchs, einer zeit
von grossen veraenderungen in politischen fragen vermehrt
abstimmen und wenn - wie wir das heute beschlossen
haben - das netz der konsultationen auf allen ebenen
enger geknuepft wird.
die weltpolitik ist in bewegung geraten. die vision
mahatma gandhis und jawaharlal nehrus von einer
gerechten, konfliktfreien weltordnung und der ueberwindung
der teilung der welt in machtbloecke ist heute notwendiger
denn je.
indira gandhi und sie selbst haben der bewegung der
blockfreien immer wieder in diesem sinne den weg gewiesen.
die bundesregierung sieht in echter blockfreiheit und in
regionaler zusammenarbeit wichtige und stabilisierende
elemente in der welt.
in diesem zusammenhang beobachten wir mit sympathie
die regionale zusammenarbeit in suedasien im rahmen der
suedasiatischen vereinigung fuer regionale kooperation.
die bundesregierung ist vom wert regionaler
zusammenschluesse von nachbarstaaten ueberzeugt. sie
dienen nach unserer auffassung der stabilitaet, der
vertrauensbildung und foerdern die engere zusammenarbeit
zum gegenseitigen nutzen.
wir wuenschen indien und seinen partnern erfolg auf diesem
weg, und wir hoffen, dass diese zusammenarbeit eine
nachhaltig positive wirkung auf die bilateralen beziehungen
aller beteiligten staaten hat. wir wuerden uns auch wuenschen,
dass sich hieraus fruchtbare ansaetze fuer eine interregionale
zusammenarbeit mit der europaeischen gemeinschaft
ergeben.
indien nimmt auf grund seiner groesse, seines politischen
und wirtschaftlichen gewichts eine wichtige stellung in der
region ein. damit faellt ihrem land auch eine grosse
verantwortung fuer stabilitaet und frieden in suedasien zu.
ich begruesse, herr premierminister, dass ihr besuch in der
bundesrepublik deutschland waehrend der deutschen
praesidentschaft in der europaeischen gemeinschaft erfolgt.
die europaeische integration ist ein kernstueck der deutschen
politik. sie ist auch fuer die aussereuropaeische welt von
grosser bedeutung.
wirtschaftlich wird die verwirklichung des europaeischen
binnenmarktes bis zum jahre 1992 einen gewaltigen schub im
wirtschaftlichen wachstum und in der folge damit auch im
aussenhandel ausloesen.
der europaeische binnenmarkt soll und darf nicht abge-
schottet werden. vielmehr wird ein wachstumsorientierter
europaeischer markt auch weiterhin offen fuer dritte sein.
der europaeische markt - wir sprachen heute eingehend
darueber - wird damit auch fuer indien attraktiver.
auch politisch versucht europa, zunehmend mit einer
stimme zu sprechen und damit zu einer neuen wichtigen
kraft zu werden. die europaeer sind entschlossen, diese
zusammenarbeit fuer mehr entspannung, frieden und
gerechtigkeit in der welt einzusetzen.
herr premierminister, unsere beiden laender haben aus
unterschiedlichen perspektiven beide eine besonders
hochentwickelte sensibilitaet fuer die globale bedeutung von
abruestung und ruestungskontrolle. ich sehe auch darin
eine wichtige gemeinsamkeit fuer die zukunft.
nach dem durchbruch beim weltweiten abbau der
nuklearen mittelstreckenraketen muss der weg der abruestung,
konventionell und nuklear, weiter beschritten werden: eine
fuenfzigprozentige reduzierung der strategischen nuklearen
offensivwaffen der sowjetunion und der usa, ein weltweites
verbot von c-waffen, die verringerung der sowjetischen
und amerikanischen nuklearen kurzstreckenraketen. die
bundesregierung sieht aber im hinblick auf das grosse
konventionelle ungleichgewicht in europa vor allem die
konventionelle abruestung als aeusserst dringend an.
waffen sind in aller regel nicht ursache, sondern die
folgen von spannungen. der abbau von spannungen durch
vertrauensbildende massnahmen ist eine logische
ergaenzung der abruestungspolitik.
herr premierminister, von besonderer bedeutung sind fuer
uns die kulturellen beziehungen, die im leben der voelker
- wie uns die geschichte lehrt - besonders dauerhafte
bindungen schaffen. die kulturellen beziehungen zwischen
deutschland und indien reichen bis in das 17. jahrhundert
zurueck. seit die ersten nachrichten ueber indien nach
deutschland gelangten, ging von ihrem land die
faszination einer grossen und reichen kultur auf das
geistesleben unseres landes aus.
im 18. und 19. jahrhundert waren dichter und philosophen
- ich nenne in diesem zusammenhang nur goethe und
schopenhauer - von der tiefe und weisheit der religion,
des denkens, der dichtung in indien ganz besonders
beeindruckt. die heiligen schriften indiens gehoeren zu
den grossen zeugnissen menschlichen geistes.
damals waren deutsche die ersten, die sich systematisch
der erforschung ihrer sprache und literatur widmeten. der
titel eines bahnbrechenden werkes des romantischen
dichters friedrich von schlegel aus dem jahr 1828 spricht
aus, was die deutschen und ihre wissenschaft damals
beschaeftigte: "sprache und weisheit der inder". den ersten
deutschen lehrstuhl fuer indologie erhielt sein bruder
wilhelm von schlegel im jahre 1818 hier an der bonner
universitaet.
