Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier

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Im September 1974 erreichte den Falkner Egon Müller im niedersächsischen Helve-siek ein ungewöhnlicher Ruf. In Abu Dhabi bangte man um die Falken des Scheichs, die an einer Viruserkrankung litten. Am Hof wollte man nichts dem Zufall überlassen, also bestieg Egon Müller ein Flugzeug und reiste in die Emirate und hatte offenbar guten Rat.

Es ist nur eine kleine Geschichte. Aber sie erzählt etwas Großes über die Verbindung unserer beiden Länder – eine Verbindung, die schon bestand, bevor Wirtschaft und Politik sie in Zahlen fassten; eine Verbindung, die auf Gegenseitigkeit beruht – damals war es ein Anruf aus Abu Dhabi, heute sind es die vielen Themen, bei denen wir uns austauschen und bei denen wir uns ebenso auf die Emirate verlassen wie sie sich auf uns.

Ich weiß, Eure Hoheit, dass die Falknerei auch Ihnen persönlich am Herzen liegt. Und ich freue mich, dass sie heute weit mehr ist als eine Passion, die unsere beiden Länder teilen: Die Falknerei zählt sowohl in den Emiraten als auch in Deutschland inzwischen zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit, an dessen Anerkennung der Deutsche Falkenorden zusammen mit den emiratischen Anhängern der Falkenjagd erfolgreich gearbeitet hat. Worum geht es? Um einen Vogel, der sinnbildlich steht für Weitblick und Treue – welch ein schönes Bild für das, was uns verbindet!

Ihr Besuch ist der erste Staatsbesuch eines Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate in Deutschland überhaupt – ein wirklich historischer Moment, den wir mit Freude und Respekt begehen, ein Meilenstein in unseren Beziehungen. Ich freue mich, Sie heute hier in Berlin willkommen heißen zu dürfen!

Dieser Staatsbesuch reiht sich ein in eine Beziehung, die eine lange Geschichte hat, die aber in den vergangenen Jahren spürbar gewachsen ist. In diesem Jahr feiert das Goethe-Institut in Abu Dhabi, das jungen Menschen die Tür zu unserer Sprache und Kultur öffnet, sein 20. Jubiläum. Und ich erinnere mich noch gut, wie ich 2006 als Außenminister miterleben durfte, wie diese Tür aufging. Und vor vier Jahren, 2022, haben wir das 50-jährige Jubiläum unserer diplomatischen Beziehungen begangen – gleichzeitig ein Jahr, in dem auch ein Schatten lag über Ihrem Land. Es war nämlich das Jahr, in dem ich Ihr Land besucht habe, um in einer schweren Stunde meine Anteilnahme nach dem Tod Ihres Amtsvorgängers und Bruders zum Ausdruck zu bringen. Nur zwei von mehreren Besuchen, aber: Wo immer ich empfangen wurde – bei Gahwa und Datteln –, war die Gastfreundschaft in den Emiraten der Beginn eines jeden guten Austauschs.

Heute sind Sie bei uns zu Gast – in einer wahrhaft stürmischen Zeit. Die Welt ist unruhiger geworden, alte Gewissheiten sind brüchig. Ein Krieg ist in Ihrer Nachbarschaft entbrannt, ein verhängnisvoller Krieg, in dem auch Ihr Land, Ihre Menschen und Ihre Wirtschaft unter Angriffen aus dem Iran zu leiden haben. Aber gerade in diesen schweren Zeiten ist es der richtige Moment für diesen Besuch! Denn mehr denn je kommt es jetzt auf verlässliche Partner an, auf rationale Partner, auf Partner, die einander helfen und einander etwas zu bieten haben. Deutschland ist so ein Partner für Sie, Sie sind so ein Partner für uns.

Wir wollen diese Partnerschaft ausbauen – das ist die zentrale Botschaft Ihres Staatsbesuchs. Wir wollen mehr gemeinsame Investitionen in Industrie, Energie und Digitalisierung. Wir wollen mehr Zusammenarbeit in Wissenschaft und Bildung. Wir wollen gemeinsam die Zukunft gestalten mit Innovation und Forschung. Und ich freue mich, dass schon heute Gespräche über all das großen Raum einnehmen, in den Tagen Ihres Besuches. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben eine wirklich beeindruckende wirtschaftliche Entwicklung genommen, gerade mit Blick auf die Transformation der Wirtschaft von Öl und Gas hin zu nachhaltigen Technologien, auch erneuerbaren Energien. Nicht zuletzt mit seinem großen Potenzial auch beim Thema Wasserstoff ist Ihr Land ein spannender Partner. Unsere Gäste heute Abend aus Politik, Unternehmen, Universitäten und Gesellschaft stehen für all das.

Um im Bild des Falken zu bleiben: Wir sind beide Partner mit Weitsicht. Und politische Weitsicht braucht es in diesen unsicheren Zeiten ganz besonders. Wir brauchen nicht nur kurzfristig dringend einen Ausweg aus der Blockade der Straße von Hormus, sondern wir brauchen einen politischen Prozess, der neue Horizonte eröffnet, der Schritt für Schritt zerstörtes Vertrauen wiederaufbaut, der Sicherheit und Stabilität bringt und Wohlstand ermöglicht.

Die Emirate haben schon früher solche Weitsicht bewiesen. Als sich 2020 die Außenminister Ihres Landes und Israels zum ersten Mal trafen – und zwar hier in Berlin am Holocaust-Mahnmal, nur wenige 100 Meter von diesem Ort –, war das auch für uns Deutsche ein historischer Moment. Er war ein Symbol dafür, dass Geschichte nicht nur eine Last sein muss, die wir tragen. Sondern im Wissen um die Geschichte können neue Wege entstehen, die zuvor vielleicht völlig unmöglich und aussichtslos schienen.

Für die neuen Wege, die jetzt im Nahen und Mittleren Osten gefunden werden müssen, braucht es vor allem den Willen und die Kraft in der Region selbst. Eine stabile Ordnung kann von außen weder oktroyiert noch garantiert werden – das hat die Geschichte gezeigt. Gleichzeitig höre ich viele Stimmen aus Ihrer Region, die sagen, dass nach dem aktuellen Waffengang Bedingungen geschaffen werden müssen, die längerfristige Stabilität im Mittleren Osten einleiten. Eine Herkulesaufgabe, bei der es einen strategischen und selbstbewussten Akteur wie Sie, die Vereinigten Arabischen Emirate, braucht. Und dabei sollen Sie wissen: Sie können sich auf Deutschland auch als politischen Partner verlassen. Wir müssen dafür nicht in allen Punkten einer Meinung sein. Es ist wichtig, dass wir ein zentrales Ziel teilen: nämlich eine Welt, in der nicht einige wenige über viele bestimmen, sondern viele mitgestalten. Die Emirate gehören zu denen, die diesen Anspruch mit Weitsicht und Selbstbewusstsein einlösen. Und wir tun es auch.

Eure Hoheit, ich weiß, mit welcher Beharrlichkeit und Weitsicht Sie die Geschicke Ihres Landes seit vielen Jahren lenken – erst als Kronprinz, heute als Präsident. Viele Male haben wir in Ihrem Palast zusammengesessen, haben Sie mich an Ihrer Expertise für den gesamten Nahen und Mittleren Osten und dessen Komplexität und dessen Akteure teilhaben lassen – ob bei unterschiedlichsten Krisen und Konflikten in der Region oder während der Verhandlungen zum Wiener Atomabkommen mit Iran. Dass Deutschland und die Vereinigten Arabischen Emirate heute so eng zusammenarbeiten, ist nicht zuletzt Ihnen persönlich zu verdanken.

Der Falke, den man in Ihrem Land so verehrt und der das Wappen Ihres Landes ziert, kehrt nach jedem Flug zu seinem Falkner zurück – wohl, weil er Vertrauen hat. Deshalb: Möge auch unsere Partnerschaft von dem Vertrauen getragen sein, dass wir einander immer wieder aufsuchen im Wissen, gut empfangen zu werden, und mit dem Wunsch, gemeinsam nach vorn zu schauen.

Mit diesem Wunsch erhebe ich mein Glas auf die Vereinigten Arabischen Emirate, auf Sie, Eure Hoheit, und auf die Deutsch-Emiratische Freundschaft.