Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier

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Ich könnte diese Rede jetzt folgendermaßen beginnen: „Lassen Sie mich, um Ihnen eine Vorstellung von unserem heutigen Verdienstkreuzträger zu geben, ganz zu Anfang nur einen einzigen Satz von ihm zitieren.“ Wer nicht so vertraut mit dem Werk von László Krasznahorkai ist, der wird denken: Na, mit einem einzigen Satz? Macht sich der Redner da die Sache nicht zu einfach?

Aber diejenigen, die das Werk ein bisschen kennen, die werden sich rasch nach bequemen Sitzmöglichkeiten umsehen, weil sie wissen: In den nächsten Stunden wird nurmehr eine einzige Stimme zu hören sein, nämlich die von László Krasznahorkai. Zu seinen auffälligsten Stil-Eigenheiten gehört es eben, dass seine Sätze über ganze Kapitel gehen und erst dann zu einem Punkt kommen, wenn mindestens ein ganzes Kapitel, am besten aber das ganze Buch zu Ende ist. Es scheint in diesem Werk so etwas wie eine Angst vor dem Ende zu geben, ein unaufhörliches, fast sheherazadehaftes Weitererzählen – wie eine Lebensversicherung: Solange gesprochen wird, so lange ist Leben. Der Punkt ist wie der Tod, ein endgültiges Ende. Und dieses Ende, den Punkt, darf eigentlich nur Gott setzen.

Also, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, ich werde heute keinen solchen krasznahorkaiesken Satz zitieren. Ich möchte nur in endlichen Sätzen einer kurzen Rede meiner Freude darüber Ausdruck geben, dass ich heute László Krasznahorkai das Große Verdienstkreuz mit Stern verleihen und aushändigen darf, im Namen unseres ganzen Landes – und ich freue mich, dass Sie alle dabei sind. Viele von Ihnen sind langjährige Freunde und Kenner des Werkes, denen ich mit meinen Ausführungen keine konkurrierenden Interpretationen an die Seite stellen möchte. Es soll ja auch, siehe oben, kurz sein.

Die Zeit drängt übrigens auch auf eine andere, ganz besondere Weise. Denn Ihnen, lieber László Krasznahorkai, heute das Große Verdienstkreuz mit Stern zu verleihen und auszuhändigen, dafür ist es allerhöchste Zeit. Warum?

Ich sage es einmal so: Damit ein anderer Stern nicht gar so alleine mit Ihnen ist oder Sie nicht so alleine mit dem anderen Stern, der Ihnen sozusagen unlängst verliehen wurde. Für alle, die es nicht wissen: Der vor einiger Zeit entdeckte Miniplanet mit der Ordnungsnummer 305263 ist seit Kurzem nach allen ordentlichen Regularien der International Astronomic Union nach dem Schriftsteller László Krasznahorkai benannt; nachzulesen im neuesten, wie immer verlässlichen Bulletin der WGSBN, also der Working Group for Small Bodies Nomenclature der genannten IAU.

Einen Stern mit seinem eigenen Namen durch die unendlichen Weiten und die unendlichen Zeiten durch das Weltall rasend zu wissen: Ich kann mir nicht vorstellen, was für ein Gefühl das ist. Vielleicht erzählen Sie uns gleich davon.

Auf jeden Fall klingt diese Geschichte fast so, als sei sie von Ihnen, lieber László Krasznahorkai, selber erfunden worden. In Ihren Büchern stößt man ja bisweilen auf bekannte Namen und Orte. Man stößt beispielsweise auf eine Figur namens László Krasznahorkai. Aber man kann nie genau wissen, wo die sogenannte echte Wirklichkeit wirklich echt ist. Oder wo etwa ein zwielichtiger, aber realer Name wie Heinrich XIII. Prinz Reuß ein Wirklichkeitspartikel bedeutet. Oder wo er eine von jenen Bedeutungsfallen darstellt, in die sich die Leser manchmal verlaufen sollen: um sich nie allzu sicher zu sein, worum es hier gerade geht – um aufmerksam zu bleiben bis zum Schluss-Punkt.

