beim Großen Tempelfest der Hinduistischen Gemeinde in Deutschland am 26. Juli 2026 in Hamm-Uentrop:
- Bulletin 75-2
- 26. Juli 2026
Wir sind heute hier zusammengekommen, um ein Fest zu feiern. Aber wir alle sind erschüttert und entsetzt über den mutmaßlichen Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin, bei dem Hunderttausende Menschen aus aller Welt friedlich und fröhlich feiern wollten und ein Zeichen setzen für Toleranz und Vielfalt, für ein selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Leben. Diese Tat ist ein Angriff auf unsere offene Gesellschaft, auf unsere Art zu leben und zusammenzuleben. Meine und unsere Gedanken sind heute bei Angehörigen und Freunden der beim Anschlag getöteten Frau und den – zum Teil schwer – Verletzten, denen wir vollständige Genesung wünschen.
Ich freue mich trotzdem sehr, heute bei Ihnen zu sein, um mit Ihnen hier in Hamm zu feiern, hier gleich neben dem beeindruckenden Tempel, gewidmet der Göttin Kamadchi, die man unter vielen weiteren Namen kennt. Sie, lieber Herr Paskaran, hatten mich schon vor längerer Zeit eingeladen, hierher nach Uentrop zu kommen, und ich danke Ihnen für die Einladung!
Sie kamen damals selbst als junger Mann Anfang der 1980er Jahre hierher nach Hamm – damals unter dramatischen Umständen. Der blutige Bürgerkrieg in Sri Lanka hatte Sie, wie viele Ihrer Landsleute, aus Ihrer Heimat vertrieben. Unzählige Menschen fielen ihm zum Opfer.
Viele von denen, die damals auf der Suche nach Schutz in unser Land kamen, haben hier in Nordrhein-Westfalen eine neue Heimat gefunden. Sie sind Schritt für Schritt mit diesem Land und den Menschen, die hier leben, zusammengewachsen – als Kolleginnen und Kollegen bei der Arbeit, als Nachbarn, viele als Freunde. Sie haben ihre Wünsche und Hoffnungen mitgebracht, ihren Fleiß, ihren Willen, sich einzubringen, ihre Kultur und natürlich ihren Glauben. Mittlerweile gehören mehr als 100.000 Menschen zur Hinduistischen Gemeinde in Deutschland. Die Geschichte der Gemeinde ist eng mit der Stadt Hamm verbunden, wo sich hinduistisches Leben mittlerweile fest etabliert und – über Glaubensrichtungen und Traditionen hinweg – organisiert hat. Der Tempel hier in Uentrop ist dafür ein sichtbares und prachtvolles Zeugnis.
Aber Sie wissen selbst am besten: Der Weg hierher war alles andere als leicht. Einige von Ihnen haben ihn mitverfolgt und auch mitgestaltet – von einem Keller im Westen der Stadt, wo die ersten kleinen Andachten der jungen Hinduistischen Gemeinde stattfanden, über ein Ausweichquartier in einer ehemaligen Gaststätte mit Kegelbahn bis zum Bau dieses Tempels, der zu einem weit ausstrahlenden geistlichen Zentrum werden sollte. Seit seiner Einweihung vor mittlerweile fast einem Vierteljahrhundert kommen Hinduisten aus unserem Land, aus Europa und der ganzen Welt hierher, auf der Suche nach Gemeinschaft, Austausch und Begegnung oder um sich der eigenen Wurzeln zu besinnen, frei und in Frieden.
Als Ort der Begegnung ist Ihr Tempel aber auch offen für Menschen jeden Glaubens, ein lebendiger Ort, an dem man spürt, wie reich und vielfältig das religiöse Leben in unserem Land mittlerweile geworden ist. Die hinduistische Religion ist ein Teil dieser Vielfalt! Unsere Verfassung schützt ihn, den Glauben, und alle Menschen, die sich zu ihm bekennen, ihre Würde, ihre Rechte, ihre Freiheit – auch und nicht zuletzt den Glauben, die Religion! Lassen Sie uns alle gemeinsam dafür einstehen, dass alle Menschen in diesem Land diese Freiheit auch öffentlich und gleichberechtigt leben können!
Der Tempel ist nicht nur ein Ort der Begegnung, sondern auch ein Ort des Lernens, an dem Menschen mehr erfahren können über den Hinduismus und seine für uns Christen geradezu überwältigende innere Vielfalt. Sie prägt den Hinduismus wie kaum eine andere Weltreligion. Und das Große Tempelfest lässt jede und jeden, der daran teilnimmt, diese Vielfalt Jahr für Jahr immer wieder aufs Neue erleben.
Zugleich zeigen uns dieser Ort und seine Geschichte auch, wie sich Hürden überwinden und pragmatische Lösungen finden lassen, wenn es einmal schwierig wird. Ein gutes Beispiel dafür ist das rituelle Bad zum Tempelfest, das aus Sicherheitsgründen nicht mehr im Datteln-Hamm-Kanal stattfindet, sondern hier auf diesem Gelände. Kurzum: Hamm macht vor, wie das Miteinander von Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen in unserem Land gelingen kann. Gerade die tamilische Minderheit hat an vielen Orten in Deutschland und Europa vorgelebt, wie aus Nachbarschaft Gemeinschaft und schließlich Freundschaft erwachsen kann – ein Band, das stärker wird von Generation zu Generation. Und dafür können wir alle gemeinsam nur dankbar sein.
Dass das so ist, dazu tragen viele bei: Menschen, die sich hier in Hamm dafür engagieren, über Religionen und Kulturen hinweg miteinander im Gespräch zu bleiben, Wissen übereinander zu vermitteln und mehr Verständnis füreinander zu haben. Unterstützer wie Ulrich Kroker, ein unermüdlicher Brückenbauer zwischen der Hinduistischen Gemeinde und ihrem Umfeld, wie Rolf-Dieter Terfort oder wie der Architekt Heinz-Rainer Eichhorst und viele, viele andere. Es braucht Menschen wie Sie, übrigens auf allen Seiten, damit Zusammenleben gelingen kann. Und es braucht Ihren Einsatz gerade dort, wo es Vorurteile zu überwinden und vielleicht auch manchmal Konflikte zu moderieren gilt – Konflikte, die nicht ausbleiben, wenn Menschen mit unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Prägungen und Überzeugungen aufeinandertreffen. Ihnen und allen, die sich für den Dialog der Religionen, für ein respektvolles Miteinander einsetzen, möchte ich heute von Herzen danken!
Kamadchi, der Ihr Tempel gewidmet ist, gilt auch als Göttin, „die Wünsche von den Augen abliest“. Möge in Erfüllung gehen, was Sie alle sich für Ihre Zukunft in diesem Land erhoffen. Alles Gute und ein wundervolles Fest heute!