beim Staatsbankett, gegeben vom Präsidenten der Französischen Republik und Frau Macron, am 8. Oktober 2026 in Paris:
- Bulletin 99-2
- 10. Oktober 2026
Monsieur le Président, lieber Emmanuel, wir kennen uns seit mehr als 15 Jahren. 2017 haben wir gemeinsam unser Präsidentenamt begonnen, und wir werden es im kommenden Jahr, 2027, gemeinsam beenden.
Ich freue mich sehr darüber, fast am Ende meiner Amtszeit noch einmal hier bei Ihnen in Paris zu sein, in Frankreich, um eine der wichtigen und tragenden Säulen Europas noch einmal zu bestärken: die deutsch-französische Freundschaft.
Viele, wenn nicht alle von Ihnen kennen „Die große Illusion“, das Meisterwerk von Jean Renoir. Unvergessen, wie in diesem Film Darsteller wie etwa Jean Gabin, Erich von Stroheim und andere große Darsteller geradezu Bilderbuchfranzosen und Bilderbuchdeutsche geben. Sie stehen sich als feindliche Soldaten im Ersten Weltkrieg gegenüber. Aber trotz aller Gegnerschaft klingt immer wieder die zarte Möglichkeit der Verständigung an – zwischen den Nationen, aber auch zwischen den Klassen. War das alles nur eine große Illusion? Und sollte es für immer eine bleiben?
Zumindest was die deutsch-französische Freundschaft angeht, so haben die Gründer nach dem Zweiten Weltkrieg fest daran geglaubt, dass aus der zarten Möglichkeit der Verständigung tragfähige Wirklichkeit werden kann. Und sie ist es geworden; und sie hat entscheidend geholfen, Europa zu bauen.
Lieber Emmanuel, unermüdlich hast auch du mit deinen Ideen, deinen Worten und deinen Taten Europa voranzubringen versucht. Könnte man – in Anlehnung an eine berühmte Formel des Generals de Gaulle – sagen, du habest eine bestimmte Idee von Europa – une certaine idée de l’Europe? „Une Europe souveraine, unie et démocratique“, so hast du es zu Beginn Deiner Präsidentschaft ausgerufen und damit Menschen auf dem ganzen Kontinent begeistert.
Ich werde nicht vergessen, wie dir Tausende Jugendliche in Dresden zugehört haben. Es war klug von dir, dass du bei deinem Staatsbesuch in Deutschland in den Osten unseres Landes gekommen bist – dorthin, wo die deutsch-französische Freundschaft vielleicht weniger tief verankert, aber nicht weniger wichtig ist. Auch dort, das hat dein Besuch gezeigt, wollen die jungen Menschen das „Europe souveraine, unie et démocratique“. Dazu müssen Frankreich und Deutschland immer wieder gemeinsam die treibende Kraft sein. Dann wird aus der Möglichkeit und dem Willen immer wieder belastbare Wirklichkeit.
Wie wichtig uns in Deutschland die deutsch-französische Freundschaft ist, zeigt sich auch darin, wie viele hochstehende Persönlichkeiten mich auf diesem Besuch begleiten: die Unternehmer, die Künstler, die Minister der Bundesregierung, Dorothee Bär und Boris Pistorius, und vor allem die Ministerpräsidenten der drei an Frankreich grenzenden deutschen Länder, Anke Rehlinger, Cem Özdemir und Gordon Schnieder.
Wir alle sind überzeugt von der Notwendigkeit des gemeinsamen Europas. Und wir alle schätzen zutiefst, was du für Europa tust. Wir werden dich vermissen. Wir schauen nicht mit Angst in die Zukunft. Denn wir wissen, Europa wird weiterleben. Aber ein solcher Europäer wie du, der kommt in der Geschichte nicht so oft vor!
Übrigens: Die Deutschen haben nicht nur Brigitte und dich ins Herz geschlossen. Sie lieben Frankreich – besonders natürlich, wenn sie es besuchen, aber auch von zu Hause aus. Umfragen haben nämlich gezeigt: Die meisten Deutschen, die im Fernsehen live die Tour de France sehen, tun das nicht zuerst wegen der Rennfahrer, sondern wegen der wunderbaren Bilder der reichen und vielfältigen französischen Landschaft und Kultur – und wegen der großen Geschichte, die von den Kommentatoren erzählt wird.
Es ist immer ein Traum, in Paris zu sein. Noch schöner ist es, wenn wir wissen, es gibt einen gemeinsamen Traum von Europa. Was in der Möglichkeit der Annäherung begann und was General de Gaulle, Robert Schuman, Konrad Adenauer trotz wirklich tiefer, trennender Gräben mutig begonnen haben, das sollte auch uns jede Anstrengung wert sein. Und das sollte auch uns gelingen.
Zum Schluss noch eine persönliche Bemerkung. Dass Präsidenten zu Freunden werden, das ist keine Selbstverständlichkeit. Dich aber darf ich einen Freund nennen und sagen, dass ich dankbar bin für diese Freundschaft, die in den Höhen und Tiefen der Zeitgeschichte gewachsen ist. Es ist eine Freundschaft, die längst nicht mehr an unsere Ämter gebunden ist. Es ist eine Freundschaft, die bleibt.
Ich erhebe mein Glas auf Präsident Macron, einen großen Europäer, auf seine werte Frau Brigitte, auf das französische Volk und auf die Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern!