Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier

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Seien Sie alle ganz herzlich willkommen im Amtssitz am Spreebogen! Im Sommer haben meine Mitarbeiter, meine Frau und ich diesen Neubau bezogen. Seitdem repräsentiert er als Sitz des Bundespräsidenten unsere vielfältige Gesellschaft und unsere liberale Demokratie. Und er steht für ein Deutschland, das die Erinnerung an die Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten wachhält und historische Verantwortung übernimmt.

Heute machen wir dieses Gebäude selbst zu einem Ort der Erinnerung. Ich freue mich, dass wir nachher gemeinsam am Haupteingang die Gedenktafel enthüllen, die an die Vermögensverwertungsstelle beim Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg erinnert – eine in den Holocaust verstrickte Finanzbehörde des NS-Regimes, die zwischen 1942 und 1945 hier auf dem Grundstück untergebracht war, im ehemaligen Gebäude des Zollpackhofs.

Sie alle, liebe Gäste, haben mitgeholfen, dass diese Gedenktafel nach mehr als drei Jahrzehnten endlich da hängt, wo sie hingehört: an einem würdigen und vor allem öffentlich sichtbaren Platz. Das ist Ihr gemeinsames Verdienst, herzlichen Dank für Ihr aller Engagement!

Als 2022 hier an der Elisabeth-Abegg-Straße die Tiefbauarbeiten begannen, wurden die gemauerten Fundamente des Packhofgebäudes freigelegt. Man fand darin eine Hitlerbüste aus Marmor. Gut möglich, dass die Büste einst in einem Büro der Vermögensverwertungsstelle stand.

Der Fund führt uns mitten hinein in die dunkle Vorgeschichte dieses Ortes. Nach dem Beginn der systematischen Deportationen von Jüdinnen und Juden in die Vernichtungslager in Osteuropa nahm die Vermögensverwertungsstelle hier auf dem Grundstück ihre Arbeit auf. 200 Mitarbeiter registrierten, beschlagnahmten, versteigerten und verkauften das Hab und Gut von Jüdinnen und Juden – und auch von Sinti und Roma und Widerstandskämpfern –, die aus Berlin und Brandenburg verschleppt worden waren.

Sie waren Schreibtischtäter in der bürokratischen Maschinerie des Massenmords, die für den NS-Staat legalisierten Raub begingen, ob aus Autoritätshörigkeit, Karrierestreben oder menschenfeindlicher Gesinnung. In enger Zusammenarbeit mit der Gestapo erbeuteten sie wirklich alles, was die Verschleppten nach Jahren der Entrechtung und Ausplünderung noch zurückgelassen hatten: Wohnungen, Möbel, Teppiche, Gemälde, Bücher, Geschirr, Kleidung, bis hin zur letzten Waschschüssel. Manches davon wurde zur Ausstattung von Ämtern, Erholungsheimen und Schulen der Finanzverwaltung genutzt, alles Übrige wurde zu Geld gemacht – der Erlös floss in die Staatskasse.

Die 40.000 erhaltenen Akten zeigen auch, wie viele Deutsche von der Vermögensverwertungsstelle profitierten und sich am geraubten Vermögen bereicherten. Spediteure, Gutachter, Versteigerer und Händler arbeiteten mit der Behörde zusammen. Bürgerinnen und Bürger feilschten um den Hausrat ihrer abtransportierten Nachbarn. Ob aus Hass, Habgier, Gleichgültigkeit oder einfach nur, weil die Gelegenheit günstig war: Viele, sehr viele wurden damals zu Mittätern, Mitwissern und Profiteuren.

Wir wollen heute an die Verbrechen der Vermögensverwertungsstelle erinnern und ihrer Opfer gedenken. Sie, lieber Herr Dr. Bajohr, werden uns gleich mehr von den Aufgaben und dem Personal dieser furchtbaren Behörde berichten. Und Sie, liebe Schülerinnen und Schüler, werden in szenischer Lesung das Schicksal der jüdischen Familie Fenichel aus Tempelhof wachrufen, die 1942 nach Riga deportiert, enteignet und ermordet wurde. Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie Menschen, die in den Akten hinter Kürzeln, Amtsdeutsch und Tarnsprache verschwanden, ihr Gesicht zurückgeben.

Erinnerungskultur braucht beides, Tätergeschichte und Opfergedenken. Und sie braucht Menschen, die sich mit der Vergangenheit ihres eigenen Stadtviertels oder Dorfes beschäftigen. Sie braucht Menschen wie Sie, lieber Herr Dr. Abel, liebe Frau N'Sondé, liebe Schülerinnen und Schüler! Schon seit 2021 arbeitet der Verein Gleis 69 mit dem Französischen Gymnasium zusammen, um die Geschichte der Vermögensverwertungsstelle lebendig zu halten. Mehrere Jahrgänge von Schülerinnen und Schülern haben sich dafür eingesetzt, dass die Gedenktafel, die lange „versteckt, verschlossen und vergessen“ war, einen neuen Platz bekommt. Und Sie gemeinsam haben etwas bewirkt!

Historische Verantwortung beginnt an der eigenen Haustür. Als Bundespräsident war es mir wichtig, auch die Geschichte meines Amtes und der dazugehörigen Gebäude zu durchleuchten. 2018 haben wir das Schicksal der jüdischen Vorbesitzer der Dienstvilla in Dahlem, Hugo und Maria Heymann, aufarbeiten lassen und dort, in der Pücklerstraße, eine Gedenkstele aufgestellt. Und wir haben später den Historiker Norbert Frei beauftragt, den Umgang der Bundespräsidenten mit der NS-Vergangenheit erstmals zu untersuchen.

Dass die Gedenktafel zur Vermögensverwertungsstelle nun hier unten an der Fassade hängt, reiht sich ein in diese Bemühungen und setzt ein klares Zeichen: Die Erinnerung an Nationalsozialismus, Holocaust und Massenmord bleibt nicht nur wichtig, sondern Aufarbeitung gehört zur Identität unseres Landes. Wir vergessen das Unrecht nicht, und wir verdrängen es nicht. Denn was sich nicht wiederholen soll, das darf nicht vergessen werden!

Die Geschichte der Vermögensverwertungsstelle mahnt uns zur Wachsamkeit. Unser demokratischer Staat braucht Staatsdiener, die Verantwortung für Menschenwürde, Freiheit und Demokratie übernehmen. Und er braucht Bürgerinnen und Bürger, die sich dafür einsetzen, dass Regierung und Verwaltung nicht in die Hände der Verächter der Demokratie fallen.

In einer Zeit, in der die Erinnerungskultur politisch so umkämpft ist, dass ihr manchmal die Geschichte verloren geht, in solchen Zeiten brauchen wir mehr Geschichte. Deshalb freue ich mich jetzt auf Ihre Vorträge und Ihre Lesung – und dann natürlich auf die gemeinsame Enthüllung der Gedenktafel.

Schön, dass Sie heute hier sind. Ich danke für die Bemühungen all der vergangenen Jahre.