beim Staatsbankett zu Ehren des Staatspräsidenten der Mongolei, Khurelsukh Ukhnaa, am 20. Oktober 2026 in Berlin:
- Bulletin 104-2
- 20. Oktober 2026
Ich freue mich, dass Sie heute Abend bei uns sind! Vor gut zweieinhalb Jahren haben Sie meine Frau und mich in Ulan Bator mit einer Herzlichkeit empfangen, die wir nicht vergessen haben. Wir hoffen sehr, dass wir Ihnen in diesen Tagen ein wenig davon zurückgeben können. Noch einmal: Herzlich willkommen in Berlin!
Bereits heute Nachmittag haben wir gemeinsam sehen dürfen, wie eng die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern sind. Seit einem Vierteljahrhundert graben mongolische und deutsche Forscherinnen und Forscher Seite an Seite in Karakorum. Die beeindruckende Dschingis-Khan-Ausstellung, die wir heute hier in Berlin eröffnet haben, beleuchtet auch die Bedeutung der Pax Mongolica – eines Rechtsrahmens für ein Gebiet vom Pazifischen Ozean bis zur Ostsee mit einer unschätzbaren Bedeutung für den kulturellen, aber auch den wirtschaftlichen und technischen Austausch zwischen Asien und Europa. Diese Ausstellung ist das Resultat einer intensiven kulturellen Zusammenarbeit zwischen unseren Ländern. Aber es ist auch der Großzügigkeit der mongolischen Seite zu verdanken, vor allen Dingen des Nationalmuseums, die uns eine Vielzahl von einzigartigen Artefakten für diese Ausstellung zur Verfügung gestellt hat. Wer immer die Möglichkeit hat, dem empfehle ich, hinzugehen und die Ausstellung anzusehen.
Ein weiteres Ergebnis der engen Verbindung erleben wir live hier am heutigen Abend. Und was für eins! Es ist kein Geheimnis: Ich bin ein leidenschaftlicher Jazz-Fan. Und deshalb freue ich mich ganz besonders, dass heute eine Künstlerin unseren Abend begleitet, deren Musik unsere beiden Länder auf das Engste verbindet: Enji.
Denn was glauben Sie, was geschieht, wenn Urtiin duu, der Lange Gesang der Mongolei, auf Jazz trifft, wenn eine jahrhundertealte Gesangskunst, in der die Weite Ihres Landes mitschwingt, sich mit der Lust am Improvisieren verbindet? Es entsteht etwas, das die Welt so noch nicht gehört hat: weder allein mongolisch noch rein westlich, sondern etwas ganz Neues. Welch ein Glück, dass Enji in Ulan Bator eines Tages auf das Musiklabor des Goethe-Instituts gestoßen ist! Dort hat sie den Jazz für sich entdeckt und ihn mit den traditionellen Klängen ihrer Kindheit verbunden. Zwei musikalische Welten, die nur auf den ersten Blick weit auseinanderliegen, verschmelzen bei Enji beinahe mühelos miteinander und werden zu etwas Eigenem. Heute berührt sie mit dieser Musik Menschen weit über die Mongolei und Deutschland hinaus, auch diejenigen, die kein Wort Mongolisch verstehen.
Jazz lebt davon, dass man aufeinander hört, dass man den anderen Raum lässt und dass man sich auf etwas einlässt, dessen Ausgang oft am Anfang nicht feststeht. Das gehört auch in einer Demokratie zum guten Ton. Denn Freiheit bedeutet nicht nur, die eigene Stimme zu erheben. Sie bedeutet auch, andere Stimmen zuzulassen und zuzuhören.
Sehr geehrter Herr Präsident, die Menschen in Ihrem Land, in der Mongolei, haben sich ihre Freiheit 1990 friedlich erkämpft, wenige Monate nach den Menschen in der damaligen DDR. Mit der Freiheit hat Ihr Land seine eigene Stimme wiedergefunden. Die Mongolei hat damals einen eigenen demokratischen Weg eingeschlagen und ihre politische Zukunft selbst in die Hand genommen. Deutschland hat die Mongolei auf diesem Weg begleitet: beim Aufbau demokratischer Institutionen, von Rechtsstaatlichkeit und Verwaltung und beim Austausch von Menschen zwischen unseren beiden Ländern.
Ihr Land geht seinen Weg selbstbewusst und souverän. Uns trennen mehr als 6.000 Kilometer, und doch verbindet uns eine enge Partnerschaft. In einer Zeit, in der verlässliche Partner wichtiger sind denn je, setzen unsere beiden Länder auf gemeinsame Werte: Freiheit und Menschenrechte, die Herrschaft des Rechts und die Selbstbestimmtheit der Länder auf der Welt. Und dafür arbeiten wir eng und vertrauensvoll zusammen, in den Vereinten Nationen und in vielen anderen internationalen Foren. Und dafür steht auch unsere strategische Partnerschaft, die wir bei meinem Staatsbesuch in Ihrem Land im Februar 2024 vereinbart haben.
Diese Partnerschaft soll weiter wachsen: im Bereich der Wissenschaft und der Kultur, deren fruchtbaren Austausch wir gerade heute bei der Eröffnung der Dschingis-Khan-Ausstellung betrachten konnten, beim gemeinsamen Einsatz für die internationale Ordnung und multilaterale Institutionen. Für Kooperation im Bereich von Technologie und Wirtschaft setzen Sie während Ihres Staatsbesuchs in Deutschland neue Akzente mit dem Wirtschaftsforum morgen, in dem Sie mongolische und deutsche Wirtschaftsakteure zusammenbringen. Und ein Meilenstein ist Ihre Entscheidung, das erste mongolische Generalkonsulat in ganz Europa ausgerechnet in Deutschland zu eröffnen, in Frankfurt am Main. Das ist ein sehr gutes Zeichen. Enge Kooperation haben wir auch beim Kampf gegen den Klimawandel. Wir arbeiten zusammen bei der Etablierung regenerativer Energien, und wir wollen noch enger zusammenarbeiten insbesondere im Bereich der Landwirtschaft. Ich will auch nicht vergessen, auf Ihre Gastgeberrolle hinzuweisen bei der internationalen Konferenz gegen die Ausbreitung von Wüsten. Auch das ist Ausdruck einer Verantwortung, die Sie und Ihr Land fürs Morgen übernehmen. Herr Präsident, Ihre Initiative, bis 2030 eine Milliarde Bäume zu pflanzen, zeugt von einem solchen Zukunftsbekenntnis, sie weist weit über den Tag hinaus. Sie verbindet den Schutz der Natur mit der Verantwortung für kommende Generationen. Wer so plant, plant für die Zukunft.
Ich weiß nicht, ob Sie den Jazz so lieben wie ich. Aber ich habe mir sagen lassen, dass Sie Gitarre in einer von Ihnen gegründeten Rockband spielen. Das beeindruckt mich sehr. Noch beeindruckter war ich allerdings, als ich heute hörte, dass Sie selbst im Anzug noch 100 Kilo auf der Hantelbank stemmen, zwanzigmal hintereinander, und dafür gerade einmal kurz das Jackett ablegen. Ich werde nicht versuchen, das nachzumachen. Statt der Hantel hebe ich lieber mein Glas: auf die Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern, auf die Menschen in der Mongolei und in Deutschland, auf Sie persönlich, auf Ihre Gesundheit, auf Ihre Familie und auf alles Neue, das zwischen unseren beiden Ländern noch entstehen wird. German-Mongolyn Naramdlyn Tuluu!