Merkel: „Sie teilen das kostbare Gut Zeit“

Digitaler Bürgerdialog mit ehrenamtlich Engagierten Merkel: „Sie teilen das kostbare Gut Zeit“

Die Bundeskanzlerin hat die Arbeit der ehrenamtlichen Engagierten in Deutschland gewürdigt. Danke, „dass sie für andere Menschen da sind und ihre Kraft weitergeben“, sagte Merkel beim digitalen Dialog mit zehn Helferinnen und Helfern. Im Mittelpunkt stand die Situation der ehrenamtlichen Arbeit in der Pandemie.

Bundeskanzlerin Merkel im Bürgerdialog zum Ehrenamt

Bundeskanzlerin Merkel wollte erfahren, wie sich der Alltag im Ehrenamt durch die Corona-Pandemie verändert hat.

Foto: Bundesregierung/Denzel

Ehrenamtliches Engagement steht gerade in Zeiten der Pandemie vor besonderen Herausforderungen. Vielerorts mussten Organisationen beispielsweise vorübergehend schließen oder konnten ihre Aufgaben nur einschränkt wahrnehmen. Wie schwierig die aktuelle Zeit für ehrenamtliches Engagement ist, hob Bundeskanzlerin Angela Merkel direkt zu Beginn des virtuellen Austauschs hervor.

So seien die Vorteile der Digitalisierung zwar schön. Aber gerade für diese Arbeit, „wo sehr viele Emotionen auch eine Rolle spielen, sind ja auch die richtigen menschlichen Kontakte wichtig“, so die Kanzlerin. Daher wolle sie vorneweg ein „Dankeschön sagen. Sie sind ausgewählt stellvertretend für Millionen von Menschen, die sich glücklicherweise für andere engagieren“, sagte Merkel zu den zugeschalteten zehn ehrenamtlich Engagierten.

Große Vielfalt des Engagements

Diese bildeten beispielhaft die große Vielfalt des freiwilligen Engagements in Deutschland ab. So berichteten die Helferinnen und Helfer u.a. von ihrer Arbeit mit Senioren, Familien und Kindern, Menschen mit Behinderungen, Flüchtlingen, Obdachlosen, im Katastrophenschutz und im medizinischen Bereich. So verschieden die individuellen Erfahrungen auch sein mochten: alle Engagierten  sprachen gleichermaßen von besonders schwierigen Bedingungen in der Pandemie.    

Die Kanzlerin setzte damit ihre digitale Dialogreihe „Die Bundeskanzlerin im Gespräch“ fort, um mit möglichst vielen Bürgerinnen und Bürgern auch während der Corona-Pandemie im Gespräch zu bleiben.

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Video Die Kanzlerin im Gespräch mit ehrenamtlich engagierten Bürgern

Bedürftige waren zeitweise auf sich allein gestellt

Wolfgang Blaseck von der „Tafel“ berichtete, dass seine Einrichtung, die bedürftige Menschen mit Essen versorgt, im vergangenen Jahr wegen des Lockdowns sieben Wochen schließen musste: „Sämtliche Kunden waren von heute auf morgen auf sich allein gestellt“. Ein Problem sei aber auch danach gewesen, dass viele der freiwilligen Helferinnen und Helfer selbst zu einer Risikogruppe gehörten, und sich deshalb nicht mehr getraut hätten, zur „Tafel“ zu kommen. Die Kanzlerin ging direkt darauf ein und meinte, dass man jetzt etwas Optimismus tanken könne, da es nun nach und nach für die Menschen ein Impfangebot gebe.

Kinder und Familien im Fokus

Ein inhaltlicher Schwerpunkt des digitalen Dialogs war die Situation von Kindern und ihren Familien. Sebastian Kreuß kümmert sich für die Organisation „Die Arche“ ehrenamtlich um Kinder aus einem sozialen Brennpunkt in Düsseldorf. Viele von ihnen litten unter der Pandemie, wirkten traurig und einsam. Diesen Kindern seien die nötigen klaren Strukturen weggebrochen, die Maßnahmen der Pandemie verunsicherten sie zusätzlich, äußerte sich Kreuß überzeugt. Bei Schulkindern kämen Probleme hinzu, mit dem Stoff mitzukommen.

