Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier

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Wenn ich in Ihre Runde schaue, wenn ich Sie alle anschaue, in der bunten Mischung, in der Sie hier vor mir sitzen, wenn ich vor meinem geistigen Auge Revue passieren lasse, was ich von Ihnen weiß oder was man mir von Ihnen berichtet hat, dann bewegen mich vor allem drei Gefühle: Hochachtung, Dankbarkeit und – über allem – Freude.

Die Freude darüber, Menschen – wie gleich auch Sie – mit dem Bundesverdienstkreuz zu ehren, gehört zu den schönsten Momenten meines Amtes – nämlich im Namen unseres Landes, im Namen aller Deutschen, Menschen auszuzeichnen, die sich längst selbst ausgezeichnet haben: durch ihren Einsatz für andere, durch ihr Engagement für das Gemeinwesen, durch ihr vorbildliches Wirken an den denkbar verschiedensten Stellen und auf die denkbar unterschiedlichste Art und Weise.

Sie werden es mir nachsehen, dass ich heute auch ein bisschen wehmütig bin, wenn ich daran denke, dass es zum letzten Mal ist, dass ich diese Orden – zumindest anlässlich des Tages der Deutschen Einheit – aushändigen darf. Größer noch ist aber meine Zuversicht, ja meine sichere Erwartung, dass sich hier auch in Zukunft Bürgerinnen und Bürger versammeln werden, um aus der Hand des Staatsoberhauptes diese Auszeichnung entgegenzunehmen.

Sie ist das äußerliche Zeichen dafür, dass diejenigen, die es tragen – und man sollte es gelegentlich auch wirklich und sichtbar tragen, dazu ist es da! –, auf exemplarische Weise engagierte Bürgerinnen und Bürger unseres Landes und damit Vorbild für viele andere sind.

Gleichzeitig auch höchst unterschiedliche Vorbilder. Auf den ersten Blick wird vielleicht gar nicht sichtbar, was die eine Ordensträgerin mit dem anderen Ordensträger verbindet. Sie werden, wenn Frau Daubner gleich für jeden Einzelnen die Gründe für die Auszeichnung vorträgt, Sie werden gleich staunen, auf welch unterschiedliche und höchst individuelle, ja manchmal muss man sagen: auf welch höchst eigensinnige Weise man sich in das Ganze unseres Gemeinwesens einbringen und für andere verdienstvoll wirken kann. Und dann wird es Ihnen vermutlich gehen wie mir bei diesen Gelegenheiten immer: Sie werden Hochachtung bekommen vor dem, was andere getan haben und tun.

Was alle eint, die heute ausgezeichnet werden: Auf ihre je besondere Weise tragen sie seit Langem dazu bei, dass die Demokratie in unserem Land lebendig werden konnte, lebendig ist und lebendig bleibt. Und zwar in allen Teilen unseres Landes. Diese Ordensverleihung zum Tag der Deutschen Einheit erinnert uns ja jedes Jahr daran, dass die Einheit in einem Willen zur Freiheit und in einem Aufbruch zur Demokratie in der ehemaligen DDR wurzelt. Die deutsche Teilung bestand ja nicht einfach aus zwei irgendwie getrennten Landeshälften, wie man heute manchmal aus der einen oder anderen verharmlosenden Erinnerung heraushören kann. Ost und West waren keine neutralen geographischen Begriffe. Die Teilung wurde vielmehr fixiert durch eine Mauer, die Demokratie von Diktatur trennte, Freiheit von Unfreiheit, Rechtsstaat von Willkür. Diese politische Teilung war es, die unser Land trennte wie auch ganz Europa.

Es eint die Ausgezeichneten das Bewusstsein um diese Geschichte, um die erstrittene Freiheit, die erkämpfte Demokratie. Freiheit und Demokratie kommen nicht von selbst – und sie bleiben auch nicht von selbst. So wie sie erstritten und erkämpft werden mussten, so müssen sie streitbar und entschieden erhalten und verteidigt werden.

