Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier

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Ich hatte mich wirklich darauf gefreut, heute viele Stunden mit Ihnen und der Kunst zu verbringen hier in Schwäbisch Hall, aber die Ereignisse von vorgestern, der Rücktritt eines Mitglieds der Bundesregierung, zwingen mich leider, zurückzukehren nach Berlin und wenigstens meinen Beitrag dazu zu leisten, die Bundesregierung wieder zu komplettieren.

Umso mehr freue ich mich darüber, jetzt noch hier dabei zu sein, um einen Ort der Kunst gemeinsam mit Ihnen neu zu eröffnen und neu zu entdecken. „Kunst ist Sehnsucht“, haben Sie, lieber Anselm Kiefer einmal gesagt. „Man kommt niemals an, aber man geht weiter in der Hoffnung, dass man es tut.“

Hier in der Kunsthalle Würth ist die Kunst angekommen, genauer gesagt wieder angekommen – mit über 70 Ihrer Werke, die hier ab Freitag bis in den Herbst kommenden Jahres gezeigt werden. Und ich bin sicher: Alle die Freunde Ihres kreativen Schaffens – und Kunstbegeisterte überhaupt – haben voller Ungeduld darauf gewartet, dass wir diese Wiedereröffnung heute feiern können. Ich darf Ihnen versichern: Das Warten hat sich gelohnt! Das kann ich Ihnen versprechen, nachdem wir gerade einen Blick in die Ausstellung werfen konnten. Freuen Sie sich also darauf!

Drei Jahre hat der Umbau gedauert, und das Ergebnis beeindruckt: Die Kunsthalle ist größer und moderner geworden – und das innerhalb des Zeitplans. Meine Erfahrung mit größeren Bau- und Infrastrukturprojekten zeigt mir: Das ist keine Selbstverständlichkeit – nicht einmal in Baden-Württemberg.

Ich sage das mit etwas leidvoller Berliner Erfahrung aus jüngster Zeit. Sie wissen es: Umbauten und Modernisierungen, diese Themen haben auch mich in jüngster Zeit bewegt, ganz buchstäblich – von Schloss Bellevue in einen neuen vorübergehenden Amtssitz des Bundespräsidenten am Spreebogen. Vor meinem Amtszimmer spannt sich jetzt das Panorama des Parlaments- und Regierungsviertels auf, mit beeindruckender Architektur, vor allem mit einigen in aller Welt bekannten Kunstwerken.

So steht keine 300 Meter von meinem Amtssitz entfernt Eduardo Chillidas Stahlskulptur „Berlin“ – seit 1999, dem Jahr des Umzugs der Bundeshauptstadt. Zwei Jahre später eröffnete die Kunsthalle hier in Schwäbisch Hall, und eine der ersten Ausstellungen zeigte Chillidas Werke.

In den 25 Jahren ihres Bestehens präsentierte sie viele weitere Künstlerinnen und Künstler, die auch in der Bundeshauptstadt Spuren und – auch für mich ganz persönlich – Erinnerungen hinterlassen haben. Man denke nur an Henry Moore, dessen Bogenschütze vor der Neuen Nationalgalerie steht, oder an Georg Baselitz, dessen Bilder an prominenter Stelle im Reichstagsgebäude zu sehen sind, an Christo und Jeanne-Claude mit der ikonischen Verhüllung des Reichstags.

Umgekehrt war hier in Schwäbisch Hall auch Kunst zu bewundern, die eng mit Berlin verbunden ist, allen voran die Arbeiten von Max Liebermann. Max Liebermann, der große deutsch-jüdische Impressionist, der Zeuge wurde, wie die fragile Demokratie von Weimar zerbrach und die Nationalsozialisten die Macht übernahmen; der am eigenen Leib zu spüren bekam, wie die deutsche Gesellschaft gleichgeschaltet wurde, nicht zuletzt in Kunst und Kultur.

Was mit Schwarzen Listen und Zensur, Bücherverboten und Bücherverbrennungen seinen furchtbaren Auftakt nahm, mündete in einer durchideologisierten Staatskunst, die alles, was nicht in ihr Weltbild passte, als „entartet“ diffamierte. Die Anfänge dieser Entwicklung erlebte Liebermann noch als Ehrenpräsident der Preußischen Akademie der Künste. Aber die Akademie ordnete sich – so wie viele, viel zu viele in dieser Zeit – den neuen Machthabern unter. Liebermann kam seiner Entlassung zuvor, trat von seinem Amt zurück und aus der Akademie aus. Wenige Jahre später starb der einst gefeierte Künstler, unter einem Regime, das es sich zum Ziel gesetzt hatte, jüdisches Leben in Deutschland und Europa systematisch auszulöschen, und danach handelte.

Und das bedeutete nach dem Willen der nationalsozialistischen Machthaber, auch die Erinnerung auszulöschen: an jüdische Kulturschaffende und Mäzene, die Erinnerung an Menschen wie James Simon mit seinen unschätzbaren Beiträgen für die Berliner Museumslandschaft, an Menschen wie Max Liebermann und sein Werk. Viele der Künstlerinnen und Künstler sind danach vertrieben, viele ermordet worden.

Dennoch: Viele Schöpfungen der damals verfemten Künstlerinnen und Künstler sind uns erhalten geblieben, und die Erinnerung an sie lebt fort – auch dank der Arbeit von Museen und Kunstsammlungen, seien sie in öffentlicher Hand, wie die Kunsthalle Mannheim, deren Wiedereröffnung ich vor fast zehn Jahren begleitet habe, seien es private Museen wie die Kunsthalle oder die Johanniterkirche hier in Schwäbisch Hall. Sie alle halten unser kulturelles Gedächtnis wach.

Warum erzähle ich das? Weil ich weiß, dass Max Liebermanns Schicksal auf sehr Essenzielles verweist. Es führt uns vor Augen, wie eng freie Kunst und liberale Demokratie miteinander verwoben sind. Und es erinnert uns daran: Wir müssen diese zivilisatorischen Errungenschaften hüten und verteidigen – verteidigen gegen jeden, der ihnen schaden will!

Vor Jahren schien die Gefahr noch abstrakt, inzwischen fürchtet das Bauhaus Dessau um sein Überleben. Und viele andere Einrichtungen auch. Ein neuer Kulturkampf ist ausgerufen, und mit nationalistischer Engstirnigkeit versucht man, den „Freiraum Kunst“ wieder einzuengen und zu bedrängen. Und dem müssen wir uns mit aller Kraft entgegenstellen.

Unser Grundgesetz schützt die Kunstfreiheit ganz explizit – geprägt von der Erfahrung der NS-Zeit. Kunst ist Ausdruck unseres Menschseins, unserer Individualität, unseres unabhängigen Denkens und Empfindens. Sie ist überlebenswichtig, das haben wir vielleicht gerade in der Zeit der Pandemie noch einmal ganz neu kennengelernt. Freie Kunst versperrt sich Regeln, kann, ja muss unbequem sein, bricht mit dem Gewohnten. Oft stellt sie Autoritäten in Frage und fordert damit jene autoritären Kräfte heraus, die unsere politischen Institutionen, unsere öffentlichen Debatten, unser kulturelles Leben dominieren wollen.

Kunst leistet das Gegenteil. Sie bereichert unseren demokratischen Diskurs um Akzente, Schattierungen, wo andere sich in populistischer Endzeitstimmung oder Verschwörungsszenarien üben. Sie lädt zum Nachdenken ein, ergänzt unser Denken um eigene, neue Perspektiven. Sie öffnet Räume und ermöglicht das Gespräch der Gesellschaft mit sich selbst, über unterschiedliche Wahrnehmungen und Meinungen.

Aber nicht nur was Kunst angeht, ist unsere Gesellschaft derzeit geprägt von scharfen Kontroversen: über Verteilungs- und Identitätsfragen, über Fragen der Sicherheit, darüber, wo wir als Staat und Gesellschaft stehen, wie wir auf unsere Vergangenheit und die Zukunft unseres Gemeinwesens schauen. Auch in der politischen Debatte, in der wir unter dem Druck sozialer Medien immer mehr von der Vielgestaltigkeit und Vielfarbigkeit der Demokratie preisgeben, wo wir erfahren, wie sich das Farbenspektrum zunehmend auf Schwarzweiß reduziert und Menschen in entgrenzter Sprache übereinander herfallen und die Grenzen des Sagbaren zunehmend ins Unsägliche verschoben werden.

Da, wo im ständigen Verlangen nach Eindeutigkeit Schattierungen, Nuancen und Zwischentöne verloren gehen, da verliert auch die politische Debatte an Differenziertheit, an Kompromissfähigkeit und an Vernunft. Und das tut der Demokratie nicht gut. Umso dankbarer bin ich allen, die sich aktiv einbringen, um unseren Zusammenhalt zu stärken, um das Gespräch zu suchen, um unsere liberale Demokratie zu schützen und zu verteidigen. Seien es Künstlerinnen und Künstler, die mit ihren Werken und darüber hinaus Zeichen setzen für die Vielfalt und den Reichtum unseres kulturellen Lebens. Seien es Unternehmerinnen und Unternehmer, die sich nicht nur für die Zahlen in ihren Bilanzen interessieren, sondern das gemeinsame Ganze im Blick haben. Menschen, die sich zuständig fühlen, die Verantwortung übernehmen für sich und andere. Ihnen gilt mein ganz großer Dank!

Mit anderen Worten: Menschen wie Ihnen, lieber Reinhold Würth! Sie sind, wenn man so will, das Gegenmodell zu einem Trend, den ich mit großer Sorge beobachte, in den USA, aber nicht nur dort. Es geht mir um den Siegeszug von Gier und Egoismus unter denjenigen, die enorme finanzielle Möglichkeiten haben, diese aber vor allem dazu nutzen, ihren historisch beispiellosen Einfluss auf die Politik auszunutzen und obendrein diejenigen zu diffamieren, die sich um sozialen Ausgleich bemühen und sich für Rechtsstaat und Demokratie einsetzen.

Sie hingegen, lieber Herr Würth, stehen aufrecht und entschieden für all das, was unsere freiheitliche und demokratische Bundesrepublik stark gemacht hat und geachtet in der Welt. Sie sind nicht nur selbst bodenständig und heimatverbunden geblieben, nein, Sie nutzen Ihre Möglichkeiten, um anderen Menschen neue Horizonte zu eröffnen. Als Firmenchef mit Ihrem sozialen Engagement, als Bürger mit Ihrem entschlossenen Eintreten gegen den Extremismus und, nicht zuletzt, als Förderer der Kunst und des Interesses an der Kunst!

Überall bieten Sie Menschen die Chance, die Schätze Ihrer beeindruckenden Sammlung zu sehen – bei freiem Eintritt. Damit ermöglichen Sie auch jenen Zugang zu Kunst und Kultur, denen die Mittel dazu fehlen würden. Wo immer Sie Ihre Exponate zeigen, in Ihren Museen, Ausstellungshallen und Kunstdependancen, entstehen auch Orte der Begegnung und des Austauschs, wie sie unsere Gesellschaft so dringend braucht. Und dafür möchte ich Ihnen ganz herzlich danken!

„Alles, was der Fall ist“, unter diesem Titel steht die umfassende Werkschau von Anselm Kiefer, mit der sich die Kunsthalle Würth als Ausstellungsort zurückmeldet. Der Titel ist ein großes Versprechen – und die Ausstellung löst es ein, denn sie spiegelt die überwältigende Bandbreite von Inspirationsquellen, Themen und Materialien wider, die Ihre Arbeiten prägen, lieber Anselm Kiefer!

Und was die Kunsthalle Würth angeht, ist eines auf jeden Fall „der Fall“: Die Kunst, die es hier zu sehen gibt, wird auch in den kommenden 25 Jahren – und weit darüber hinaus – nicht minder abwechslungsreich und vielfältig sein. Sie wird Sehnsüchte wecken und Besucherinnen und Besucher aus aller Welt begeistern.

Mögen sie in Scharen kommen! Ich wünsche der Kunsthalle Würth alles Gute für die Zukunft! Herzlichen Dank!