Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier

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Ich erinnere mich sehr gern an diesen Moment im San Siro Stadion, als bei der Eröffnungsfeier der Winterspiele die olympischen Ringe unter dem Dach zu schweben schienen, sich dann zusammenfanden und strahlend miteinander verbanden – eine grandiose Inszenierung, die wir alle in Erinnerung haben. Das olympische Fest des Wintersports, das Fest der Völkerverständigung konnte beginnen! Und ein bisschen was von dieser wunderbar leichten und frohen Stimmung der Spiele verspüre ich auch jetzt – mit Ihnen in diesem Saal, mit Ihnen, den erfolgreichen deutschen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Olympischen Spiele und der Paralympics in Mailand, Cortina d’Ampezzo, in Antholz und den anderen schönen Wettkampfstätten in Norditalien. Ich freue mich sehr, dass Sie alle hier sind, und ich freue mich noch mehr, Sie heute mit dem Silbernen Lorbeerblatt zu ehren. Herzlich willkommen!

Es gibt im Leben einer Sportlerin, eines Sportlers wohl nichts Größeres, als bei Olympia dabei zu sein. Es liegt immer ein besonderer Glanz auf den Gesichtern, ein Leuchten in den Augen, wenn Teilnehmer wie Sie von den Olympischen oder Paralympischen Spielen sprechen. Sie alle, die Sie heute geehrt werden, verbindet aber nicht nur, dass Sie dabei waren. Sie verbindet außerdem, dass Sie in Ihren Disziplinen zu den Besten der Welt gehören – und dass Sie alle dafür unglaublich hart gearbeitet haben. Dabei sind Sie für ganz viele Menschen zu Vorbildern geworden. Sie können doppelt stolz auf sich sein! Deshalb möchte ich Ihnen als allererstes danken und gratulieren: Herzlichen Glückwunsch!

Ich hatte gemeinsam mit meiner Frau die große Freude, gleich mehrere Wettkämpfe vor Ort zu erleben. Und auch das Deutsche Haus, das wir besucht haben, das darf ich sagen nach einigen olympischen Spielen, bei denen ich war, gehörte zu den schönsten Deutschen Häusern, die ich bisher bei Olympischen Spielen gesehen habe. Und dann hatten wir das Glück, beim ersten Spiel der deutschen Eishockey-Frauen dabei zu sein: erstes Spiel, erster Sieg! Und wir waren auch dabei, als Emma Aicher in der Abfahrt die erste Medaille für das Team Deutschland holte, später waren wir dann noch in Antholz beim Biathlon. Wer als Athletin oder Athlet einmal auf dem Siegerpodest stehen darf und das Edelmetall um den Hals trägt, auch der oder die wird sicherlich ein Gefühl des Schwebens erleben, so schwebend leicht wie die olympischen Ringe bei der Eröffnungsfeier.

Zum Schweben, liebe Sportlerinnen und Sportler, kommt aber immer noch etwas anderes hinzu: das Gefühl der Dankbarkeit. Sie alle – und das bewegt mich immer – äußern nach Wettkämpfen diesen Dank. Sie sind dankbar dafür, dass Sie im entscheidenden Moment die volle Leistung abrufen konnten. Dass alles gepasst hat: die eigene Gesundheit, das Wetter, die genügende Fokussierung.

Und Dankbarkeit stellt sich vielleicht mit zeitlichem Abstand auch für die undankbarste Platzierung eines jeden Wettbewerbs ein: den vierten Platz. Bei diesen Olympischen Winterspielen und auch bei den Paralympics fanden sich viele deutsche Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf dem vierten Platz wieder. Deshalb möchte ich hier einmal ganz ausdrücklich sagen: Vor einem vierten oder fünften Platz bei Olympischen Spielen oder bei Paralympics kann ich nur den Hut ziehen. Wie viele Sportlerinnen und Sportler träumen davon, überhaupt einmal teilzunehmen? Für wie wenige Menschen wird dieser Traum wahr? Und noch viel weniger Athletinnen und Athleten schaffen es unter die ersten zehn. Vielleicht verfolgt der eine oder die andere, der ein Platz auf dem Siegerpodest versagt blieb, unseren Festakt im Livestream – ich finde, die Olympioniken, die keine Medaille gewonnen haben, haben jetzt unseren kräftigen Applaus verdient!

