Die Chancen der Globalisierung für den Menschen nutzbar machen - Rede von Bundesminister Dr. Rüttgers in Bonn

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Bundesminister Dr. Jürgen Rüttgers hielt zur Eröffnung des Kongresses
"Globalisierung von Forschung, Entwicklung und Technologiemärkten -
Konsequenzen für die nationale Innovationspolitik" am 2. Dezember 1997 auf dem
Petersberg bei Bonn folgende Rede:


Meine sehr verehrten Damen und Herren,


die Welt verändert sich. Ich glaube, daß die Geschichtsschreibung späterer
Zeit diesen Wandel am Ende des zweiten Jahrtausends einmal als "Revolution"
bezeichnen wird. Man wird unsere Zeit als revolutionär beschreiben, genau so,
wie wir die Ereignisse, die vor rund 200 Jahren von England ausgehend ihren
Lauf nahmen, aus heutiger Sicht als Industrielle Revolution bezeichnen. Was
ermutigt mich zu dieser Behauptung? - Nun:


- Wir haben eine Revolution der politischen Systeme. Die großen Mächte stehen
sich nicht mehr als feindliche Blöcke gegenüber, sondern als Varianten einer
insgesamt marktwirtschaftlichen Ordnung.


- Wir haben zweitens eine Revolution der Kommunikation. Das Netz
weltumspannender Informations- und Kommunikationsverbindungen hat sich in
ungeahnter Weise verdichtet. Das Zauberwort von der "Dematerialisierung" macht
die Runde. Wir entwickeln uns zu einer Wissensgesellschaft.


- Wir haben schließlich eine kulturelle Revolution. Mit dem Siegeszug des
Internet hat sich Englisch endgültig als Weltsprache und neue lingua franca
der Moderne durchgesetzt. Das Fernsehen vermittelt den Menschen zur gleichen
Zeit die gleichen Worte und Bilder in Berlin, Paris, London, Tokio und New
York.


Niemand hat diese großen Veränderungen so schnell und so konsequent genutzt
wie die Unternehmen. Der Begriff der Globalisierung hat viele Facetten und ein
in vieler Hinsicht noch nicht annähernd erschlossenes Potential. Er wird
bislang fast ausschließlich als ein ökonomisches Phänomen begriffen und
beschrieben. Zugleich spüren aber die Akteure, also international handelnde
Unternehmer und Manager, wie auch die Wissenschaftler, die Politiker und viele
andere Menschen, daß dies erst der Anfang einer Entwicklung ist, die unserer
Welt ein neues Gesicht gibt.


Kaum ein anderes Phänomen wird in Reden, Analysen und Rechtfertigungen so
viel beschworen wie die Globalisierung. Und doch haben wir diesen Prozeß
intellektuell noch nicht annähernd vollständig durchdrungen und verstanden.
Dies ist eine entscheidende Begründung für diesen Kongreß.


Ich danke Ihnen allen für Ihre Teilnahme. Und ich hoffe, daß wir gerade in
den vielfach noch offenen Zusammenhängen zwischen Globalisierung einerseits
und Forschung und Innovation andererseits mehr Klarheit gewinnen. Klarheit,
die eine moderne Innovationspolitik braucht, um den Menschen die Chancen der
Globalisierung zu erschließen.


Der Blick auf die Chancen der Globalisierung ist vielen Menschen verwehrt.
Das Gefühl, anonymen Kräften von weit außerhalb der heimatlichen Region und
des eigenen Landes ausgesetzt zu sein, verunsichert die Menschen. In einem
Land von der Größe Deutschlands mag man das intensiver empfinden als
beispielsweise in den Vereinigten Staaten von Amerika.


Aber ich widerspreche der Behauptung, dies seien irrationale Ängste und
Befürchtungen. Denn die von mir skizzierten Veränderungen sind keineswegs
einheitlich und ungebrochen. Auch darin ähneln sie revolutionären Prozessen.
So homogen bestimmte Aspekte einer globalen Kultur auch erscheinen mögen,
Abweichungen und Gegenbewegungen gibt es genügend. Eine der großen Spannungen
ergibt sich aus dem Bedeutungszuwachs orthodoxer Glaubensrichtungen und hier
insbesondere des islamischen Fundamentalismus. Nicht ohne Grund stößt Samuel
Huntingtons These vom Zusammenprall der Kulturen auf so große Resonanz.


