Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier

  • Bundesregierung | Startseite
  • Bundeskanzler

  • Schwerpunkte 

  • Bundesregierung

  • Aktuelles

  • Mediathek 

  • Service   

Welch riesige, beeindruckende Industrieanlage! Diese Gebläsemaschine hier stammt aus einer vergangenen Epoche, an die so mancher hier vielleicht ein wenig wehmütig zurückdenkt mit dem Gefühl: Das war der Pott. Die Henrichshütte – Sie alle wissen das – hatte einmal mehr als 10.000 Beschäftigte. Viele kennen noch die Fähre, mit der die Arbeiter von Rauendahl übersetzten. Hier wurde 125 Jahre lang Stahl gekocht. Ob hier in der Henrichshütte oder in der Zeche Zollverein oder Duisburg-Nord – diese Industriedenkmäler sind Zeugnisse der erfolgreichen Geschichte des Ruhrgebiets. Und, so habe ich es mir sagen lassen, diese riesige Maschine hier, das war einmal das Neueste vom Neuen. Die Unternehmer im Ruhrgebiet waren innovativ, oft visionär, sie waren die Treiber der Industrialisierung in Deutschland.

Innovativ, visionär, das sind die Unternehmen, Ingenieure, Arbeiter hier in der Region bis heute. Mit großer Entschlossenheit gestalten sie den aktuellen Strukturwandel, der nicht weniger grundstürzend ist, als die Industrielle Revolution es war, und erschließen neue Erwerbsquellen, um Wohlstand zu erhalten und neue Perspektiven für die Menschen zu entwickeln. Ob in den Braunkohlerevieren im Osten unseres Landes oder hier im Ruhrgebiet – dieser Strukturwandel hat sehr direkte Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Und mitunter, wie könnte es anders sein, überfordert er sie auch.

Aber viele von denen, die sich unter Druck fühlen, die verunsichert und besorgt sind, können auf Menschen wie Sie zählen, liebe künftige Ordensträgerinnen und Ordensträger. Auf Menschen, die sich um mehr kümmern als nur um sich selbst, die nicht nur sehen, wo Hilfe nötig sein könnte, sondern bereit sind, tatsächlich zu helfen. Ich freue mich sehr, dass Sie heute hier sind und ich Sie an diesem ganz besonderen Ort ehren darf. Herzlichen Dank an das LWL-Museum Henrichshütte und ein herzliches Willkommen Ihnen allen!

Ich war jetzt drei Tage lang hier bei Ihnen in Hattingen, und das waren besondere drei Tage: Zum 20. Mal habe ich meinen Amtssitz für drei Tage ins Land verlegt, diesmal hier ins Ruhrgebiet, zuvor in andere Regionen, die nicht unbedingt im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit stehen – von Stralsund an der Ostsee bis Lörrach an der Schweizer Grenze, von Weiden in der Oberpfalz bis Freiberg in Sachsen, von Andernach bis Neustrelitz. Alle diese Städte waren – und das ist beurkundet! – in den vergangenen Jahren Amtssitz des Bundespräsidenten während einer solchen Ortszeit.

Und warum mache ich das? Weil ich überzeugt bin, dass wir als Gesellschaft wieder miteinander ins Gespräch kommen müssen, das ist entscheidend für die Demokratie. Sie braucht den Austausch. Und damit meine ich nicht nur den Austausch aus der Distanz, nicht nur ein schnelles Daumen-hoch, Daumen-runter auf Instagram, sondern Austausch braucht Nähe; Nähe braucht Begegnung; und Begegnung braucht Zeit – um miteinander ins Gespräch zu kommen, um zuzuhören, aber auch um zu debattieren: Was beschäftigt die Menschen und worüber machen sie sich Sorgen? Was erhoffen, was erwarten, was erträumen sie sich? Jede einzelne dieser Ortszeiten, jede einzelne Begegnung ist ein Geschenk für mich, auch deshalb, weil diese Ortszeiten eine ganz eigene Kraftquelle für mich geworden sind. Man lernt bei diesen Ortszeiten überall im Land noch einmal ein anderes Deutschland kennen als das dauerempörte, nörgelnde Deutschland, das sich aus den sozialen Medien vermittelt. Ich bin froh, dabei immer wieder Menschen zu treffen, die sich um ihre Nachbarschaft, um ihre Stadt, um ihre Region kümmern und sich damit einsetzen für die Demokratie.

Sie alle, die Sie heute hier in Hattingen sind, bringen so viele unterschiedliche Erfahrungen mit. Ob es Kinder, ältere Menschen oder solche mit seltenen Krankheiten sind, um die Sie sich kümmern, denen Sie es möglich machen, zu lernen, Gemeinschaft zu erleben, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben; ob es politisches Engagement ist – im Land, in der Kommune, im Parlament oder im Stadtrat oder international in der Entwicklungszusammenarbeit; ob Sie sich für das Zusammenleben der Kulturen und Religionen, für die Erinnerungskultur, als Pfadfinderin oder in Projekten für Toleranz und Respekt einsetzen, ob Sie bei der Feuerwehr oder den Maltesern unterwegs sind – es sind so unendlich wichtige Aktivitäten, mit denen Sie anderen helfen, sie unterstützen. Und dann ist da natürlich das Kulturleben. Wie bringen wir Kultur zu den Menschen, auch zu jenen, die sich keine hohen Eintrittspreise leisten können? Wie lässt sich der Weg für Frauen ebnen in Genres, die lange Zeit von Männern dominiert wurden, wie die Comedy?

