Deutsche Einheit

Festakt zum Tag der Deutschen Einheit

"Freuen wir uns an der Vielfalt unseres Landes"

Seit 1990 wurde "unglaublich viel erreicht", erklärte Kanzlerin Merkel beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit. Gleichzeitig fühle sich eine Mehrheit der Menschen in Ostdeutschland „als Bürger zweiter Klasse“. Politik und Gesellschaft müssten lernen zu verstehen, warum die Wiedervereinigung für viele Menschen "nicht nur eine positive Erfahrung ist“.

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrer Rede anlässlich des Tags der Deutschen Einheit in Kiel.

Die Deutsche Einheit bleibe ein Prozess, ein "ständiger Auftrag", betonte die Kanzlerin beim Festakt in Kiel.

Foto: Bundesregierung/Kugler

"Für mich begann die deutsche Einheit mit einem Kulturschock", berichtete Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Rede auf dem Festakt zum Tag der Deutschen Einheit in Kiel. Alles sei vorbereitet gewesen, als auch sie zu den Feierlichkeiten am 3. Oktober 1990 in die Berliner Philharmonie aufbrach. "Alle waren in Festtagsstimmung. Auf einmal mischte sich bei mir Freude mit Sorge, mit so etwas wie Beklemmung." Der Grund waren die Polizisten, die gestern noch der DDR-Volkspolizei dienten und über Nacht "in Westberliner Uniformen gekleidet" wurden. Wurde in Erwägung gezogen, "dass der einzelne Mensch sein Denken, Fühlen und Erfahren nicht einfach an der Garderobe abgeben kann und dass er das vielleicht auch gar nicht will?", fragte Merkel in ihrer Rede.

Die Einheit ist kein Zustand, sondern "ständiger Auftrag"

Für sie und viele andere seien der Mauerfall und die Einheit "Momente des Glücks, der Zuversicht, der Offenheit im umfassenden Sinne" gewesen. Anderen machte die Entwicklung Angst, da die DDR für sie ein haltgebendes Gerüst gewesen sei.

Auch wenn die staatliche Einheit vollendet ist - "die Einheit der Deutschen, ihr Einigsein" sei es bis heute nicht: "Die deutsche Einheit ist kein Zustand, einmal vollendet und abgeschlossen, sondern ein fortwährender Prozess, ein ständiger Auftrag, ein Prozess, der alle Deutschen betrifft, egal in welchem Bundesland sie leben", so die Kanzlerin.

Der 3. Oktober lade ein zu einem Rückblick auf historische Verdienste von Staatsmännern wie Willy Brandt, Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher. Und er sei gleichzeitig eine Einladung, sich gemeinsam über die Gestaltung der Zukunft zu verständigen. 

Keine individuelle Freiheit ohne individuelle Verantwortung

Das Gedenken an die friedliche Revolution in der DDR gebe Anlass, präzise über das heutige Verhältnis von Bürger und Staat nachzudenken. Da die DDR ihren Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit nahm, über wichtige Fragen des Lebens selbst zu entscheiden, diente der Staat "als fast perfekte Entschuldigung für eigene Unzulänglichkeiten". Auch heute sei zu beobachten, dass manche Menschen ist Ost- genauso wie Westdeutschland die Ursache für Schwierigkeiten "vor allem und zuerst beim Staat und den sogenannten Eliten suchen".

Ein solchen Denken führe aber ins Elend - denn der freiheitliche, demokratische Staat "sind wir alle". Individuelle Freiheit "ist niemals ohne individuelle Verantwortung zu haben", mahnte Merkel. 1990 sei allenfalls zu erahnen gewesen, dass die Übernahme von Verantwortung auch die "Mühe der Freiheit" bedeute - und diese "ist Kern der Demokratie".  

Auf gleichwertige Lebensverhältnisse und faire Teilhabe achten

Deutschland sei heute ein anderes Land als 1990, Ost und West hätten sich angenähert, so Merkel. Doch unverändert gebe es ungleiche Lebensverhältnisse - besonders, aber nicht nur zwischen den alten und neuen Bundesländern. Die Politik habe den Auftrag, allen Bürgern ein freiheitliches Lebens zu ermöglichen. Dafür müsse sie auf gleichwertige Lebensverhältnisse, faire Teilhabemöglichkeiten und gute Entwicklungschancen vor Ort achten. 

"Ohne Kompromiss gibt es keine Gemeinsamkeit"

Für eine lebendige Demokratie sei es notwendig, über die großen Herausforderungen "offen, lebendig und kontrovers" zu diskutieren - nach den Spielregeln des Grundgesetzes. Dies bedeute: "Ja zu freier Diskussion, ja zu harten Forderungen" - aber gleichzeitig "Nein zu Intoleranz, Nein zu Ausgrenzung, Nein zu Hass und Antisemitismus", betonte die Kanzlerin. 

Für eine gute Zukunft sei es entscheidend, sich im gegenseitigen Respekt über Ängste und Sorgen auszutauschen, sich aber auch stets auf Kompromisse einzulassen. "Ohne Kompromiss gibt es keine Gemeinsamkeit. Und genau darum geht es heute: Um Gemeinsamkeit, um Einigkeit und Recht und Freiheit in unserem Land." 

Es gelte, sich einander wahrzunehmen, zuzuhören, von den unterschiedlichen Erfahrungen zu lernen, um "phantasievoll unsere gemeinsame Zukunft zu bauen". Deshalb passe es, die Deutsche Einheit mit einem bunten Fest zu feiern und sich "an der Vielfalt unseres Landes" zu erfreuen.    



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