Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier

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„Wie Schiffer sind wir, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne es jemals in einem Dock zerlegen und aus besten Bestandteilen neu errichten zu können“ – so beschrieb schon Otto Neurath, der österreichische Wissenschaftstheoretiker, die Lage der Wissenschaft. Zwar ist der Bodensee – bei aller Schönheit und Weite – dann doch kein Ozean, aber Sie alle bauen das Schiff der Wissenschaft mit ihren Möglichkeiten, Herausforderungen und Grenzen immer wieder neu und immer mit dem Ziel, den Stand des Wissens zu überprüfen, ihn zu erweitern – auf der Suche nach neuen Erkenntnissen.

Und wer einen Nobelpreis verliehen bekommt, hat dieses Ziel erreicht: Herausragendes geleistet und Grenzen überwunden zu haben. Das klingt ja auch im Titel Ihrer diesjährigen Tagung an: „Science transcending borders“. Sie alle haben als Forscherinnen und Forscher die Grenzen des Wissens erweitert. Und dazu gehört mitunter auch, bisherige vermeintliche wissenschaftliche Gewissheiten infrage zu stellen und zu widerlegen – etwa, was die höchstmögliche Auflösung in der Lichtmikroskopie angeht, oder mit dem Beweis, dass Quantenteleportation möglich ist. Sie überwinden hier in Lindau aber auch im übertragenen Sinne Grenzen: zwischen Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Generationen, zwischen ganz unterschiedlichen Wissenschaftskulturen, Traditionen und Disziplinen – und das nun schon seit 75 Jahren. Meinen ganz herzlichen Glückwunsch zu diesem ganz großartigen Jubiläum!

Schon bei der Europatagung, mit der dieses so wichtige Forum vor nunmehr 75 Jahren seinen Anfang nahm, ging es nicht allein darum, sich über Forschungsergebnisse auszutauschen. Nein, das Treffen von damals sieben Medizin-Nobelpreisträgern und 400 Wissenschaftlern stand auch für den Geist der Scientific Community, der die angereisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Europa und den USA miteinander verband. Die Initiatoren wiederum verbanden damit die Idee, diesen gemeinschaftlichen Geist ganz bewusst in den Dienst der Völkerverständigung zu stellen. Und dieser Geist wirkt bis heute fort. Längst treffen sich hier hervorragende Wissenschaftler aus Europa und der ganzen Welt. Und in diesem Jahr sind es mit über 70 Trägerinnen und Trägern des Nobelpreises so viele wie nie zuvor. Allein das ist beeindruckend! Aber mindestens genauso sehr begeistert mich, dass 600 Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler hier zusammenkommen. Schön, dass Sie in so großer Zahl den Weg nach Lindau gefunden haben! Herzlich willkommen Ihnen allen!

Interdisziplinäre Tagungen mögen zwar erst seit der Jahrtausendwende tatsächlich auch formal fester Bestandteil Ihres Curriculums sein. Ein Blick in die Geschichte offenbart aber: Ganz verschiedene fachliche Perspektiven zusammenzubringen, das gehörte längst zur DNA der Lindauer Nobelpreisträgertagung. Und wir können uns – weit über den Kreis der Wissenschaft hinaus – glücklich schätzen, dass Sie diesen Weg hier in Lindau konsequent weiterverfolgt haben! Denn interdisziplinär zu arbeiten, das ist gerade heute – einerseits mit Blick auf die fortgeschrittenen Spezialisierungen in Einzel- und Unterdisziplinen der Wissenschaft, andererseits mit Blick auf die riesigen Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht – der Schlüssel, um unter den heutigen Bedingungen überhaupt noch Lösungen und Antworten zu finden. Ich denke hier an den Klimawandel und seine dramatischen Folgen oder an künstliche Intelligenz (KI) und die damit verbundenen komplexen ethischen Fragen. Sicher, wenn unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen, dann kommt es dabei vielleicht gelegentlich auch zu Reibung und Reibungsverlusten. Entscheidend ist aber doch, wie viel kreative Energie dabei frei wird: Energie, die zu Innovation und Fortschritt führt, Energie, die auch das System Wissenschaft insgesamt leistungsfähig und intakt hält.

Und in einer Zeit, in der Forschung und Lehre selbst damit kämpfen müssen, dass sie zunehmend Ziel politischer Angriffe und ideologischer Vereinnahmung werden, ist das umso wichtiger. Sicher nicht zufällig haben Sie dieses Jahr die Integrität der Wissenschaft als ein zentrales Thema hier auf dieser Tagung gesetzt. Fragen, wie sich Wissenschaft finanziert, wie sie arbeitet, wer den Nutzen aus den Ergebnissen zieht und wie sie sich das notwendige Vertrauen für ihre Empfehlungen sichert, all diese Fragen stellen sich in unserer Zeit ganz besonders drängend. Und Sie alle setzen sich mit aller Kraft dafür ein, diese drängenden Fragen zu beantworten, damit auch in Zukunft Wissenschaft frei und immer der Wahrheit verpflichtet arbeiten kann. Und dafür danke ich Ihnen von ganzem Herzen!