Auch die Chancen der internationalen Information und
Kommunikation, die faszinierende Entwicklung des Internet, wird überlagert
von Gegenbewegungen und Gefährdungen.


Cliffort Stoll, der zu den Pionieren des Internet zählt, warnt neuerdings vor
der Gefahr der Entmenschlichung in einer Wüste von Datenmüll. Politischer
Radikalismus und verschiedene Formen von Kriminalität haben, so scheint es, in
den Rechnernetzen eine neue Heimat gefunden. Auch eine neue gesellschaftliche
Spaltung wird befürchtet, eine Aufspaltung in Menschen, die über
Computerkompetenz verfügen und solche, die als Computeranalphabeten ein neues
Proletariat bilden.


Und schließlich ist es zwar richtig, daß wir weltweit die Auflösung des
kriegerischen Gegensatzes von Kapitalismus und Kommunismus und die Entwicklung
einer globalen Marktwirtschaft erleben dürfen. Zugleich müssen wir jedoch
feststellen, daß Marktwirtschaft und Demokratie keineswegs natürliche
Schwestern sind, wie wir vor dem Fall des Eisernen Vorhangs wohl mehrheitlich
glaubten. Am deutlichsten wird dies am Beispiel Chinas.


Und auch in der freien Welt ist die marktwirtschaftliche Ordnung nicht so
einheitlich, wie man es in den Zeiten der Blöcke empfunden haben mag. De facto
kann man relativ unterschiedliche Modelle erkennen:


Da ist einmal das amerikanische Modell mit seinen großen Freiheiten, seiner
Dynamik, seinem ausgeprägten Individualismus, aber auch mit seinen Spannungen
und seiner sozialen Unausgewogenheit.


Dann sehe ich das asiatische Modell, bei dem Staatsräson, Disziplin und eine
hohe kollektive Leistungsbereitschaft in sehr kurzer Zeit zu enormen Erfolgen
geführt haben, das aber gleichwohl - gerade in jüngster Vergangenheit - auch
seine Anfälligkeiten zeigt.


Und schließlich unterscheide ich das europäische Modell, bei dem ich mir
erlaube, unser System der Sozialen Marktwirtschaft beziehungsweise das auch
als "Rheinischer Kapitalismus" bezeichnete Modell zu betonen. Hier stehen hohe
wissenschaftliche und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit gepaart mit sozialem
Ausgleich und einem teilweise überzogenen Konsensstreben im Mittelpunkt.
Gerade dieses System findet heute immer mehr Anhänger bei denjenigen, die es
noch vor wenigen Jahren bekämpft haben, während seine Anhänger nicht selten
sein Kernstück - die Verbindung von marktwirtschaftlicher Effizienz mit
sozialem Ausgleich - als überholt bezeichnen.


Ganz gewiß werden wir innerhalb der globalen Marktwirtschaft über Jahre, wenn
nicht Jahrzehnte hinweg den ökonomischen Wettstreit dieser Systeme erleben.
Mein politisches Ziel ist es, das europäische Modell, insbesondere das System
der Sozialen Marktwirtschaft zu erhalten, damit es auch unter den Bedingungen
der globalen Marktwirtschaft seine Vorteile bewahren und seine hohe
Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen kann.


Eine Spaltung der Gesellschaft verschüttet langfristig Kreativitäts- und
Produktivitätspotentiale, auf die es in Zukunft entscheidend ankommt. Unsere
Antwort auf die Herausforderungen der Globalisierung muß vielmehr sein, durch
Bildung, Ausbildung, Forschung und Technologie den einzelnen und die
Gesellschaft zum Wandel zu befähigen.


Ich glaube, vor diesem Tableau verwirrender Trends und Brüche wird
überdeutlich, daß es noch einen erheblichen Untersuchungs-, Entschlüsselungs-,
Erklärungs- und Strategiebedarf gibt. Wir werden diesen Bedarf hier und heute
auf dem Petersberg nicht vollständig befriedigen können. Aber ich bin
zuversichtlich, daß dieser Kongreß einige wesentliche und interessante
Ergebnisse zum Themenkreis Forschung, Entwicklung und Innovation unter den
Bedingungen der Globalisierung bringen wird.


Die Ergebnisse Ihrer Arbeit werden direkt dem nationalen Technologierat bei
Bundeskanzler Helmut Kohl zugeleitet. Hiervon erwarte ich weitere
Aktionshinweise für die Innovationspolitik der Bundesregierung sowie Hinweise
für die Strategiebildung der deutschen Wirtschaft und die Zukunftsorientierung
der Wissenschaft.


Insbesondere erhoffe ich mir eine Belebung des intellektuellen Diskurses.
Während sich in Frankreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten viele
Wissenschaftler und ein weiter Kreis von Intellektuellen an einem öffentlichen
Diskurs beteiligen, haben sich große Teile der intellektuellen Elite unseres
Landes dieser Diskussion bisher versagt.


Dies ist einerseits verständlich, weil die nationale Herausforderung der
Wiedervereinigung, die ein Teil des weltweiten Umbruchs ist, die
intellektuellen Kräfte unseres Landes stark beansprucht hat. Andererseits aber
begnügt sich die Elite oft damit, die Veränderungen zu analysieren und dann zu
beklagen.


Notwendig aber ist eine Debatte, die die Zukunftschancen identifiziert und
Wandel möglich macht. Nur so wird es möglich statt Besitzstände zu verteidigen
neue Möglichkeiten
zu eröffnen. Nur so wird es möglich, die Menschen in Deutschland auf den Weg
in die Wissensgesellschaft mitzunehmen. Daß dies möglich ist, zeigen die
erstaunlichen Veränderungen, die in diesem Land täglich geschehen. Man braucht
dabei nicht nur auf die ungeheuren Anpassungsleistungen der Menschen in den
neuen Bundesländern zu verweisen.


Auch im Westen geschieht vor Ort mehr, als öffentlich wahrgenommen wird. Weil
die Eliten sich aber häufig dem notwendigen Diskurs verweigern, statt dem
Wandel Ziel und Richtung zu geben, weil die Institutionen häufig die
Veränderungen vor Ort nur dulden und kollektive Besitzstände verteidigen,
statt neue Formen des Interessenausgleichs zu entwickeln, entsteht ein
Eindruck der Lähmung. Dies aber gefährdet
die Institutionen, die jede Gesellschaft für ihren Zusammenhalt
braucht. Die alte Aufgabenteilung, wonach die Wissenschaft in Einsamkeit und
Freiheit für das Wissen zuständig ist, die Wirtschaft für Gewinne und die
Politik für Gerechtigkeit und Akzeptanz, ist im Zeitalter der Globalisierung
untauglich.


Wissenschaftler, die ihren Beitrag zur Schaffung neuer Arbeitsplätze leisten,
verstoßen nicht gegen den Grundsatz der Freiheit der Forschung. Universitäten,
die junge Menschen auf konkrete Berufschancen hin ausbilden, verstoßen nicht
gegen das Ethos der Wissenschaftlichkeit. Unternehmer, die im Ausland
investieren, stärken zugleich den Standort Deutschland und schwächen ihn
nicht. Politiker, die Veränderungen zusammen mit den Menschen möglich machen
wollen und ein Auseinanderfallen der Gesellschaft in Gewinner und Verlierer
vermeiden wollen, behindern nicht Veränderungen, sondern erhalten die Basis,
auf der Wissenschaft und Wirtschaft stehen.


Ich möchte Ihnen jetzt zu Beginn Ihrer Vorträge und Beratungen zum Auftakt
gewissermaßen eine politische Stafette überreichen. Meine eigenen Ansätze im
Umgang mit Internationalisierung und Globalisierung werden einige von Ihnen
kennen. Ich werde deshalb nur fünf große Linien skizzieren. Es sind fünf
konkrete Punkte. Es sind fünf Projekte, die nicht erst begonnen werden müssen,
sondern mit deren Umsetzung bereits begonnen wurde.


Erstens: Kompetenz regional sichtbar machen. Neben traditionellen
Industriestandorten gewinnen "Kompetenzzentren" eine steigende Bedeutung. Der
Takt des Fortschritts bei bestimmten Gütergruppen wird zunehmend von wenigen
Kompetenzzentren in der Welt bestimmt. Vor 15 Jahren etwa definierte
Silicon-Valley den Computer neu, so wie es zuvor den Chip erfand; heute wird
die Entwicklung von Software und Multimedia in hohem Maße dort definiert.
Firmen, die in diesem Geschäft mithalten wollen, sind dort präsent oder
verfolgen zumindest genau, was dort gedacht wird.


Kompetenzzentren sind Magneten des Wissens und der zugehörigen Fähigkeiten,
sie ziehen Begabung und Investitionen an und bestimmen zugleich Takt und
Richtung der Entwicklung. Kooperation, Führungsvorteile und regionale
Innovationskulturen spielen eine erhebliche Rolle im Innovationsprozeß.


Gedanken an die Planbarkeit oder Gestaltbarkeit regionaler Technologiezentren
durch die Bundesregierung wären ein klarer Fehler. Es macht aber viel Sinn,
Anreize zur Selbstorganisation von Kompetenznetzwerken zu geben. Die
Bundesregierung wird dies in Zukunft verstärkt tun.


Als ein Instrument, um die Verbundvorteile von Regionen zu entwickeln, haben
wir den BioRegio-Wettbewerb durchgeführt. Die Biotechnologie ist seitdem in
Deutschland unverkennbar in einer Aufbruchstimmung. Deutsche Unternehmen, die
vor Jahren ihre Forschungs- und Produktionsanlagen ins Ausland verlagerten,
investieren heute wieder in Deutschland. Forscher kehren zurück.


Zweitens: Forschung und Anwendung zusammenführen. Als ein weiteres Instrument
hat die Bundesregierung die sogenannten Leitprojekte entwickelt. Wir werden
damit breite Netzwerke aus Unternehmen, Forschungseinrichtungen,
Technologieproduzenten und Anwendern fördern. Die Leitprojekte werden nach
meiner Erwartung einen erheblichen Schub für Systeminnovationen in Deutschland
bringen und die Dauer von Innovationszyklen drastisch senken. Ich denke an
Telematiksysteme in Ballungsräumen, die Gestaltung einer umweltschonenden
Kreislaufwirtschaft, Anwendungen der Gentechnik in der Medizin und innovative
Multimedia-Anwendungen.


Die schnellen Reaktionen und die Qualität der bei uns eingegangenen
Vorschläge zeigen, daß wir in Deutschland ein enormes Potential an
innovationsrelevantem Wissen haben. Es bedurfte nur eines Anstoßes, damit aus
dem Wissen Innovationen werden. Die Leitprojekte scheinen das zu bewirken: Die
Leitprojekt-Initiative verändert die Wirklichkeit durch neues Denken.


Es bilden sich Partnerschaften aus Unternehmen, Forschungseinrichtungen,
Behörden, die ohne Leitprojekte wohl kaum zusammengefunden hätten. Der
Leitprojektprozeß enthüllt außerdem, daß im Bereich technologischer und
organisatorischer Innovationen besondere Dienstleistungspotentiale stecken.
Dies ist ein besonders wichtiger Punkt.


Es geht - gerade bei den Dienstleistungen - nicht nur um neue Produkte,
sondern auch um innovative unternehmerische Organisationsformen, innovative
Ablaufkonzepte, kreativitätsfördernde Managementmethoden und ähnliches mehr.
Wir haben die Herausforderung des Dienstleistungssektors zu lange nicht ernst
genug genommen in Deutschland. Der ökonomische Sektor, der für Beschäftigung,
Wertschöpfung und Wettbewerbsfähigkeit schon heute der wichtigste ist, ist
ausgerechnet der Sektor, in dem Deutschland sich besondere Schwächen leistet.


Es geht heute auch und gerade im tertiären Sektor um knochenharten und
weltweiten Wettbewerb. Dienstleistungen müssen heute hocheffizient,
hochproduktiv und qualitativ hochwertig hergestellt werden, wenn sie auf
wettbewerbsintensiven Märkten national und international verkauft werden
sollen. Wettbewerb, Leistungstransparenz und Qualitätskriterien sind in weiten
Bereichen des Dienstleistungssektors allerdings noch Fremdworte. Im
Gesundheitswesen, bei freien Berufen, in der Wissenschaft und im Öffentlichen
Dienst herrschen teilweise altertümlich anmutende, ständische Bedingungen.


So können wirkliche Märkte und mithin Druck zu mehr Effizienz und
Produktivität nicht entstehen! In der Industrie gilt es als völlig normal, daß
jährlich Produktivitätsfortschritte erzielt werden. In der Medizin oder der
Wissenschaft rufen solche Forderungen nur ungläubiges Staunen hervor. Man kann
bei Dienstleistungen stark und innovativ sein, ja man kann sie sogar
erfolgreich exportieren, aber nur dann, wenn man sie nicht vornehmlich als
beschäftigungspolitisches Element versteht und es womöglich sogar als angenehm
empfindet, wenn die Arbeitsproduktivität niedrig bleibt. Die Voraussetzung für
eine außen- wie binnenwirtschaftlich gute Position im Dienstleistungssektor
ist, daß auch in diesem Sektor Wettbewerb, Produktivitätsentwicklung,
Innovation und Forschung stattfinden.


Drittens: Unternehmensgründungen fördern und erleichtern. Zentrale Bedeutung
kommt der Gründerförderung und der Förderung mittelständischer Unternehmen zu.
Die OECD hat errechnet, daß fünf Prozent der kleinen und mittelgroßen
Unternehmen zu fast 70 Prozent der Arbeitsplatzgewinne in ihren
Mitgliedstaaten beigetragen haben.


Die Bundesregierung hat das Ziel formuliert: Niemand mit Engagement und
Ideen, der bereit ist, ein verantwortliches unternehmerisches Risiko
einzugehen, darf in Deutschland an fehlendem Kapital scheitern. Diesem Ziel
sind wir ein großes Stück nähergekommen. Der Beteiligungskapitalmarkt für
Frühphasenfinanzierungen innovativer Unternehmen hat sich in den letzten
Jahren in Deutschland stürmisch entwickelt.


Der deutsche Markt ist inzwischen - von der breiten Öffentlichkeit weitgehend
unbemerkt - die Nummer eins in Europa: Allein 1996 konnten über unser Programm
"Beteiligungskapital für kleine Technologieunternehmen" rund 300 Millionen
D-Mark an Kapitalbeteiligungen vermittelt werden. Das war ein neuer Rekord.
Innerhalb von zwei Jahren konnte eine Steigerung von 240 Prozent erreicht
werden. Und der Trend zeigt weiter steil nach oben.


Die Zahl der Biotechnologieunternehmen in Deutschland zum Beispiel hat sich
zwischen 1995 und 1996 verdoppelt: Von 75 auf 150 Firmen. Wir können davon
ausgehen, daß sich diese Zahl auch im laufenden Jahr verdoppeln wird, auf dann
300 Unternehmen. Die Bereitstellung von Beteiligungskapital für die
Biotechnologie boomt. Allein für BioRegio-Aktivitäten stehen derzeit 565
Millionen D-Mark an privatem Beteiligungskapital zur Verfügung. Das ist eine
Entwicklung, wie sie der deutsche Markt für Innovationskapital bisher nicht
kannte.


Mit dem 3. Finanzmarktförderungsgesetz hat die Bundesregierung die
Rahmenbedingungen für die Innovationsfinanzierung noch einmal erheblich
verbessert. Neue Börsensegmente entstehen.


Wir dürfen jetzt an dieser Stelle nicht stehen bleiben. Die Zahl innovativer
Gründungen steigt - aber sie ist noch lange nicht ausreichend. Am Markt für
Wagniskapital hat sich viel getan. Es kommt jetzt darauf an, mehr potentielle
Gründer an diesen Markt heranzuführen.


Viertens: Das deutsche Bildungs- und Innovationssystem weiter öffnen. Auch
das deutsche Bildungssystem steht vor einer epochalen Herausforderung. Die
Studentenproteste der vergangenen Woche haben dies jedem deutlich gemacht. Ich
habe Verständnis für die Proteste der Studenten. Ich habe aber auch
Verständnis dafür, daß manchen der Chor der Solidaritätsadressen aus sehr
unterschiedlichen Lagern unheimlich ist.


Diese Solidaritätsadressen verdecken, daß sich da manche mit sehr
unterschiedlichen Vorstellungen über die Universität des 21. Jahrhunderts
versammelt haben. Bei vielen ist die Forderung nach mehr staatlicher
Finanzierung der kleinste gemeinsame Nenner. Richtig ist, daß der Staat
angesichts der seit Jahren vorhandenen Überlast und weiter steigender
Studentenzahlen
mehr Geld für die Hochschulen zur Verfügung stellen muß. Wahr ist aber
auch, daß der Bund und die Länder die Mittel für eine problemlose staatliche
Finanzierung nicht werden aufbringen können. - Dies offen zu sagen, gebietet
nicht nur die Ehrlichkeit, sondern auch die Pflicht, den guten Willen der
meisten Studenten nicht zu enttäuschen.


Im Grunde erleben wir gerade wieder einmal ein Beispiel
organisierter Unverantwortlichkeit, die so oft unsere öffentlichen
Debatten kennzeichnet: Jeder ist beteiligt, sucht die Verantwortung -
aber bei anderen. Ohne Strukturreformen wird die Universität des 21.
Jahrhunderts nicht entstehen. Das neue Hochschulrahmengesetz eröffnet die
Möglichkeiten für solche Strukturreformen. Aber diese Möglichkeiten müssen
genutzt werden.


Hubert Markl, der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, hat in diesen Tagen
die Bildungspolitiker angeklagt, die - ich zitiere: "ausgerechnet in der
alternativlosen Staatlichkeit und dementsprechend obligatorischen Finanzierung
dieses gesamten Systems aus öffentlichen Mitteln die wichtigste Garantie für
Chancengleichheit im Bildungssystem sehen möchten. Was doch allenfalls so
gemeint sein kann, daß keiner bessere Chancen als alle anderen haben soll."


Im Zeitalter des globalen Wettbewerbs werden die Maßstäbe nicht mehr national
definiert. Trotz vieler Hochschulpartnerschaften und Reisen in ferne Länder
haben die Hochschulen diese Herausforderung noch nicht ausreichend angenommen.
"Währenddessen" - ich zitiere noch einmal Hubert Markl - "schicken die
verabscheuten Besserverdiener in wachsender Zahl ihre Kinder für sündteures
Geld an ausländische, private Ausbildungsstätten und strafen damit den Erfolg
gleichmacherischer staatlicher Bildungspolitik durch Abstimmung mit den Füßen
(besser mit dem Flugzeug) Lügen."


Ausländische Studenten und Wissenschaftler sind für jeden Standort von
vitalem Interesse. Über die Studienkontakte von heute werden Chancen zur
Zusammenarbeit bei der Wissensentstehung und auch Märkte von morgen
erschlossen. Die Verbesserung des Studienangebots für ausländische Studenten
ist eine zentrale Antwort auf die Herausforderungen der Globalisierung.


- Deshalb haben wir uns für die Schaffung eines Angebots an fremdsprachlichen
Vorlesungen eingesetzt. Dies wird durch eine größere Zahl deutscher
Hochschulen unterstützt.


- Wir haben ein Pilotprogramm "International ausgerichtete Studiengänge"
gestartet, dessen erste 13 Studiengänge in diesem Wintersemester beginnen.


- In Zusammenarbeit mit dem DAAD haben wir in Indonesien ein
Marketing-Projekt für den Hochschulstandort Deutschland gestartet. In die
gleiche Richtung zielt die prominente deutsche Beteiligung an der größten
asiatischen Bildungsmesse in Jakarta.


- Mit dem MIT haben wir ein Partnerschaftsprogramm geschlossen. Es gibt den
Studenten dieser amerikanischen Spitzenuniversität die Möglichkeit, zeitweise
in Deutschland zu studieren und Praktika in Deutschland durchzuführen.


- In der Novelle des Hochschulrahmengesetzes haben wir den Weg geöffnet für
die Verleihung international vergleichbarer Abschlüsse und ein
Credit-Point-System, das den Hochschulwechsel erleichtert.


Insgesamt besteht - auch durch verbesserte Information und durch gezieltes
Marketing - eine hervorragende Chance, die Hochschulen entsprechend ihrem
wissenschaftlichen und technischen Potential international wieder attraktiver
für junge Leute aus aller Welt zu machen.


Fünftens: Internationale Brücken bauen. Zu einer aktiven Innovationspolitik
im Zeichen der Globalisierung gehört die Internationalisierung der heimischen
Forschung. Im Rahmen der Neuorientierung der deutschen Forschungslandschaft
werden die Trägerorganisationen der Wissenschaft hierzu ermuntert und
unterstützt. Wir fördern die Globalisierung der deutschen Forschung aktiv. Wir
erwarten umgekehrt, daß andere ihre Türen öffnen. Wer den Technologietransfer
in Grenzen denkt, begrenzt die Chancen seines Landes.


Die Max-Planck-Gesellschaft hat erste Schritte in diese Richtung schon vor
einiger Zeit unternommen. Gerade vor
kurzem konnte das Erweiterungsgebäude des Max-Planck-Instituts für
Psycholinguistik in Nijmegen eingeweiht werden.


Die Deutsche Forschungsgemeinschaft verfügt traditionell über sehr gute
internationale Kontakte. Sie engagiert sich gegenwärtig besonders in China. In
Peking wird gemeinsam mit der Chinesischen Nationalen Wissenschaftsstiftung
ein Zentrum für gemeinsame Forschungsprojekte errichtet.


Mit besonderem Nachdruck erfolgt die Internationalisierung im Bereich der
Fraunhofer-Gesellschaft. Sie hat Forschungszentren zu Lasertechnik,
Produktionstechnik, Materialforschung, Medizintechnik und Computergrafik in
den USA gegründet. Im kommenden Februar werden wir ein weiteres Zentrum für
fortgeschrittene Softwareentwicklung in Maryland einweihen.


Mit ihrer Präsenz in den USA ist die Fraunhofer-Gesellschaft auch für
deutsche Unternehmen, die sich dort engagieren, ein wichtiger Partner.
Zugleich wirbt die Fraunhofer-Gesellschaft als "Aushängeschild" für den
Standort Deutschland und dessen wissenschaftliche Infrastruktur. Das
Fraunhofer Ressource Center für Medizintechnik in Florida bietet inzwischen
auch 30 Plätze für praktische und theoretische Lehrlingsausbildung und
Fortbildung technischer Assistenten an. Im Juni 1997 starteten dort die ersten
drei von insgesamt neun geplanten Ausbildungskursen.


Die Erträge aus Aufträgen aus den USA stiegen 1996 auf elf Millionen D-Mark.
Insgesamt wurden seit Beginn des USA-Engagements 1993 ca. 22 Millionen D-Mark
durch Aufträge aus den USA eingeworben. Als zweiten strategisch relevanten
Bereich beginnt die Fraunhofer-Gesellschaft damit, den asiatischen Raum für
sich zu erschließen. Mit Verbindungsbüros in Südostasien und China unterstützt
die Fraunhofer-Gesellschaft ihre dort bereits aktiven Institute bei den auf
diesen Märkten schwierigen Marketing- und Akquisitionsbemühungen.


Was für das Engagement deutscher Forschungseinrichtungen im Ausland gilt,
trifft umgekehrt auch für ausländische Forschungseinrichtungen und innovative
Unternehmungen in Deutschland zu. Schon lange sind Einrichtungen dieser Art
aus dem europäischen Ausland, aus den USA und Japan in Deutschland präsent.
Wir freuen uns, daß ähnliche Kontakte auch zu den aufstrebenden Staaten
Südostasiens entstehen. Südkorea beispielsweise hat ein Forschungsinstitut für
Umwelttechnik in Saarbrücken errichtet.


Als Antwort auf die Trends der Globalisierung beabsichtigt
das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft,
Forschung und Technologie, sein förderpolitisches Regelwerk den neuen
Herausforderungen anzupassen. Vorgesehen ist unter anderem die weitreichende
Möglichkeit der Beteiligung ausländischer Unternehmen und wissenschaftlicher
Einrichtungen an deutschen Forschungsverbünden. Damit können sich die
deutschen Förderregeln im internationalen
Vergleich sehen lassen. Das gilt insbesondere im Hinblick auf die weitaus
restriktiveren Regularien der US-Administration.


Meine Damen und Herren, wenn wir in Deutschland die Chancen der
Globalisierung für die Menschen nutzbar machen wollen, dann müssen wir
weltoffen sein und innovativ. Mehr noch: Wir sollten zu einer positiven
Einstellung finden, wie sie sich in den Worten des indischen Dichters und
Philosophen Rabindranath Tagore wiederfindet. Tagore hat gesagt: "Wir sind in
diese Welt gekommen, nicht nur, daß wir sie kennen, sondern daß wir sie
bejahen." In diesem Sinne wünsche ich diesem Kongreß einen positiven und
ertragreichen Verlauf.