- Bulletin 28-98
- 4. Mai 1998
Der Bundesminister für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie, Dr.
Jürgen Rüttgers, hielt anläßlich der Auszeichnung zum "European Life Sciences
Entrepreneur of the Year" durch die European BioPartnering Foundation am 27.
April 1998 in Amsterdam folgende Rede:
Sehr geehrter Herr de Haan, Herr Lucas,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
ich freue mich sehr, heute abend auf der größten europäischen
Partnering-Konferenz der Life-Sciences-Unternehmen zu Gast zu sein. Diese
Veranstaltung hat eine Ausstrahlung entwickelt, die weit über Europa hinaus
wirkt, insbesondere auf die Vereinigten Staaten von Amerika und Japan.
Vor allem habe ich zu danken für den Preis, den Sie mir soeben zugedacht, und
für die freundlichen Worte, die Sie für mich gefunden haben. Ich fühle mich
sehr geehrt durch diese ganz besondere Auszeichnung. Ich freue mich über die
Anerkennung, die Sie mit der Preisvergabe an mich, einen Politiker, verbinden.
Sie haben bislang ausschließlich Wissenschaftler und Wirtschaftsmanager
ausgezeichnet. Freunden, denen ich etwas von dieser Auszeichnung erzählte
habe, haben gesagt: "Warum erhältst du den Preis? Du bist doch kein
Unternehmer!" Anfangs dachte ich: Stimmt! Warum werde ich eigentlich mit
diesem Preis als Entrepreneur des Jahres ausgezeichnet? Wenn ich dann aber an
die Arbeit der letzten dreieinhalb Jahre zurückdenke, dann kommt da einiges an
Unternehmungen zusammen. - Warum also nicht das Wirken eines Politikers als
das eines Entrepreneurs verstehen?
Ich darf Ihnen die Sache aus meiner Sicht schildern. Im Jahre 1994 wurde ich
Bundesminister für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie. Damals
hieß es in Deutschland: "Biotechnologie und Gentechnik geht nicht." Mit dieser
Behauptung wollte ich mich nicht abfinden. Aber diese Vorstellung hatte sich
festgesetzt in den Köpfen, den Berichterstattungen, den Festreden und den
Kommentaren über die Bio- und Gentechnik in Deutschland.
Wie aber war die wirkliche Situation? Deutschland hatte 15 Jahre über die
Gentechnik diskutiert. Es war eine Diskussion von deutscher Gründlichkeit. Sie
war geprägt von Ängsten. Ich fand, nun war es an der Zeit, über die Chancen
der Biotechnologie zu diskutieren. Ich habe deshalb gleich am Anfang meiner
Tätigkeit mit leitenden Wissenschaftlern und Unternehmern in Deutschland
darüber gesprochen.
Dies führte zu einem ganz klaren Ergebnis: Die Grundvoraussetzungen für
biotechnologische Forschung und Produktion waren in Deutschland so gut wie nur
irgendwo in Europa. - Nur: Keiner glaubte es! Was also notwendig war, war:
einen Schalter in den Köpfen umzulegen. Was notwendig war, war eine mentale
Revolution.
- 1995 haben wir uns deshalb mit dem Deutschen Humangenomprojekt in der
weltweiten biowissenschaftlichen Forschungsgemeinde zurückgemeldet.
- Wir haben das deutsche Gentechnik-Recht novelliert und 1996 den
BioRegio-Wettbewerb gestartet. Bildlich gesprochen haben wir mit der
Gesetzesnovelle die Bremsen gelöst und mit dem Wettbewerb Gas gegeben.
- Der Schub, der sich daraufhin entwickelte, war enorm: Seit damals hat sich
die Zahl biotechnologischer Unternehmen in Deutschland vervierfacht. Durch den
BioRegio-Wettbewerb haben wir Kompetenzzentren geschaffen, die weithin
sichtbar sind und Investoren aus aller Welt anziehen: in München, Heidelberg,
Jena und Köln.
- 1997 konnte die deutsche Bundesregierung in Brüssel Richtungsentscheidungen
für die Zukunft der Biotechnologie auf europäischer Ebene wesentlich
mitbestimmen und mitgestalten. Ich nenne nur die Kennzeichnungsregelung und
die Patentrichtlinie.
In diesem Jahr folgt ein weiterer Baustein. In wenigen Tagen starte ich eine
neue Initiative. Die Initiative heißt "BioFuture". Dies kündige ich hier und
heute erstmals öffentlich an. Mit "BioFuture" verfolgen wir zwei wichtige
Ziele.
Ziel Nummer eins heißt Nachwuchsförderung. Ich werde dafür sorgen, daß
hervorragende junge Leute erstmals als eigenverantwortliche Antragsteller
direkten Zugang zu öffentlichen Fördermitteln erhalten.
Ziel Nummer zwei heißt Basisinnovationen. Ich will erreichen, daß wir die
Grundlagenforschung in einer Weise fördern, daß ganz neue Impulse für die
Fortentwicklung der Biowissenschaften und ihrer Nutzungen entstehen können.
Was bieten wir den jungen Leuten im Rahmen von "BioFuture"
konkret an? Nun: Wir werden ihnen die Chance geben, selbständig und
unabhängig an einer deutschen Forschungseinrichtung oder einer Universität
eine eigene Arbeitsgruppe zu führen. Wir wollen ihnen den Weg ebnen in eine
wissenschaftliche Spitzenkarriere oder eine aussichtsreiche
Unternehmensgründung. Dabei setzen wir den wissenschaftlichen und den
wirtschaftlichen Erfolg gleich hoch an.
Bewerben können sich Wissenschaftler, die promoviert oder habilitiert sind
und bereits eine gewisse Erfahrung in der Leitung einer Arbeitsgruppe
besitzen. Wir erwarten von den Teilnehmern zunächst nicht mehr als eine
Projektskizze, die maximal fünf Seiten lang ist. - Wir wollen Bürokratie
klein- und Kreativität großschreiben.
Deutsche und ausländische Bewerber können sich gleichberechtigt am Wettbewerb
um die Förderung beteiligen. Nicht die Nationalität, sondern einzig und allein
die Qualität der Projektidee zählt! Wir werden die Besten von einer
unabhängigen Jury ermitteln lassen. Für die Dauer von fünf Jahren sollen so
fünfzig Forschergruppen entstehen, und sie sollen erstklassige
Arbeitsmöglichkeiten erhalten. Dafür werden wir 150 Millionen D-Mark zur
Verfügung stellen.
Wir wollen, daß Deutschland ein starker Standort für Biotechnologie in Europa
ist, wenn es nach uns geht: der stärkste. Aber ich verstehe dies nicht als ein
Ziel innereuropäischer Konkurrenz. Ich will, daß Europa gemeinsam den Kampf
mit den USA um die Märkte der Zukunft aufnimmt. Ich will, daß sich Europa als
Ganzes im globalen technologischen Wettbewerb erfolgreich behauptet. Ich
glaube fest: Die Chancen für unseren alten Kontinent stehen nicht schlecht.
Ich trete ein für eine Aufholjagd jetzt und gleich. Ich will Ihnen ein
Beispiel dafür geben, was ich meine. Ich nenne die Kennzeichnung gentechnisch
veränderter Produkte. Ich bin dafür und trete dafür ein. Und ich ärgere mich
über den viel zu langen Streit in Brüssel. Warum? - Weil ich davon überzeugt
bin, daß die Gentechnik keine Risikotechnologie ist. Wenn es richtig ist, daß
die Gentechnik nicht per se gefährlich ist, wenn die Produkte nicht gefährlich
sind und wenn neue Lebensmittel bessere Verträglichkeit, höheren Nährwert und
gesündere Ernährung versprechen - warum sollen wir das dann nicht auf die
Verpackung draufschreiben?
Ich möchte einen Vergleich wagen: Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die
Deutschen gezwungen, ihre Produkte auf dem Weltmarkt mit der Kennzeichnung
"Made in Germany" gewissermaßen zu stigmatisieren. Diese Kennzeichnung sollte
den Absatz dieser Produkte kleinhalten. Aber was war die Folge? Die
Kennzeichnung "Made in Germany" ist zu einem Gütesiegel geworden! Dafür müßten
wir uns eigentlich heute noch bei den damaligen Initiatoren der
Kennzeichnungsregel bedanken. Ich bin überzeugt: So wird es auch mit der
Kennzeichnung der gentechnischen Produkte werden.
Achtzig Prozent der Deutschen akzeptieren inzwischen gentechnisch
hergestellte Arzneimittel. Mehr werden es niemals sein. Denn auch das Fahrrad
findet keine höhere Akzeptanz in der deutschen Bevölkerung. Und beim Fahrrad
handelt es sich wohl um eine vertraute Technologie. Zwei Drittel der deutschen
Bundesbürger wollen, daß Deutschland in der Gentechnik eine internationale
Spitzenposition einnimmt. Es gibt also keinen Grund, nicht offensiv vorzugehen.
In Deutschland gibt es inzwischen auf allen Seiten einen Stimmungsumschwung:
In unserer Wissenschaft bildet sich wieder junger Unternehmernachwuchs mit
tragenden Ideen. In der Wirtschaft wird in Deutschland jetzt kräftig in die
Gentechnik investiert. Die Firma Hoechst hat ihre Produktionsanlage für
gentechnisches Humaninsulin kürzlich offiziell in Betrieb genommen. In der
Politik ist ein Wettlauf um die besten Rahmenbedingungen für Forschung und
Produktion zwischen den einzelnen Bundesländern entfacht worden. Und die
Verwaltungen sehen ihre Aufgabe in schnellen Genehmigungsverfahren.
Wir haben - das kann man ohne Hochmut sagen - in Deutschland den Durchbruch
in der Biotechnologie geschafft. Für mich ist dies kein isoliertes Ereignis,
das eine einzelne Wissenschaftsdisziplin betrifft. Für mich ist dies ein
weiterer wichtiger Schritt Deutschlands in Richtung einer neuen Ordnung, die
ich als "Wissensgesellschaft" bezeichne.
Ich bin davon überzeugt, daß das Modell der Industriegesellschaft als
Leitidee abgelöst wird. Wir werden die Art und Weise, wie wir leben und
arbeiten, wie wir kommunizieren und interagieren, wie wir denken und handeln
nur dann richtig einschätzen und steuern können, wenn wir den völlig
veränderten Stellenwert von Wissen in der Gesellschaft von heute und morgen
erkennen.
Wissen wird den Stellenwert eines vierten Produktionsfaktors neben den
traditionellen Faktoren Arbeit, Boden und Kapital erhalten. Die
wissensintensiven Branchen werden für die Wertschöpfung der Volkswirtschaften
bestimmend. Die Lebenswissenschaften spielen hierbei neben der Informations-
und Kommunikationstechnik und den Materialtechnologien eine herausragende
Rolle. Dafür gibt es ganz praktische Beispiele:
- Nicht das Beschichtungsmaterial entscheidet über den Wert moderner
Implantate, sondern das Wissen über den Umgang mit Nanopartikeln, die völlig
neue Dimensionen der Bioverträglichkeit ermöglichen.
- Nicht die Silberfolie entscheidet über den Wert einer CD-ROM, sondern das
in Bits und Bytes codierte Wissen, das den Nutzen einer Software ausmacht.
- Nicht der Wirkstoff entscheidet über den Wert eines Medikaments, sondern
das im Präparat enthaltene Wissen über Wirkungszusammenhänge.
Das, was in der Industriegesellschaft entscheidend war, nämlich große
Maschinen, langfristig gebundenes Kapital, nationale Wirtschaftsräume,
Akkordarbeit und eine oftmals strikte Trennung von Wissenschaft, Wirtschaft
und Politik, das verliert in der Wissensgesellschaft an Bedeutung.
Wenn heute ein deutscher Politiker in Amsterdam für unternehmerische
Leistungen in einer wissenschaftlichen Disziplin zum Wohle Europas
ausgezeichnet wird, dann ist dies für mich ein deutliches Zeichen dafür, daß
die Wissensgesellschaft keine Utopie mehr ist, sondern schon heute gelebte
Wirklichkeit! Ob es uns klar ist oder nicht: Wir, die wir jetzt hier
versammelt sind, sind bereits Mitglieder einer globalen Wissensgesellschaft.
Ich weiß nicht, wie Sie sich bei dem Gedanken fühlen - ich fühle mich wohl!