Niemand schafft eine Teilnahme bei Olympischen oder Paralympischen Spielen ganz alleine. Ihre Dankbarkeit, das ist immer zu spüren, gilt daher auch den Menschen um Sie herum, all jenen Menschen, die Sie auf Ihrem langen Weg begleitet haben: Trainern, Betreuerinnen und Guides, Physiotherapeuten und Ärztinnen, Ihren Eltern, Ihren Partnerinnen und Partnern. Denn Olympia – wem sage ich das –, das sind nicht nur die zwei Wochen der Wettkämpfe, das sind nicht nur die vier Jahre zwischen den Spielen. Der Weg zu den Spielen hat meistens schon in der Kindheit begonnen: im Ski-Kindergarten, im Bambini-Training auf dem Rodelschlitten oder auf Schlittschuhen oder mit Sprüngen von der Minischanze. Und es folgten viele, viele Jahre, in denen der Sport immer an erster Stelle stand und für die meisten hier weiter steht.

Was die Öffentlichkeit nicht so im Blick hat: Auch nach Olympia geht das Sportlerleben weiter. Was passiert eigentlich danach? Ob Sie eine Medaille gewonnen haben oder nicht – nach den Spielen stehen Sie als Sportlerinnen und Sportler vor großen Fragen, manchmal zu großen Fragen für einen Einzelnen. Wie geht es weiter? Renne ich dem großen Erfolg, der bisher ausgeblieben ist, weiter nach? Bleibe ich dran? Oder aber: Was kann nach einer Goldmedaille überhaupt noch Großes kommen? Erst in jüngster Zeit sprechen Athletinnen und Athleten in der Öffentlichkeit auch über solche Herausforderungen. Das ist mutig und verdient unsere Anerkennung. Ich halte psychologische Betreuung nach so großen Wettkämpfen für ebenso wichtig wie die medizinische Behandlung eines verdrehten Knies oder eines Bänderrisses. Hier kann noch mehr passieren in Deutschland. Da können wir besser werden.

Bei den Winterspielen hatten meine Frau und ich auch die Gelegenheit, das Olympische Jugendlager zu besuchen. Und wir waren wirklich beeindruckt, wie reflektiert diese jungen Menschen die ganze Dimension ihres Sports betrachten. Vor allem aber war es natürlich schön, die Begeisterung und den Enthusiasmus der jungen Leute zu spüren, auch ihre Bewunderung für Sie, die Olympia-Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Wir haben aber auch darüber gesprochen, wie es in Deutschland noch besser gelingen kann, Nachwuchs für den Spitzensport zu gewinnen. Deutschland endlich einmal wieder als Gastgeber der Spiele – ich werbe sehr dafür –, das wäre eine Riesenchance, dem Ganzen, auch dem Nachwuchs einen Schub zu geben. Ich hoffe, es gelingt!

Olympia, das ist – wie ich eingangs sagte – nicht nur ein Fest des Sports, sondern auch ein Fest der Völkerverständigung. Mit Ihrem Sport bauen Sie Brücken zu anderen Nationen. Gerade jetzt, da wir mit Kriegen und Krisen vor unserer Haustür konfrontiert sind, ist es so wichtig, dass wir die völkerverständigende Kraft des Sports pflegen. Es ist das richtige Zeichen, weiter auf Begegnung, auf Fairness und Respekt zu setzen. Diese Werte haben Sie für unser Land bei den Olympischen und Paralympischen Spielen vorbildlich vertreten.

Und ebenso wirken Sie nach innen. Mit Ihrem Einsatz, Ihrem Engagement häufig über den Sport hinaus sind Sie gerade für junge Menschen ein Ansporn. Zwar hat nicht jeder die Gabe, mehr als 200 Meter weit von der Schanze oder einen vierfachen Lutz zu springen, aber sich für die Gemeinschaft einzusetzen, sich für die Gesellschaft zu engagieren, das ist fast allen Menschen möglich. Dazu ermutigen Sie, und darin werden Ihnen hoffentlich viele nacheifern. Für Ihr Engagement im und außerhalb des Sports meinen herzlichen Dank!

Ich freue mich jetzt sehr, Sie für Ihren Erfolg bei den Olympischen Winterspielen und den Paralympics 2026 mit dem Silbernen Lorbeerblatt auszuzeichnen! Noch einmal meinen herzlichen Glückwunsch!