bei einem Jazzkonzert in der Villa Hammerschmidt am 8. Juli 2026 in Bonn:
- Bulletin 73-1
- 13. Juli 2026
Was für ein schöner Sommerabend, nicht zu heiß, ein bisschen windig – und vor allen Dingen kein Regen! Man denkt unwillkürlich an George Gershwin und „Summertime“, an die wunderbare Stimme von Ella Fitzgerald, an das Saxofon von John Coltrane. Und schöner kann doch eigentlich ein Jazzabend überhaupt nicht beginnen. Deshalb: Ganz herzlich willkommen hier im Park der Villa Hammerschmidt – schön, dass Sie da sind! Guten Abend, Bonn!
Das Stück, das wir gerade gehört haben, heißt „Pick your brain“. Es geht darin um Rat, den man sich holt, ums Fragenstellen, um Inspiration von außen. Sara Decker hat uns – als Sängerin und Komponistin – damit eingestimmt auf diesen schönen Abend.
Sara Decker hat Jazzgesang in Maastricht und New York studiert, ist – unter anderem – 2015 mit dem European Jazz Award ausgezeichnet worden. Und ich freue mich sehr, gleich im Anschluss noch weitere Stücke von Ihnen und Ihrem Ensemble zu hören: Heidi Bayer, Carlotta Ribbe, Tabea Kind und Jeroen Truyen. Noch einmal herzlichen Dank, Sara Decker und Ensemble!
Fragen, ich sagte es, darum ging es im ersten Song, den wir heute gehört haben. Und eine solche, gar nicht mal so kleine Frage stand auch im Raum, als wir diese Veranstaltung für den heutigen Abend geplant haben: die Frage nämlich, wo überhaupt sie stattfinden kann. Sie alle wissen es, Schloss Bellevue in Berlin steht uns nicht mehr zur Verfügung, weil es saniert werden muss. Und gerade in diesen Tagen – heute und morgen – findet der wesentliche Teil des Umzugs in das neue Gebäude in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofs statt.
Vor neun Jahren haben wir zum ersten Mal zum Jazzkonzert im Schloss Bellevue eingeladen. Und wir haben das Sommer für Sommer beibehalten. In diesem Jahr galt es nun, die liebgewonnene Tradition um eine Variation zu bereichern, sowohl bei der Frage nach der Wahl des Ortes als auch bei der Konzeption des Programms.
Die Antwort war gar nicht so schwer, und Sie erleben sie hier und jetzt: Weil in diesen Tagen an der Spree die Umzugskisten verfrachtet werden, haben wir das Konzert einfach hierher nach Bonn an den Rhein verlegt. Denn was läge näher – vielleicht nicht geografisch, aber mit Blick auf die Geschichte des Bundespräsidialamtes –, als einmal back to the roots zu gehen, zurück hierher nach Bonn? Schließlich war die Villa Hammerschmidt lange der erste Amtssitz des Bundespräsidenten, noch über das Jahr der deutschen Wiedervereinigung hinaus.
Und wir haben auch das Konzept dieses Konzerts etwas variiert: Heute Abend steht die hiesige Jazzszene im Mittelpunkt, denn Nordrhein-Westfalen und Jazz, das harmoniert einfach. Jazz war immer ein musikalischer Schmelztiegel, genau wie Nordrhein-Westfalen ein Land der Legierungen ist, das Menschen unterschiedlichster Herkunft und Kultur miteinander verschweißt – vom Ruhrpott bis zur Düsseldorfer Kö, von der Eifel bis ins Münsterland, von der Bundesstadt Bonn am Rhein bis Brakelsiek in Lippe, wo ich herkomme, oder bis ins Siegerland, wo meine Frau herstammt. Ja, Jazz und Nordrhein-Westfalen, das verbindet einfach – und das nicht erst seit gestern!
Die Wurzeln des Jazz mögen in den USA liegen. Doch auch hier in Nordrhein-Westfalen wurde große Jazzgeschichte geschrieben. Zahlreiche legendäre Musiker sind hier aufgetreten. Ich erinnere nur an das immer noch berühmte Köln-Konzert von Keith Jarrett im Jahr 1975. Die Aufnahme davon ist – auch ein halbes Jahrhundert später – noch immer die meistverkaufte Jazzsoloplatte aller Zeiten. Viele große Jazzmusiker kommen aus Nordrhein-Westfalen oder haben hier ihre Heimat gefunden: Trompeter wie Till Brönner, geboren in Viersen, oder die Pianistin und Komponistin Julia Hülsmann, die hier aus Bonn stammt, beide nicht nur feste Größen in der internationalen Jazzszene, beide haben mich auch schon auf Reisen ins Ausland begleitet – Julia Hülsmann eher nach Osten, Till Brönner eher nach Westen. Und wenn ich es richtig gesehen habe, dann ist auch Sebastian Studnitzky hier, der schon mehrfach für uns gespielt hat. Danke, dass er heute Abend den Weg aus Berlin hierher gefunden hat! Und ich glaube, ich verspreche Ihnen nicht zu viel, wenn ich sage, dass das Programm des heutigen Abends das hohe Niveau und die Bandbreite der hiesigen Jazzszene widerspiegelt.
Wenn es um Bonn und Jazz geht, darf einer nicht fehlen: Peter Materna. Lieber Peter Materna, du bist nicht nur ein international bekannter Saxofonist, der sein Instrument hier in Nordrhein-Westfalen studiert hat. Jeder kennt dich hier als künstlerischen Leiter und Geschäftsführer des Jazzfestes Bonn. Heute Abend bist du mit dem Pianisten Florian Weber, dem Bassisten Duy Luong und Schlagzeuger Karl-Friedrich Degenhardt hier. Danke dafür! Danke aber auch für dein lebenslanges Streben, die Jazzszene in Deutschland zu unterstützen und zu stärken. Ganz großen Dank dafür!
Liebe Gäste, zurück zu Sara Decker. „Du mußt das Leben nicht verstehen, dann wird es werden wie ein Fest“, heißt es bei Rainer Maria Rilke. Ich habe gehört, auch dieses Gedicht haben Sie auf einem Ihrer Alben vertont. Und selbst wenn man bei Rilke vielleicht nicht sofort an Jazz denkt, das, was Rilke hier über unser Dasein sagt, das lässt sich doch wunderbar auf die Jazzmusik übertragen, mit ihrem Reichtum an komplexen Variationen und Improvisationen.
Genau diese Vielfalt ist es am Ende, die auch mich persönlich immer wieder von Neuem am Jazz begeistert, stilistisch, instrumental, harmonisch. Weil es sein Kern ist, die Lust, aufzubrechen und neu zusammenzufügen, sich frei in einer Welt zu bewegen, die Inspiration aus unterschiedlichen Quellen schöpft und natürlich – das werden Sie auch heute Abend sehen – aus den sehr verschiedenen Persönlichkeiten der Künstlerinnen und Künstler. Und das gilt auch für die beiden Ensembles, die wir heute hier zu Gast haben. Vielen Dank – schön, dass Sie da sind! Jetzt möchte ich Sie alle ganz herzlich einladen: Genießen Sie diesen Sommerabend bei sehr viel guter Musik! Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen!