bei einer Preisverleihung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e. V. am 11. September 2026 in Berlin:
- Bulletin 85-4
- 12. September 2026
Was verbinden wir alle eigentlich mit dem Wort "wohnen"? Für die meisten von uns bedeutet das: an einem Ort ankommen können, sich geborgen fühlen, sicher zu sein, vielleicht sogar ungestört – Grundbedürfnisse eines jeden Menschen also. Aber für Zehntausende Menschen in unserem Land ist die Erfüllung eines solchen Grundbedürfnisses weit entfernt – um nichts weniger geht es heute am Tag der Wohnungslosen –, für Menschen ohne Wohnraum, ohne Obdach an allen Tagen des Jahres.
Ich bin froh, heute bei Ihnen zu sein. Und vor allem freue ich mich, dass erstmals Projekte der Wohnungslosenhilfe mit einem Preis ausgezeichnet werden. Denn ihre wichtige Arbeit, sie verdient wahrlich mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung in unserer Gesellschaft! Mein großer Dank geht an die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, die Stiftung der Nationalmannschaft und an alle, die diesen Preis ermöglicht haben – danke Ihnen allen für Ihr Engagement!
Auch mich hat die Lage wohnungsloser Menschen immer wieder beschäftigt in meinem Leben – einige von ihnen habe ich besuchen dürfen oder bei gemeinsamen Aktionen getroffen. Und so habe ich über die Jahre viele Einblicke bekommen, habe sowohl Helferinnen und Berater als auch Betroffene kennengelernt, vor allem die Tragödien, die sich auf dem Weg bis zum Verlust der Wohnung ereignen. Das berührt mich nicht nur seit Langem und immer wieder aufs Neue: die Schicksale von Menschen, die ihre Wohnung verlieren, die auf der Straße leben müssen.
Ich erinnere mich sehr gut an die intensiven Gespräche mit Wohnungslosen über die Jahre hinweg, wie beim Verein „Straßenfeger“. Sehr nachdenklich hat mich auch der Austausch mit den Frauen in einer Tagesstätte im Wedding gemacht: „Evas Haltestelle“, ein ganz wichtiges Projekt, denn wohnungslose Frauen sind noch einmal ganz anderen Gefahren ausgesetzt als Männer, denen es auch schon schlecht geht. Und bei meinen Besuchen der Berliner Stadtmission und ihrer „Kinder.Akademie“ habe ich immer wieder erlebt, mit wie viel Herzblut sich Menschen engagieren, um Wohnungslosen ein wenig ihren Alltag zu erleichtern, um überhaupt auf das drängende Problem der Wohnungslosigkeit aufmerksam zu machen. Unvergesslich ist mir auch der Tag der Wohnungslosen in Schloss Bellevue, bei dem wir mit Politik, Wohlfahrtsverbänden, Kirchen, der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe und Betroffenen über Strategien für die Politik im Kampf gegen Wohnungslosigkeit gesprochen haben. Es ist manchmal deprimierend, wenn wir feststellen, dass wir noch nicht viel weiter sind.
Aber wenn ich aus diesen vielen Begegnungen etwas mitgenommen habe, dann ist es neben der Tatkraft, der Hilfsbereitschaft so vieler Menschen auch die Zuversicht, dass Wohnungslosigkeit kein Schicksal ist, das eine Gesellschaft dulden oder hinnehmen muss. Wohnungslosigkeit ist ein Handlungsauftrag. Sie kann und muss verhindert und bekämpft werden!
Die Regierungskoalition hat sich damals darauf verständigt, einen Aktionsplan zu schreiben. Und die jetzige Regierung will diesen Aktionsplan von 2022 fortschreiben. Als Ziel ist dort die Überwindung der Wohnungslosigkeit bis 2030 vereinbart. Das ist inzwischen, nach einigen Jahren, seit es den Aktionsplan gibt, sehr ambitioniert – aber mit Resignation und Mutlosigkeit wurde noch nie ein Ziel erreicht.
Und deshalb ist es unerlässlich, mit aller Entschlossenheit die notwendigen Schritte zu gehen, um dieses Ziel zu erreichen: Housing first – das ist ein Ansatz, den ich zum ersten Mal in Finnland erlebt habe. Aber nicht nur in Finnland, auch hier in Deutschland wird das versucht in einigen solcher Pilotprojekte. Und natürlich brauchen wir eine professionelle Schuldnerberatung und eine enge Vernetzung mit Vermietern. Eine gute Beratung ist entscheidende Voraussetzung, damit Menschen gar nicht erst wohnungslos werden. Und schließlich, ganz wichtig, kommt es auf die Gestaltung der Wohnungspolitik und unseres Wohnungsmarkts mit seinen Miet- und Zinsentwicklungen an, denn sie wirken sich direkt und oft brutal auf Menschen aus, die keine Wohnung haben oder sie zu verlieren drohen. Gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten dürfen wir diese Menschen nicht vergessen!
Gleichzeitig – da dürfen wir uns nichts vormachen – wird es in absehbarer Zeit weiter darum gehen, Menschen ohne Obdach beizustehen. Wegschauen ist keine Option und darf keine werden.
Heute sind ganz viele Experten unter uns. Und damit meine ich Sie, die „Erfahrungs-Experten“, die Sie von Ihren Erfahrungen, Ihren Hoffnungen, Ihren Wünschen erzählen können. Sie wissen, wie es sich anfühlt, die eigene Wohnung zu verlieren; was es heißt, keinen sicheren Ort zu haben, wenn man aus dem Gefängnis oder aus dem Krankenhaus entlassen wird; wie es ist, wenn man immer wieder jemanden bitten muss, wenigstens für eine Nacht auf dem Sofa bleiben zu dürfen; wenn es keine Perspektive gibt, aus der Notunterkunft herauszukommen; wenn das gesamte Hab und Gut in zwei Plastiktüten passt; wenn es weder Schutz vor Gewalt noch vor Hitze oder Kälte gibt. Daher bin ich überzeugt: Nicht über wohnungslose Menschen reden, sondern mit ihnen. Genau das führt zu mehr Verständnis für ihre Lage, und vielleicht bringt es uns den notwendigen Lösungen näher. Ich finde es großartig, dass heute solche Projekte gewürdigt werden. Und wir alle wünschen uns, dass sie bis zum nächsten Jahr, zur nächsten Preisverleihung ganz viele Nachahmer finden.
Und über noch etwas müssen wir sprechen: Wir haben einen Sommer hinter uns mit extremer Hitze, mit Waldbränden, mit historisch niedrigen Pegelständen in unseren Flüssen. Auch Menschen, die ein Haus oder eine Wohnung haben, haben unter der Hitze geächzt, gelitten. Aber ich weiß auch: Wer auf der Straße lebt, der leidet bei 40 Grad nicht nur, sondern der ist ernsthaft gefährdet. Einige Kirchen haben in diesem Sommer ihre kühlen Innenräume geöffnet – nicht nur, aber vor allem auch für Menschen ohne Obdach. Das ist praktizierte christliche Nächstenliebe. Dafür danke ich allen Beteiligten. Und ich halte es für sehr wichtig, dass viele Kommunen jetzt an Hitzeschutzplänen arbeiten und dabei die Risiken für wohnungslose Menschen mindestens im Blick haben.
Ja, wohnungslose Menschen sind daran gewöhnt, dass Passanten achtlos an ihnen vorübergehen. Sie sind es gewöhnt, sich anzupassen, sich unsichtbar zu machen, nichts für sich einzufordern. Warum nicht? Weil sie auf das Wohlwollen von Bekannten angewiesen sind, auf die Toleranz der Polizei, auf kleine Spenden. Allzu oft werden sie gerade auch deshalb von ihrer Umgebung herabgewürdigt, wird ihnen die Schuld an ihrem Dasein gegeben, wird das individuelle Schicksal gar nicht mehr gesehen. Diesen Menschen ein würdevolles Leben zu ermöglichen, das ist in einer solidarischen Gesellschaft, das ist in einem sozialen Rechtsstaat eine Aufgabe, die uns nicht nur alle angeht, sondern die bleibt! Die Menschlichkeit unseres Landes zeigt sich doch gerade darin, wie wir mit den Schwächsten unter unseren Mitmenschen umgehen. „Wohnen“, anzukommen, geborgen zu sein, das muss für alle Menschen in unserem Land möglich sein. Ich danke Ihnen allen, die sich dafür einsetzen!
Und jetzt freue ich mich auf die Preisverleihung!