Überall ist Einfallsreichtum gefragt – und daran mangelt es Ihnen allen nicht. Sie sind nicht nur kreativ, Sie gehören auch zu denjenigen, die bereit sind, das Kostbarste zu investieren, das wir haben, und das ist Zeit. Sie alle – und auch ihre Familien und Freunde, von denen Sie Unterstützung erfahren –, Sie alle tun unendlich viel für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft, und ohne den kommt keine Demokratie aus.

Ehe ich Sie nun auszeichnen darf, erlauben Sie mir, dass ich einen Gast namentlich erwähne, denn wir sitzen hier quasi in seiner guten Stube – und heute ist sein letzter Arbeitstag: Lieber Herr Laube, Sie haben 28 Jahre lang das LWL-Museum Henrichshütte geleitet. Jetzt gehen Sie in den wohlverdienten Ruhestand, und dafür wünsche ich Ihnen von Herzen alles Gute. Schön, dass Sie da sind und dass wir heute bei Ihnen sein dürfen! Und vom ganzen Saal einen großen Applaus nur für Sie!

Heute ist die Henrichshütte ein Ort der Kultur und Begegnung. Außergewöhnliche Ausstellungen locken Scharen von Besuchern an. Die Henrichshütte spiegelt heute den Kulturwandel und die wirtschaftliche Veränderung, die hier in Hattingen und Umgebung stattgefunden haben. Klar ist: Stahl wird nicht mehr gekocht. Aber an vielen Orten im Ruhrgebiet – auch in Hattingen – ist der Strukturwandel in einem erheblichen Maße geschafft. Viel Neues ist entstanden in den vergangenen Jahrzehnten. Und wir werden auch weiterhin Wandel erleben.

Mir ist in diesen drei Tagen hier in Hattingen vor allem eines begegnet: der Wille, diesen Wandel zu gestalten, die Stadt mit ihren wunderschönen Fachwerkhäusern und die herrliche Natur des Ruhrtals besser für Touristen zu erschließen, um nur ein Beispiel zu nennen. Bei meinem Gang durch die Fußgängerzone, beim Besuch der Altstadt habe ich überall Menschen getroffen, die mit neuen Ideen an Hattingens Zukunft arbeiten und zugleich stolz auf ihre Traditionen sind, zum Beispiel auf ihren Weihnachtsmarkt.

Die Wirtschaft im Ruhrgebiet hat sich schon immer durch Innovation und Gründergeist ausgezeichnet, und sie tut es bis heute – auch das habe ich hier bei Ihnen erfahren. Beeindruckt hat mich etwa der Besuch der Firma RESOL; ein Unternehmen der Regelungstechnik für Solar-, Heizungs- und Energiesysteme, das in den vergangenen Jahren immer wieder neue Technologien entwickelt und sich damit den Weltmarkt erschlossen hat. Und auch bei der „Kaffeetafel kontrovers“ im Bürgerzentrum habe ich von vielen tollen Beispielen gehört, wie Klimaschutz mit Wirtschaftswachstum einhergehen kann.

Die „Kaffeetafel kontrovers" heißt so, weil dort nicht nur gestritten werden kann, sondern auch gestritten werden soll – immer respektvoll und zivilisiert im Ton. Dass wir das in unserem Land können, sobald wir an einem Tisch zusammenkommen, das habe ich bei diesen 20 Ortszeiten immer wieder erlebt, auch gestern hier in Hattingen, zum Beispiel bei der Debatte, ob die Wiedereinführung der Wehrpflicht notwendig oder die Einführung einer sozialen Pflichtzeit eine Alternative wäre. Wenn nicht alle einer Meinung sind, so haben wir doch einander zugehört, Argumente ausgetauscht und gemeinsam zwei Stunden lang überlegt und darüber diskutiert, was der beste Weg sein könnte.

Auch bei kontroversen Themen das zu stärken, was uns verbindet, das steht wie eine unsichtbare Überschrift über meinen Ortszeiten. Und genau dafür, für dieses Verbindende gibt es hier in Hattingen ganz wunderbare Beispiele. Ich habe das Jugendparlament kennengelernt, das Kleine Café mit Quiz, das Mehrgenerationenhaus in der Südstadt und den Hattinger Ruderverein. Solche Einrichtungen und Orte existieren ganz häufig nur, weil sich dort Bürgerinnen und Bürger ehrenamtlich engagieren – so wie Sie alle es tun. Sie sind Vorbilder für andere und für uns alle, und darauf können Sie stolz sein. Wir jedenfalls sind stolz auf Sie! Ich danke Ihnen heute für Ihren Einsatz im Namen unseres ganzen Landes!

Und jetzt freue ich mich sehr, dass ich Sie mit der höchsten Auszeichnung ehren darf, die unser Land für Verdienste um das Gemeinwohl zu vergeben hat. Herzlichen Glückwunsch Ihnen allen zum Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland!