- Bulletin 125-91
- 8. November 1991
bundeskanzler dr. helmut kohl stattete der republik
chile vom 19. bis 22. oktober 1991 und der foederativen
republik brasilien vom 22. bis 29. oktober 1991 einen
offiziellen besuch ab.
besuch in der republik chile
empfang in der deutschen schule santiago
bundeskanzler dr. helmut kohl hielt vor der
deutschstaemmigen gemeinschaft und den deutschen in chile in
der deutschen schule santiago am 20. oktober 1991
folgende ansprache:
meine sehr verehrten damen und herren,
liebe schuelerinnen und schueler,
liebe lehrerinnen und lehrer, liebe eltern,
und fuer die, die aus deutschland kommen
und deutsche staatsbuerger sind - liebe landsleute!
ich gruesse sie alle sehr herzlich, die heute frueh in die
deutsche schule gekommen sind, um sich zu diesem land, zu
chile, zu bekennen wie gleichzeitig auch des alten
vaterlandes, des wiedervereinigten deutschlands, zu gedenken.
ich gruesse sie sehr, sehr herzlich aus dem wiedervereinigten
deutschland.
fuer mich ist es fast wie in einem traum, dass ich meinen
lang gehegten wunsch, dieses grossartige land chile zu
besuchen, heute verwirklichen kann.
es schwingen viele wuensche, erinnerungen und gefuehle bei
dieser feststellung mit. ich freue mich vor allem, dass ich
meine erste oeffentliche rede bei diesem besuch in chile hier
vor ihnen in der deutschen schule halten kann, denn es gibt
keine gelegenheit, bei der man besser wuerdigen koennte, was
deutsch-chilenische beziehungen, vor allem auf dem
wichtigen feld der kultur, ausmachen. die hundertjahr-feier der
deutschen schule ist hierfuer ein guter anlass.
ich danke all denen, die diese einladung moeglich gemacht
haben. ich danke all denen, die hier arbeiten, weil hier ein
stueck aus der alten heimat jeden tag erneut lebendig wird.
als eben der chor nach einem text von hermann hesse fuer
uns sang, war dies nicht irgendwo fern in einem anderen teil
der erde. es war ein stueck heimat, das ueber diesen platz
zog. deshalb einen ganz, ganz herzlichen dank fuer diesen
dienstss
ich wuensche der deutschen schule santiago und allen
deutschen schulen in chile eine gute zukunft in einer friedlichen
zeit. sie alle wissen, was es bedeutet, dass zwei voelker, das
deutsche und das chilenische, in enger verbundenheit jeden
tag ihr bestes in die erziehung einer jungen generation
einbringen.
ich weiss, welch grossen einfluss deutsche einwanderer durch
die jahrzehnte, ja, durch die jahrhunderte mit ihren
nachkommen auf die entwicklung chiles genommen haben.
mein freund praesident aylwin hat dies in seiner - auch bei
uns in deutschland vielbeachteten - rede zum tag der
deutschen einheit deutlich gemacht.
ihre vorfahren wurden in dieses grosse land eingeladen. sie
fanden eine neue heimat, sie wurden mit offenen armen
aufgenommen. sie konnten ihre kenntnisse und faehigkeiten
voll entfalten und sich gleichberechtigt zu angesehenen
buergern chiles entwickeln. aus diesem grund - und ich will
dies betonen - stand auch ihre loyalitaet gegenueber der
neuen heimat chile niemals in frage.
zugleich haben sehr viele deutsch-chilenen - zum teil ueber
viele generationen hinweg - stets an ihrer kulturellen identitaet
festgehalten. sie haben die bindungen zur alten heimat,
vor allem die kulturelle beziehung, nie aufgegeben.
fuenf deutsche schulen, von denen die erste schon vor
137 jahren in osorno gegruendet wurde, haben einen
grossartigen anteil an diesem werk.
aber ich nenne hier auch bewusst die deutschen vereine, die
kirchengemeinden, die studentischen organisationen, die
vielen sozialen und karitativen einrichtungen, all jene, die
sich im deutsch-chilenischen bund zusammengeschlossen
haben, um hilfreich fuer andere zu sein.
ich nenne auch ganz bewusst die deutsch-juedische
gemeinde in santiago, die trotz der schrecklichen
erfahrungen vieler ihrer mitglieder waehrend der nazidiktatur
an ihrer deutschen kulturzugehoerigkeit festgehalten hat.
fuer mich ist es ein beeindruckendes erlebnis, hier in
chile - fern von deutschland - eine so grosse anzahl von
menschen deutscher abstammung zu finden, die diese
beziehung zur alten heimat pflegen wollen. ich moechte
ihnen fuer die bundesregierung und auch fuer mich selbst
sagen: ich wuensche mir, dass dies so bleibt. wo wir von der
alten heimat aus helfen koennen, wollen wir gerne helfen.
meine damen und herren, dabei ist mein wunsch, dass ihr
interesse an deutschland auch die neuen entwicklungen
einbezieht, die sich bei uns in den letzten jahrzehnten
vollzogen haben. die deutsche kultur am ende des 20.
jahrhunderts - und darin schliesse ich ausdruecklich die politische
kultur unseres landes mit ein - ist eben nicht mehr dieselbe
wie zur zeit der grossen auswanderungen im letzten
jahrhundert oder zu beginn dieses jahrhunderts:
- die totale niederlage deutschlands von 1945, der
neubeginn am nullpunkt, bei dem die gegner von gestern ganz
wesentlich mitgeholfen haben,
- die bitteren erfahrungen mit den totalitaeren diktaturen
des nationalsozialismus und des kommunismus,
- der aufbau unserer freiheitlich-demokratischen staats-
und gesellschaftsordnung,
- die vermischung der ueberkommenen bevoelkerungsstrukturen,
zunaechst durch die gewaltigen fluechtlings- und
vertriebenenstroeme und - in den letzten jahrzehnten -
durch eine neue mobilitaet der menschen,
- der intensive austausch mit anderen voelkern und ihren
kulturen, an dem alle teilhaben koennen,
- und nicht zuletzt - und darauf sind wir stolz - die
ueberwindung eines engstirnigen nationalismus, die
vollendung der deutschen einheit und unser beitrag zur
politischen einigung europas.
dies alles hat unser leben in deutschland tiefgreifend
veraendert. unsere weltweite verantwortung ist gewachsen, und
wir wollen dieser verantwortung gerecht werden.
am ende dieses jahrhunderts blicken wir zurueck auf viele
jahrzehnte von not, tod, krieg und leid. zwei weltkriege
und gigantische veraenderungen unseres kontinents haben
tiefe spuren in die koepfe und in den herzen der menschen
hinterlassen.
vor kurzem haben wir den zusammenbruch des
kommunismus im osten unseres landes, den aufbruch zur freiheit
in mittel-, ost- und suedosteuropa, in der csfr, in polen, in
ungarn, in der sowjetunion erlebt. das alles fordert uns
heraus.
dies ist nicht die zeit, in der ein volk nur an sich selbst
denken darf. es ist die zeit, in der wir, die deutschen, die
das glueck haben, zu den reichen nationen dieser erde zu
gehoeren, gefordert sind, hilfe zur selbsthilfe zu leisten: in
lateinamerika genauso wie in asien und afrika, aber auch
in den laendern mittel-, ost- und suedosteuropas. wir wollen
in diesem geist helfen.
der satz "von deutschem boden muss frieden ausgehen" ist
eine programmansage deutscher politik heute und fuer die
zukunft.
dies alles hat seine spuren hinterlassen. die kultur unseres
landes ist heute weltoffener denn je. sie hat viele neue
stroemungen hervorgebracht, sie hat andere in sich integriert.
mir ist sehr daran gelegen, dass unsere freunde hier in
chile - und das gilt vor allem fuer sie - diese neue
deutsche wirklichkeit kennenlernen und auch anerkennen.
ich bin sicher, dass die kulturellen bindungen zwischen
ihnen und dem land ihrer vorfahren dadurch noch
vertieft werden.
wir deutsche stehen jetzt vor der aufgabe, die staatliche
einheit, die wir errungen haben, auszubauen zur
wirtschaftlichen und sozialen einheit. unsere landsleute in der
frueheren ddr waren durch fuenfundvierzig jahre hindurch - ohne
ihre eigene schuld - daran gehindert, an der freien
gesellschaft eines freien staates teilzuhaben. es ist jetzt
unsere gemeinsame aufgabe in deutschland, ihre
lebensbedingungen so schnell wie moeglich an die
lebensbedingungen in der alten bundesrepublik heranzufuehren.
es ist jedoch die groessere aufgabe, dass wir die mauer, die
wir gelegentlich noch in unseren herzen und koepfen haben,
ueberwinden, dass wir als menschen in deutschland
zueinander finden, dass das, was da an graeben und mauern
entstanden ist, so schnell wie moeglich abgebaut wird.
ich weiss, dass viele von ihnen diese dramatische
entwicklung nicht nur mit wachem verstand, sondern auch mit
heissem herzen verfolgt haben. die begeisterte aufnahme,
die das historische ereignis der deutschen einheit bei ihnen
allen gefunden hat, die grosse feier hier in ihrem club in
anwesenheit des staatspraesidenten im vergangenen jahr,
brachten dies zum ausdruck.
meine damen und herren, liebe freunde, in diesen fuenf
jahren, vom 9. november 1989 - das ist der tag, an dem die
mauer zerbrach - bis zum sommer 1994, wenn wir zum
naechsten mal in eg-europa in freier, geheimer und direkter
wahl das europaeische parlament waehlen, in diesen fuenf
jahren vollzieht sich ein wandel in europa, von dem die
besten in europa getraeumt haben. wenn sie die tagebuecher
gefallener soldaten aus dem ersten weltkrieg nachlesen,
werden sie dort die sehnsucht nach europa, nach der
ueberwindung staatlicher grenzen und den wunsch nach
europaeischer identitaet wiederfinden.
wir haben diese grosse aufbruchstimmung in europa zur
zeit der weimarer republik zwischen den beiden
weltkriegen gekannt. romain rolland hat davon gekuendet und mit
ihm viele andere. dann wurde es wieder nacht in europa.
erst als die europaeer aus diesem tal herauskamen, haben
sie begriffen, was winston churchill 1946 in seiner grossen
rede in zuerich auf die formel brachte: "wir muessen die
vereinigten staaten von europa bauen." - ein europa, in
dem wir deutsche, franzosen, briten, spanier, italiener
bleiben werden, aber in dem wir uns auf die kulturelle
identitaet und auf die grosse kraft des alten kontinents
besinnen.
wir werden schon in kurzer zeit dramatische schritte nach
vorn unternehmen. am 31. dezember 1992 - das ist in
weniger als eineinhalb jahren - wird es den grossen markt in
europa geben mit zunaechst 340 millionen menschen ohne
grenzen fuer waren und personen. dieses europa wird in
wenigen jahren noch groesser sein.
mein wunsch ist, dass moeglichst viele, auch hier in chile und
in den laendern lateinamerikas, begreifen, dass es gut ist,
mit diesem neu entstehenden groesseren europa eng
verbunden zu sein. wir, die deutschen, wollen dies, und wir
bieten unsere hand auch unseren freunden in chile.
meine damen und herren, erlauben sie mir ganz zum
schluss ein persoenliches wort an die schuelerinnen und
schueler, die hier sind. ich will ihnen sagen, was mich bewegt,
wenn ich heute an diesem fruehlingsmorgen in diesem land
mit achtzehnjaehrigen spreche: dann geht meine erinnerung
zurueck in die zeit, als ich achtzehn jahre alt war. das war
1948. das war eine zeit, in der deutschland in
besatzungszonen aufgeteilt war, in der man einen passierschein
brauchte, um von einem teil des rheins zum anderen zu
kommen.
das war die stunde null in der geschichte unseres volkes.
viele haben nicht mehr daran geglaubt, dass es einen
wiederaufstieg geben koenne - andere aber haben nicht verzagt
und sie haben sich durchgesetzt. wir haben hilfe erhalten,
hilfe zur selbsthilfe. aber es war die grossartige generation
der vaeter und muetter, der gruender unserer republik nach
dem krieg, die dann den wiederaufbau geschafft hat.
heute, ueber vierzig jahre danach, koennen wir erst ermessen,
welche leistung das war. dies sage ich zu den
achtzehnjaehrigen: eure alterskameraden in deutschland gehoeren
heute der ersten generation der deutschen geschichte an, die
wissen koennen, dass sie zeit ihres lebens keinen krieg in
mitteleuropa mehr erleben werden, dass die alten schlachten
alte schlachten in den geschichtsbuechern bleiben, dass wir in
europa aus der geschichte gelernt haben und dass die
botschaft, die heute durch mich zu ihnen nach chile kommt,
heisst: wir wollen als deutsche unseren beitrag leisten - zum
frieden, zur freiheit, zur sozialen gerechtigkeit in der welt.
deswegen ist dies meine botschaft an die schuelerinnen und
schueler: bleibt weltoffen oder werdet weltoffenss geht in
diesem geist, den eure alterskameraden in deutschland
jetzt selbstverstaendlich erleben, auch euren weg - einen
weg in eine friedliche welt, hier in eurem chilenischen
vaterland, in einem land, das euren ahnen freiheit,
frieden und heimstatt geboten hat.
mein wunsch ist, dass moeglichst viele aus dem kreis der
jungen den weg gelegentlich auch in die alte heimat finden
- zum beispiel als studenten an meiner heimatuniversitaet
heidelberg oder irgendwo anders in deutschland -, damit
diese beziehungen eng, intensiv und freundschaftlich bleiben.
ich wuensche ihnen allen - und uns - noch einen
interessanten vormittag hier und den schuelerinnen und schuelern
viel glueck auf ihrem lebensweg und gottes segen fuer dieses
land.