Worum es aber hier und heute und worum es uns hier geht, ist klar: Die Bundesrepublik Deutschland freut sich, dass einem ihrer Staatsbürger, und das sind Sie, im vergangenen Jahr die höchste Auszeichnung im Bereich der Literatur, der Nobelpreis, zuerkannt wurde. Und weil durch Sie mit diesem Preis auch unser Land mitgeehrt wird und aus Dankbarkeit Ihnen gegenüber gehört es für uns dazu, dass Ihnen heute dieser sehr hohe Orden unseres Landes – mit Stern! – verliehen wird.

Sie sind erst der zweite Ungar, der nach dem unvergessenen Imre Kértesz den Literaturnobelpreis erhalten hat. Dabei hat Ungarn, obwohl seine Sprache für uns andere Europäer die fremdeste ist, gerade in den vergangenen Jahrzehnten große Autoren hervorgebracht. Zu ihnen gehört zum Beispiel Péter Nádas, Mitglied unseres Ordens pour le mérite, der uns vor gerade einmal zwei Wochen verlassen hat. Auch Györgi Konrád gehört dazu, der hier in Berlin Präsident der Akademie der Künste war. Und auch der so früh verstorbene Péter Esterházy, der Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels, kommt mir in den Sinn.

Und haben, ich frage einmal ganz ungeschützt, haben diese nicht alle etwas gemeinsam: dass sie nämlich Erben Österreich-Ungarns sind, jenes Vielvölkerstaates mit seiner unüberschaubaren Mischung aus Traditionen, Sprachen, Eigenheiten? Und ist es nicht erstaunlich, dass die drei letzten Literaturnobelpreisträger deutscher Sprache auch aus Regionen kommen, die zu diesem Reich gehörten: Herta Müller, Elfriede Jelinek, Peter Handke?

Und die anderen, die vielen Beobachtern im Werk László Krasznahorkais immer wieder präsent zu sein scheinen: Thomas Bernhard in seinem Wien etwa oder Franz Kafka in seinem Prag. Oder nehmen wir noch Ingeborg Bachmann aus Kärnten hinzu, die jetzt 100 Jahre alt geworden wäre und die ebenso gerne vom „Haus Österreich“ sprach, wie sie ihren Roman „Malina“ in der realen Wiener Ungargasse spielen lässt und zugleich in einem fantastischen Ungargassenland. Wohl nicht von ungefähr hat László Krasznahorkai, der ungarische und deutsche Staatsbürger, seinen Vorlass dem Literaturarchiv der österreichischen Nationalbibliothek in Wien übergeben.

Alle diese Autoren bilden einen ganzen k.u.k.-Kosmos. Bei ihnen allen ist die Apokalypse immer etwas schwärzer, die Liebe immer etwas verletzlicher, die Kritik immer etwas sarkastischer und die Melancholie immer etwas melancholischer als in anderen Literaturen.

Und Joseph Roth, der in seinem „Radetzkymarsch“ und in seiner „Kapuzinergruft“ so sprachgewaltige wie todtraurige k.u.k.-Monarchist, er hätte den 91-jährigen Onkel Józsi sicher geliebt: eine Figur aus dem Roman „Zsömle ist weg“ von Krasznahorkai. Dieser Józsi will – die Geschichte spielt in der Jetztzeit! – in Ungarn wieder eine Monarchie errichten – wenn auch, das würde Roth bedauern, ganz ohne Habsburger. In einem viele Jahrhunderte überspringenden Rückgriff auf eine Geschichte des ganz alten Ungarn begründet dieser Józsi seinen Anspruch auf den ungarischen Thron mit einer adeligen Herkunft, die sogar bis Dschingis Khan zurückreichen soll. Wie das wohl ausgeht?

Fantasten, Spinner, Träumer – und doch dann immer wieder mit erstaunlich lebensweisen, klugen Einsichten in die Welt und das Geheimnis des Lebens –, rätselhafte, nein besser, geheimnisvolle Menschen bevölkern oft die Bücher von László Krasznahorkai.

Sie lassen uns aufmerken, sie lehren uns sehen: vor allem die Menschen, wie sie sind und wie sie sein möchten, wie sie irren und doch Wege finden. Und diese Bücher sind wie ein Schutz: vor einer überraschungsfreien, vor einer geheimnisleeren, vor einer toten Welt. Und Punkt.