Zwei Milliarden Euro für Corona-Aufholprogramm

Als Reaktion erwähnte die Kanzlerin das Anfang Mai auf den Weg gebrachte Corona-Aufholprogramm für Kinder und Jugendliche und ihre Familien. Dieses sehe u.a. Lernstanderhebungen und „Sommer-Camps“ vor. Aber auch viele soziale und langfristige Fördermaßnahmen. Insgesamt will die Bundesregierung hier zwei Milliarden Euro investieren. Zudem unterstrich Merkel, stärke das Programm auch die Jugendsozialarbeit, damit vor Ort „mit mehr PS“ gearbeitet werden könne. Für Kinder seien die Einschnitte der Pandemie sehr gravierend, betonte die Kanzlerin.   

Weniger Kontakt im Lockdown

Wie sich ehrenamtliche Arbeit mit Familien durch die Pandemie verändert hat, zeigt auch das Beispiel von Ingrid Stevens vom Sozialdienst katholischer Frauen. Sie betreut als Patin die sieben Kinder einer syrischen Familie. Besonders viel Raum nehme Sprachförderung und Hausaufgabenbetreuung ein. Die Eltern seien Analphabeten und könnten deshalb nicht helfen.

Vor Corona habe sie sich immer in der Wohnung zu den Kindern hocken können, oft hätten sie alle gemeinsam auf dem Teppich gegessen, erzählt Stevens. Im wochenlangen Lockdown sei sie nur bis zum Gartenzaun des Hauses gekommen. Und die Kinder hätten mit Abstand dahintergestanden – der wichtige engere Kontakt zu ihnen sei nicht möglich gewesen. Aber immerhin habe sie die Kinder wenigstens überhaupt während der Pandemie gesehen, so die ehrenamtliche Familienpatin.

Kreative Gründungen in der Pandemie

Manche ehrenamtlichen Initiativen sind auch erst in den vergangenen Monaten entstanden. Beispielsweise die Plattform „Quarantäneheld*innen“. Die Idee: Menschen in Quarantäne, die Hilfe benötigen, finden auf digitalem Weg Freiwillige, die unterstützen wollen. Eindrucksvoll berichtete Milena Gaede, dass sich mittlerweile über 39.000 Menschen gemeldet hätten, die ehrenamtlich helfen wollten. Aber diejenigen in Quarantäne zu erreichen sei wesentlich schwieriger, insbesondere wenn es sich um Ältere handele.  

Dagegen besonders aktiv brachte sich beim Austausch mit der Kanzlerin Edith Kruse ein – eine 78-Jährige, die selbst ehrenamtlich „Tanzkreise“ für Senioren anbietet. Bis zu 100 Interessierte unterrichtet sie in gewöhnlichen Zeiten, mit einigen trainiere sie auch am Rollator. Das Tanzen sei gerade für ältere Menschen eine gute Möglichkeit, Kontakte aufrechtzuerhalten. Umso mehr hätten sie es in der Lockdown-Pause vermisst.

Zusammenhalt der Generationen stärken

Eine Botschaft war Edith Kruse besonders wichtig: Die meisten Älteren hätten die aktuell sehr schwierige Situation mit Gelassenheit und mit Solidarität den Jüngeren gegenüber ertragen. Die 78-Jährige appellierte, dass Jung und Alt wieder mehr zusammenfinden müssten. Für die Bundeskanzlerin eine „ganz, ganz wichtige Aufgabe. Viele Ältere sind gestorben auch leider in dieser Zeit und andere haben unheimlich gelitten. Und wir müssen jetzt die Generationen zusammenkriegen“.

Die Kanzlerin betonte, dass die aktuellen Bedingungen in Deutschland zwar nicht ideal, aber mit Sicherheit besser seien als in anderen Teilen der Welt. Zumal es absehbar sei, dass hier jeder ein Impfangebot bekommen könne.

Davon unabhängig sei die hohe Bedeutung des freiwilligen Engagements, das habe der Dialog gezeigt. Die Ehrenämtler seien für andere Menschen da und teilten „eben auch das kostbare Gut Zeit“, so Kanzlerin Merkel.  

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Video Zusammenfassung des Bürgerdialogs der Kanzlerin mit ehrenamtlich Engagierten

Der Dialog ist Teil der Reihe „Die Bundeskanzlerin im Gespräch“. In bisher sieben digitalen Bürgerdialogen hatte Bundeskanzlerin Merkel bereits mit Kunst- und KulturschaffendenFamilien mit KindernMitarbeitern von HilfstelefonenAuszubildenden und AusbildernPolizistinnen und Polizisten und mit Studentinnen und Studenten diskutiert. Außerdem gab es einen virtuellen Austausch zur Situation in der Pflege.