Wissenschaft braucht Freiheit. Und Demokratie braucht freie Wissenschaft. Dieser Zusammenhang schien vielen von uns – über Jahrzehnte hinweg – geradezu unumstößliche Überzeugung zu sein. Doch gegenwärtig zeigt sich: Die Faszination des Autoritären wächst an vielen Orten. Vielerorts gewinnen die Feinde offener Gesellschaften an Einfluss, Kräfte, die davon träumen, Andersdenkende nach Belieben zu gängeln, zu zensieren und zum Schweigen zu bringen. In den Diktaturen und Autokratien rund um den Erdball ist all das keine neue Entwicklung.

Aber die Freiheit ist auch in liberalen Demokratien des Westens mancherorts keine Selbstverständlichkeit mehr – sowohl innerhalb wie außerhalb von Universitäten und Forschungseinrichtungen. Und sicher sorgt es Sie genauso wie mich, dass ausgerechnet dort, wo die Freiheit der Wissenschaft so wie kaum irgendwo anders geradezu exemplarisch gelebt wurde, in den USA, dass auch dort Methoden politischer Bevormundung um sich greifen – von einer Administration, die Forschende einschüchtert, deren Positionen und Themen unerwünscht sind; wo Bildungsstätten drangsaliert werden, wenn sie sich nicht politischen Vorgaben beugen; und wo Universitäten oder ganze Wissenschaftszweige nach Gutdünken Kürzungen ihrer Mittel hinnehmen müssen. Wo die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre systematisch untergraben wird, bedroht das immer auch das Fundament der Demokratie. Das kann weder der Wissenschaft noch der Demokratie gleichgültig sein. Wir müssen entschlossen sein, für Freiheit weiterhin zu kämpfen!

Und Entwicklungen, die mir Sorgen machen, sehe ich im Übrigen nicht nur im Ausland. Denn zur Wahrheit gehört, dass auch bei uns in Deutschland Demokratie- und Wissenschaftsfremdheit, bei manchen auch -feindschaft, zugenommen haben. Ob es um wissenschaftliche Erkenntnisse über den menschengemachten Klimawandel oder das Impfen geht: Wissenschaftliche Erkenntnisse werden besonders häufig von denen in Zweifel gezogen, die auch der Demokratie und ihren Institutionen mit Skepsis, Ablehnung oder gar mit Hass gegenüberstehen. Und auch in Deutschland haben wir in der Zeit der Coronapandemie gesehen, wie schnell Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zum Ziel von Diffamierungen und Einschüchterungsversuchen – bis hin zu Morddrohungen – werden. Und ich muss Ihnen ganz offen sagen, das hat mich zutiefst erschüttert. Umso mehr sind wir gefordert, uns schützend vor die zu stellen, die derart angegriffen werden! Und mit „wir“ meine ich den Staat in seiner elementaren Schutzfunktion, aber ich meine auch alle, die Offenheit und Neugier, Bildung und Respekt vor wissenschaftlichen Leistungen schätzen. Ich habe großen Respekt vor den vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in aller Welt, die nach wie vor mutig und entschlossen kämpfen gegen Ignoranz, gegen Verschwörungsmythen, gegen Desinformation, für die Integrität von Forschung und Lehre, für die Freiheit der Wissenschaft, oder kurz gesagt: für das Erbe der Aufklärung. Ich weiß, dass Ihnen allen das ein Herzensanliegen ist. Und deshalb will ich Ihnen ausdrücklich dafür meinen großen Dank sagen!

Ihre Konferenzen hier in Lindau haben immer wieder klar Stellung bezogen und Zeichen gesetzt – etwa mit der Deklaration zum Klimawandel vor elf Jahren. Ich denke aber vor allem auch an die wiederholten Warnungen vor Atomwaffen und Atomkriegen, die von hier aus in die Welt gingen – mit der Mainauer Kundgebung von 1955 ebenso wie mit der neuerlichen Erklärung von 2024, die leider unverändert aktuell ist.

Auch für solche Impulse bin ich dankbar. Denn die Politik braucht die Wissenschaft, auch als mahnende Stimme und Korrektiv, gerade angesichts der rasanten technologischen Entwicklungen. Ich denke hier an die Möglichkeiten, die Quantentechnologie heutzutage eröffnet, um mit früher kaum vorstellbarer Rechenleistung Krankheiten zu erkennen, lebenswichtige Medikamente zu entwickeln, Verkehrs- und Versorgungsnetze zu steuern oder auch Daten sicher zu verschlüsseln.

