- Bulletin 62-88
- 14. Mai 1988
der bundesminister fuer raumordnung, bauwesen und
staedtebau, dr. oscar schneider, hielt in einer
feierstunde aus anlass der 300. wiederkehr des todestages
des kurfuersten friedrich wilhelm von brandenburg am
9. mai 1988 im schloss charlottenburg zu berlin folgende
ansprache:
i.
herr regierender buergermeister,
exzellenzen,
meine damen und herren!
1687, ein jahr vor dem tode des kurfuersten friedrich
wilhelm von brandenburg, der als der grosse kurfuerst in die
geschichte einging, besuchte gregorio leti, ein italienischer
geschichtsschreiber, berlin-coelln. er schrieb ueber die stadt:
alle diese stadtteile bilden in wahrheit eine stadt, die,
wenn nicht zu den groessten in deutschland, so doch gewiss
zu den schoensten und angenehmsten gehoert.
meine damen und herren, diese beschreibung war alles
andere als selbstverstaendlich. als kurfuerst friedrich wilhelm
fast 50 jahre zuvor, 1640, die regierung antrat, war der
dreissigjaehrige krieg noch nicht beendet. die mark
brandenburg war von durchziehenden truppen verwuestet. krieg und
pest hatten tiefe spuren hinterlassen. einem
zeitgenoessischen schwedischen bericht zufolge war das land in einem
furchtbaren zustand. in dem bericht steht:
wie jaemmerlich stehen nun die grossen staedteue da zuvor
tausend gassen gewesen sind, sind nun nicht mehr
hundert . . . man wandert 10 meilen und sieht nicht einen
menschen, nicht ein vieh . . . in allen doerfern sind die
haeuser voll von leichnamen und aesern.
die trostlosigkeit spiegelt sich in nuechternen zahlen wider:
die einwohnerzahl berlins war am ende des dreissigjaehrigen
krieges mit unter 6 000 gegenueber der vorkriegszeit
halbiert. das entsprach dem allgemeinen bevoelkerungsverlust
in der mark brandenburg um 50 prozent.
ii.
man fuehlt sich bei diesen beschreibungen an den 8. mai
1945 erinnert, an den tag, der sich gestern zum 43. mal
jaehrte. deutschland stand 1945 vor aehnlichen problemen,
wie der kurfuerst friedrich wilhelm sie zu bewaeltigen hatte,
als er seine regierung antrat.
und doch macht der todestag des grossen kurfuersten
zugleich schmerzlich bewusst, welche unvergleichlichen
verluste wir am 8. mai 1945, am ende der barbarei des
nationalsozialismus zu beklagen hatten. was unter dem grossen
kurfuersten hoffnungsvoll begann, war durch hitler zerstoert.
die laender, die der kurfuerst zu einem einheitlichen
staatswesen einte, werden heute von vier staaten beherrscht: von
der bundesrepublik deutschland, von der ddr, von polen
und von der sowjetunion.
die toleranz, die der grosse kurfuerst foerderte, indem er das
land fuer andersglaeubige, fuer hugenotten und juden,
oeffnete, verkehrte hitler ins gegenteil, in mord und verfolgung.
zugleich vergewissern wir uns aber, wenn wir uns des
grossen kurfuersten erinnern, der tiefen wurzeln, die unser
heutiges, im grundgesetz verankertes bekenntnis zu
toleranz und religionsfreiheit in unserer geschichte hat.
ich halte es fuer wichtig, diese wurzeln freizulegen. so
koennen wir gegenwaertigen tendenzen zu intoleranz und
auslaenderfeindlichkeit begegnen.
deshalb ist es notwendig, uns unserer geschichte zu
erinnern. es hilft uns, unser staatliches gemeinwesen
auszubauen und zu festigen, wenn wir uns derer besinnen, die
gleiche aufgaben zu bewaeltigen hatten. und ein solcher war
der kurfuerst friedrich wilhelm von brandenburg, der grosse
kurfuerst.
iii.
so wie brandenburg-preussen beim tode des grossen
kurfuersten vor 300 jahren, so schauen wir heute auf eine
ueber vierzigjaehrige aufbauphase zurueck. es ist deshalb
interessant, gerade im berlin des jahres 1988 die
aufbauleistung des grossen kurfuersten zu wuerdigen. dabei laesst
sich manche parallele zur zeit nach 1945 finden. doch gibt es
auch tiefgreifende unterschiede.
lassen sie mich versuchen, vor allem die staedtebauliche
aufbauleistung des grossen kurfuersten nachzuvollziehen
und ihre grundlagen aufzuzeigen. zwar erinnert im heutigen
stadtbild von berlin und auch anderswo nur noch wenig an
den grossen kurfuersten. fuer immer festgehalten aber sind
die grossen aufbauleistungen, die berlin unter dem grossen
kurfuersten erlebte, auf den bekannten plaenen, die johann
gregor memhardt und johann bernhardt schultz 1652 und
1688 von der stadt fertigten.
was unmittelbar noch an den grossen kurfuersten erinnert,
das ist die strasse, "unter den linden" - denn der grosse
kurfuerst liess die linden pflanzen, die der beruehmten
prachtstrasse den namen gaben -, und das ist die
dorotheenstadt, also das stadtviertel noerdlich der "linden", das
er 1674 anlegen liess und das den namen seiner zweiten
frau traegt.
iv.
wenn auch das volk, die untertanen, letztlich diese
bewundernswerte aufbauleistung vollbrachten, ist die
konsequente wiederaufbaupolitik ein verdienst des kurfuersten
friedrich wilhelm. zum einen gelang es ihm, die aeusseren
bedingungen guenstig zu gestalten, also das, was wir heute
die "allgemeinen rahmenbedingungen" nennen. hinzu
kamen aber besondere, das bauen foerdernde massnahmen.
lassen sie mich mit den letzteren, mit den bauspezifischen
massnahmen beginnen.
zum einen gab er dem wiederaufbau seiner hauptstadt
eine feste rechtliche grundlage. das, was nach 1945 die
wiederaufbaugesetze der laender waren, die spaeter das
bundesbaugesetz, das staedtebaufoerderungsgesetz und seit
dem letzten jahr das baugesetzbuch abloesten, das war
damals in berlin die bauordnung vom 30. november 1641.
berlin erhielt sie bereits ein jahr, nachdem der grosse
kurfuerst die regierung angetreten hatte, noch lange vor
dem westfaelischen frieden. sie galt ueber zwei jahrhunderte
lang bis 1853 und war damit ein rechtes jahrhundertwerk.
zu den rechtlichen grundlagen traten unterstuetzende
massnahmen hinzu: der grosse kurfuerst gab baukosten-
zuschuesse, er gewaehrte baulandverbilligung und
steuerverguenstigungen.
wie modern hoert sich das anue so verfuegte der grosse
kurfuerst: wer einen wuesten bauernhof zum wiederaufbau
uebernahm, wurde sechs jahre von pacht und steuern
befreit und erhielt ausserdem bauholz aus den kurfuerstlichen
waeldern.
in den staedten beguenstigte die grosse steuerreform des
grossen kurfuersten, die einfuehrung der akzise, den
wiederaufbau: die akzise war eine verbrauchsteuer und loeste in
den staedten die bis dahin geltenden kontributionen ab, die
sich nach dem grund- und hausbesitz richteten. so lange
die kontributionen galten, war kaum jemand interessiert,
verfallene gebaeude wieder bewohnbar zu machen, stieg
doch dadurch die steuerlast.
hinzu kamen massnahmen zur erhaltung der staedte und zur
verbesserung der lebensbedingungen, um es in unserem
heutigen sprachgebrauch zu beschreiben: der grosse
kurfuerst erliess zur besseren brandbekaempfung eine brand-
und feuerverordnung fuer berlin und setzte das am besten
organisierte feuerwehrsystem europas durch.
seine gassen- und brunnenordnung hatte bereits den
umweltschutz zum ziel: in anlehnung an hollaendische
vorbilder strebte er nach der sauberen stadt. wer strassen und
luft verpestete, kam an den pranger. er erfand die
muellabfuhr und bestrafte die verunreinigung der fluesse. ich
glaube, auch in diesen dingen zeigt sich, wie aktuell seine
politik noch heute ist.
v.
der grosse kurfuerst verbesserte auch die allgemeinen
bedingungen fuer den wiederaufbau. er erreichte mehr
frieden und sicherheit als zuvor. die politik seines vaters lehrte
ihn: neutralitaet allein genuegte nicht, den frieden auf dauer
zu sichern. deshalb strebte er die "gewaffnete neutralitaet"
an, wie es schiller in seiner "geschichte des dreissigjaehrigen
krieges" ausdrueckte, schiller, dessen todestag sich heute
ebenfalls jaehrt.
mit dem sieg ueber die schweden in der schlacht von
fehrbellin am 28. juni 1675, die kleist durch sein drama
"prinz friedrich von homburg" in die weltliteratur einfuehrte,
erreichte der grosse kurfuerst sein ziel: er hatte ein
stehendes heer aufgebaut, das die anderen maechte abschreckte,
brandenburg-preussen zum spielball ihrer politik zu
machen.
mit dem aufbau des staendigen heeres einher gingen andere
verbesserungen, die den wiederaufbau beguenstigten. viele
davon sind aus der zeit des absolutismus heraus zu
verstehen, die die regierung des grossen kurfuersten praegte. die
schaffung des heeres foerderte die einheit des landes. sie
fuehrte zur einheitlichen staatsgewalt in der hand des
fuersten. "die bewaffnete macht", so drueckte es leopold von
ranke aus, "war der vornehmste mittelpunkt der einheit des
landes."
der grosse kurfuerst setzte, indem er eine einheitliche
staatsgewalt schuf, hart und oft ruecksichtslos die idee der
staatsraeson durch. die staatliche macht war aber nicht
selbstzweck. sie hatte vielmehr dem volk, den einzelnen buergern
zu dienen.
nach diesem grundsatz handelnd, brachte er die wirtschaft
in schwung, indem er zum beispiel eine eigene landespost
einrichtete, den nach ihm benannten friedrich-wilhelm-
kanal baute und so die infrastruktur verbesserte.
nach diesem grundsatz bemuehte er sich um eine neuordnung
der zerruetteten staatsfinanzen. nach diesem grundsatz
foerderte er die wissenschaften und die kuenste, indem er
zum beispiel in duisburg eine universitaet gruendete.
als letzte massnahme, mit der der grosse kurfuerst den
wiederaufbau beguenstigte, sei noch seine
bevoelkerungspolitik, seine peuplierungspolitik, erwaehnt. waehrend
deutschland nach 1945 das problem der fluechtlingsstroeme
zu bewaeltigen hatte, regierte der grosse kurfuerst ueber ein
durch den dreissigjaehrigen krieg entvoelkertes land.
der grosse kurfuerst erkannte bereits, was sein enkel
friedrich wilhelm i. spaeter einmal so ausdrueckte:
"menschen halte ich vor den groessten reichtum." deshalb oeffnete
er sein land fuer mehr als 20 000 hugenotten.
diese zumeist kapitalkraeftigen und gelehrten leute stroemten
vor und erst recht nach 1685 in sein land. in diesem jahr
erliess friedrich wilhelm das beruehmte edikt von potsdam.
in berlin machte die franzoesische kolonie bald ein drittel der
gesamtbevoelkerung aus.
vi.
meine damen und herrenue ich deutete schon an: dass wir
heute, nach 300 jahren des todes des grossen kurfuersten
gedenken, ist ausfluss unseres geschichtsbewusstseins.
erfreulicherweise erlebt das geschichtsbewusstsein zur zeit
eine renaissance. die bundesregierung und der senat von
berlin tragen dem dadurch rechnung, dass sie in berlin das
deutsche historische museum errichten.
dass wir diese hinwendung zur vergangenheit als
renaissance bezeichnen koennen, auch das verdanken wir - unter
anderem - dem grossen kurfuersten. es war ein regent, der
in bemerkenswerter weise in historischen dimensionen
dachte. er teilte das interesse seiner zeit fuer die
geschichtsschreibung.
er wollte die vergangenheit des landes festhalten und auch
seine taten aufgezeichnet wissen. er war bestrebt, lehren
aus der geschichte zu ziehen und seine erfahrungen
weiterzugeben.
in drei taten wirkt dieses geschichtsbewusstsein des
grossen kurfuersten bis heute fort.
erstens: er betrieb konsequent den aufbau einer
umfassenden kurfuerstlichen bibliothek, die bei seinem tode ueber
20 000 werke und ueber 1 600 handschriften umfasste. diese
bibliothek bildete die grundlage fuer die spaetere preussische
staatsbibliothek und heutige staatsbibliothek der stiftung
preussischer kulturbesitz.
zweitens: auf grund seines geschichtsbewusstseins
beauftragte der grosse kurfuerst staatshistoriographen, die
geschichte seines hauses und seines landes
aufzuzeichnen. samuel von pufendorf, der bekannte verfassungs- und
staatsphilosoph, der 1688 in den dienst des grossen
kurfuersten trat, schrieb die lebensgeschichte des grossen
kurfuersten. sie erschien 1695 und ist eines der groessten und
beeindruckendsten biographischen werke des spaeten
17. jahrhunderts.
das bestreben, aus der geschichte zu lernen, veranlasste
den grossen kurfuersten zum dritten, zur unterweisung
seines nachfolgers ein ausfuehrliches politisches testament
zu verfassen.
vii.
der grosse kurfuerst: ein staatsmann aus dem 17.
jahrhundert, ein charakterbild deutscher geschichte, der erste der
hohenzollern, dem die geschichte den beinamen "der
grosse" gegeben hat.
indem er sein land aus dem elend des krieges
herauszufuehren wusste, verstand er es gleichzeitig, seinem land
eine neue sittliche, christliche staatsidee zu geben: gesetz
und ordnung, pflicht und verantwortung, toleranz und
freiheit. begriffe der aufklaerung, chiffren modernen
staatsdenkens finden wir schon in seinen dekreten.
ueber allem aber steht die idee, die staatsraeson, die maxime
des fuerstenstaates, alle macht geht vom fuersten, nicht vom
volke aus. sie ist dem fuersten von gott gegeben. dieser uebt
macht nur treuhaenderisch aus. die macht hat nicht
selbstzweck. nicht willkuer, sondern gesetzue
was 100 jahre spaeter immanuel kant in seiner "kritik der
praktischen vernunft" formuliert hat, findet sich als
handlungsmaxime im denken des grossen kurfuersten vorgepraegt.
anlass genug, seiner heute zu gedenken.