ich bin gluecklich, herr premierminister, dass dieses interesse
bis heute anhaelt, ja dass es ein gegenseitiges interesse
geworden ist. die grosse zahl von deutschen studenten und
wissenschaftlern, die jaehrlich nach indien kommen, die
vielen inder, die in deutschland ausbildung und anregung
erfahren, bilden ein kapital fuer unsere beziehungen, das
durch nichts anderes ersetzt werden kann.
die kulturinstitute, die wir in indien unterhalten, sind
zeichen unseres interesses an der kulturellen gegenwart und
zukunft indiens. sie betreiben seit jahren eine moderne,
aufgeschlossene kulturelle arbeit, die nicht nur deutsche
sprache, deutsche kultur nach indien vermitteln, sondern
auch gerade indischen kuenstlern den weg nach
deutschland ebnen will.
wir wuerden es begruessen, wenn auch indien ein
repraesentatives kulturinstitut in unserem land errichten
wuerde. sie duerfen fuer einen solchen schritt einer breiten
aufmerksamkeit unserer buerger sicher sein.
dieses interesse - auch darueber sprachen wir heute
eingehend - wuerde auch grossen kulturellen veranstaltungen,
wie dem "festival of india", entgegengebracht werden.
1951 nahmen das junge indien und die junge
bundesrepublik deutschland diplomatische beziehungen auf. die
entwicklungspolitische zusammenarbeit zwischen deutschland
und indien begann vor ueber 30 jahren, bald nachdem die
marshall-plan-hilfe aus den usa es uns ermoeglicht hatte,
unser eigenes land wiederaufzubauen.
in der entwicklungspolitischen zusammenarbeit der
bundesrepublik deutschland nahm indien von anfang an die
erste stelle ein.
die deutschen gesamtleistungen an indien haben die
schwelle von 11 milliarden dm ueberschritten. hinzu
kommen noch rund 5,6 milliarden dm, die ueber internationale
organisationen und ueber die europaeische gemeinschaft
abgewickelt wurden.
der umfang unseres engagements mit ihrem land ist ein
beweis fuer den willen und die ernsthaftigkeit des
interesses, das wir an der zukunft ihres landes haben. wir
sind stolz auf diesen beitrag.
wir sind gewillt, unsere entwicklungszusammenarbeit im
rahmen unserer moeglichkeiten und auf der grundlage der
immer wieder erneut vereinbarten gemeinsamen prioritaeten
fortzusetzen. gemeinsames ziel soll es dabei vor allem
sein, die wirksamkeit unserer hilfe zu steigern.
dies wird auch dazu beitragen, dass indiens exportwirtschaft
noch erfolgreicher und das land fuer investitionen und den
internationalen kapitalmarkt noch attraktiver wird.
ich glaube, dass das bei meinem besuch in indien 1986
vereinbarte und sich jetzt realisierende projekt zur "export-
foerderung" ein wichtiger schritt auf diesem wege ist.
auch bei der jetzt anstehenden umfangreichen
modernisierung des stahlwerks rourkela werden wir unseren
beitrag leisten.
herr premierminister, exzellenzen, meine damen und
herren, indien blickte im vergangenen jahr auf 40 jahre
unabhaengigkeit zurueck. wenn auch noch vieles zu tun
bleibt, kann ihre nation dies mit berechtigtem stolz tun,
- indien hat selbstversorgung mit nahrungsmitteln erreicht,
- es hat die am staerksten diversifizierte industrie in der
dritten welt aufgebaut,
- das drittgroesste potential an wissenschaftlern und
ingenieuren herangebildet,
- es hat eine neue breite mittelklasse entwickelt,
- und es hat elementaren schulunterricht und elementare
gesundheitsvorsorge in seine fast 600 000 doerfer
gebracht. dies ist fuer uns ein besonders eindrucksvolles
beispiel.
all dies ist eine ungeheure leistung, die uns respekt und
bewunderung abfordert.
indien hat in der tat das grosse ziel, das es sich bei seiner
unabhaengigkeit vor 40 jahren setzte, erreicht:
wirtschaftliche eigenstaendigkeit.
indien bereitet sich heute darauf vor, in der weltwirtschaft
wie in der weltpolitik des 21. jahrhunderts, das in zwoelf
jahren anbrechen wird, den ihm zukommenden platz
einzunehmen.
die bundesrepublik deutschland bietet sich indien fuer diese
aufgabe als partner an, der zu gleichberechtigter
zusammenarbeit zum gegenseitigen nutzen bereit ist.
mit der grossen leistungsschau technogerma hat die
deutsche industrie im maerz dieses jahres dieser bereitschaft
und diesem wunsch zur zusammenarbeit ueberzeugend
ausdruck gegeben. sie, herr premierminister, haben diese
schau besucht.
sie ist eine antwort auch auf ihre politik der oeffnung, auf
ihre bereitschaft, auslandsinvestitionen, die ihrem lande
nutzen, willkommen zu heissen.
wir glauben, dass diese immer enger werdende
zusammenarbeit unseren beiden laendern grossen nutzen bringen
kann und beide laender staerken wird. machen wir in der jetzt
angebrochenen zweiten phase der indischen entwicklung
diese zusammenarbeit zu einem neuen beweis der
deutsch-indischen partnerschaft fuer den fortschritt und
fuer die zukunft.
herr premierminister, meine damen und herren, ich darf
sie bitten, mit mir das glas zu erheben und zu trinken auf
ihr wohl, herr premierminister, auf ihr wohl, sehr verehrte
gnaedige frau, und auf eine gute gemeinsame
freundschaftliche zukunft zwischen unseren laendern.