Ich denke dabei insbesondere an die bereits erwähnte KI mit ihren unglaublichen Möglichkeiten, die wir nutzen werden, nutzen wollen und nutzen müssen. Aber KI verändert unser Leben und unsere Arbeitswelt bereits jetzt. Und wahrscheinlich fehlt uns noch die Vorstellung, wie schnell und wie radikal dieser Veränderungsprozess in nächster Zukunft vor sich gehen wird. Aber nicht nur das: KI verändert auch die Art, wie wir zusammenleben in einer Demokratie – nicht nur, weil Deepfakes die Grenzen zwischen Fakt und Fake verschwimmen lassen, sondern insbesondere auch, weil KI-generierte Deepfakes – sind sie erst einmal in der Welt – die Persönlichkeit, die Ehre, den Eigenwert von Menschen mit einem einzigen Post oder einem einzigen Video vernichten können – häufig unwiderruflich, weil die spätere Aufdeckung als Fake nicht mehr heilen kann, was schon angerichtet worden ist. Was wir dort erleben, auch mit Blick auf jüngste Fälle hier in Deutschland, und besonders betroffen sind Frauen und Mädchen, ist schlimm genug. Aber der Missbrauch beschränkt sich inzwischen nicht mehr auf die zwischenmenschliche Dimension, mit zum Teil unerträglichen Folgen für den einzelnen Menschen. Nein, wir erleben zugleich, wie mit KI-generierten Inhalten Folgen auch für Demokratie entstehen, wie schlechte Stimmung gegen sie gemacht wird und das Vertrauen in die Demokratie und ihre Institutionen gezielt untergraben wird.

Dieser Aspekt von KI ist hochproblematisch. Aber KI kann auch zugleich hilfreich sein für demokratische Prozesse, etwa wenn es darum geht, Desinformation entgegenzuwirken oder um öffentliche Datenmengen für Bürgerinnen und Bürger transparent aufzubereiten. Und vor allem wird KI natürlich ungeahnte Innovationen in allen Bereichen und Branchen der Wirtschaft möglich machen. Eines ist für mich dabei ganz entscheidend, dass der Mensch nicht die Kontrolle verliert über die Technologie, sondern dass die KI ein Werkzeug bleibt – ein Werkzeug, das die menschliche Urteilsfähigkeit und die menschliche Autonomie unterstützt, aber nicht ersetzt. Das muss unser gemeinsames Ziel sein.

In den kommenden Tagen werden Sie über diese und andere grundlegende Fragen diskutieren. Seit 75 Jahren ist Lindau ein wichtiger Ort für diesen Austausch, der sinnbildlich steht für die breite und vielfältige deutsche Wissenschaftslandschaft: mit innovativen, modernen Forschungszentren einerseits und traditionsreichen Universitäten andererseits. Einer Landschaft, die – in 16 Bundesländern – geprägt ist von der engen Zusammenarbeit zwischen exzellenter Forschung, innovationsfreundlicher Wirtschaft und starker Industrie. Diese Zusammenarbeit trägt entscheidend dazu bei, dass sich Deutschland im internationalen Spitzenfeld behaupten konnte, worauf die nach wie vor große Zahl von Patentanmeldungen einen Hinweis gibt.

Vor allem aber steht unsere Wissenschaftslandschaft unter dem Schutz einer Rechtsordnung, die mit gutem Grund der Freiheit der Wissenschaft Verfassungsrang einräumt. Das ist eine der Lehren, die unser Land aus der Vergangenheit gezogen hat. Sie ist Ausdruck unserer historischen Verantwortung, die Demokratie, ihre Institutionen und die Offenheit der Gesellschaft zu schützen.

Als 1951 zum ersten Mal die Nobelpreisträger hier in Lindau zusammenkamen, lag noch der tiefe Schatten der NS-Zeit und der von Deutschen – auch von deutschen Wissenschaftlern – begangenen Verbrechen über unserem Land. Das Treffen hier am Bodensee war ein kleiner, für uns aber unglaublich wichtiger Aufbruch zurück in den Kreis der Völkergemeinschaft. Schritt für Schritt fand zunächst Westdeutschland in den folgenden Jahren und Jahrzehnten seinen Platz an der Seite seiner Partner in Europa und der Welt. Und unser wiedervereinigtes Land ist heute eine lebendige, vielfältige und – davon bin ich überzeugt – auch robuste Demokratie! Man darf also sagen: Der Aufbruch, der damals hier in Lindau anfing, Gestalt anzunehmen, ist gelungen. Und ich bin sicher, dass von diesem Ort und diesem Forum auch in den kommenden 75 Jahren noch viele Signale des Aufbruchs ausgehen werden – zum Wohle der gesamten Menschheit, weil das Ihr gemeinsames Anliegen ist.

Ich wünsche Ihnen anregende Diskussionen, inspirierende und erkenntnisreiche Tage hier in Lindau. Um noch mal auf Otto Neurath zurückzukommen: Die traditionelle Bootsfahrt, mit der am Freitag diese Tagung endet, werden Sie hoffentlich ohne Umbauten auf offenem See genießen können.

Meinen herzlichen Glückwunsch zum 75. Geburtstag. Dankeschön!