Und was nach meiner Erfahrung alle mit dem Orden Ausgezeichneten auch verbindet: Sie bleiben – bei allen eigenen Verdiensten – bescheiden und wertschätzen auch jeden anderen und seinen besonderen Dienst und Einsatz. Und noch etwas, gerade bei dieser besonderen Verleihungszeremonie anlässlich des Tages der Deutschen Einheit: Alle Ordensträgerinnen und -träger verbindet, dass ihr Tun auch die Menschen verbindet und nicht trennt, dass es zusammenführt und nicht spaltet, dass es ein Wir im Sinn hat und nicht zuerst ein Ich.

Davon lebt die Demokratie. Sie ist ja nicht einfach eine Verfahrensordnung oder eine Organisationsform. Demokratie bleibt nur dann lebendig, wenn jeder weiß, dass es eine gemeinsame Sache gibt, für die jeder und jede aufgerufen ist, sich einzusetzen. Demokratie lebt vom Mitdenken und von der Mitsorge, von dem Miteinander und Füreinander der einen mit den anderen, der einen für die anderen.

Wer immer das Bundesverdienstkreuz erhält, alt oder jung, berühmt oder unbekannt, hier geboren oder zugewandert, für die Gemeinschaft im engen Umkreis oder für viele im ganzen Land – das macht das Engagement aller Ausgezeichneten aus: Sie stärken, was uns verbindet.

Unser Land hat sich verändert, seit Bundespräsident Theodor Heuss das Bundesverdienstkreuz gestiftet hat. Damals hat man sich wahrscheinlich nicht vorstellen können, dass ein Sohn iranischer Eltern ein waschechter Kölner ist, als Muslim die Schönheit des christlichen Glaubens darstellt und zum 65. Geburtstag des Grundgesetzes vor dem Bundestag spricht. Vielleicht noch weniger hat man sich vorstellen können, dass eine Frau Kapitänleutnant unserer Marine ist – als Tochter marokkanischer Eltern – und sich unermüdlich einsetzt für eine moderne Bundeswehr und für das bessere Verhältnis zwischen Gesellschaft und Streitkräften.

Solche Einwanderungs- und Emanzipationsgeschichten werden immer selbstverständlicher, und auch sie bilden das ab, was wir „innere Einheit“ nennen. Eine Einheit der Verschiedenen, geeint im Streben nach Menschenwürde, nach Freiheit und nach Mitsprache – ob als Bürgervertreter, ob im Ehrenamt oder ob im Beruf.

So steht der deutsche Professor, Verfasser kluger und spannender Bücher, die uns zum besseren Verständnis unserer Geschichte und damit unserer Gegenwart verhelfen, neben der griechischen Sängerin, die so vielen Menschen seit Jahrzehnten mit ihren Liedern Freude und Trost gibt. Und es steht eine Frau, die zu DDR-Zeiten zur Aufdeckung von Wahlbetrug sowie ihren Teil zum Sturz der SED-Herrschaft beigetragen hat, neben einer Großmutter und ihrem Enkel, die, auf ihre je besondere Weise, an den Holocaust erinnern – und daran, dass er über die Generationen hinweg erinnert werden muss.

Sie merken schon, meine Damen und Herren, wenn ich nicht aufpasse, nehme ich schon vorweg, was gleich im Einzelnen noch vorgetragen wird. Ich will es deswegen jetzt bei diesen wenigen Beispielen belassen.

Was ich aber damit verbinde, ist das dritte Gefühl, von dem ich am Anfang sprach, nämlich die Dankbarkeit. Wir können nur dankbar sein, nicht nur wir hier in diesem Raum, sondern wir alle, Bürgerinnen und Bürger dieses Landes, dass es überall solche einzelnen Menschen gibt, die für das Ganze wirken. Die genau ihre Stelle gefunden haben, an der genau sie sich gebraucht und geeignet wissen, an der sie etwas beitragen können, was kein anderer an ihrer Stelle auf dieselbe Weise tun kann.

Noch einmal, im Namen aller in Deutschland: herzlichen Dank an Sie alle!