Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier

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„Wahrhaft kosmische Ansichten sind (…) Folge der Beobachtung und ideeller Combination (…); auch sind sie nicht das Werk eines einzigen Volkes, sie sind die Frucht gegenseitiger Mittheilung; eines (…) großen Völkerverkehrs.“ Mit diesen Worten beschrieb Alexander von Humboldt vor rund 180 Jahren die Früchte internationaler Wissenschaftskooperation. Heute würden wir es modern und kürzer ausdrücken: „Connected for Impact“.

Und damit sind wir auch schon mitten im Thema. Zunächst möchte ich Sie, die Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, und Ihre Familien ganz herzlich willkommen heißen! Dieses Mal treffen wir uns nicht in meinem Amtssitz, dem Schloss Bellevue – wie Sie sicherlich wissen, wird es saniert. Aber was wäre passender als ein Ort, der den Namen der Humboldt-Brüder trägt? Ich bin dankbar, dass wir hier im Humboldt Forum zu Gast sein dürfen, und bin überzeugt: Hier im Schlüterhof werden wir ein ebenso schönes Beisammensein erleben wie in den vergangenen Jahren im Schlosspark. Ich freue mich sehr, dass Sie alle da sind! Herzlich willkommen!

Schon der große Entdecker, Naturforscher und Weltreisende Alexander von Humboldt hat erkannt, dass wissenschaftliche Exzellenz oder, wie er es so schön formuliert hat, „wahrhaft kosmische Ansichten (…) nicht das Werk eines einzigen Volkes“ sein können. Erst der grenzüberschreitende Austausch und der Wettbewerb der Besten führt zu Innovation, trägt dazu bei, die großen Menschheitsaufgaben zu lösen. Es braucht internationale wissenschaftliche Netzwerke, es braucht Institutionen, die herausragende Forscherinnen und Forscher zusammenbringen und fördern – so wie es die Alexander von Humboldt-Stiftung seit Jahrzehnten tut.

Sie ermöglicht Jahr für Jahr mehr als 2.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus aller Welt einen Aufenthalt in Deutschland, um hier zu forschen, zu lehren und zu leben. Das ist für die Menschen, die zu uns kommen, eine große Chance – aber ich füge ausdrücklich hinzu: auch eine große Chance für unser Land, denn der Wissenschaftsstandort Deutschland wird dadurch internationaler und weltweit sichtbarer. Wir gewinnen an Weltoffenheit – das tut uns auch als Gesellschaft gut. Ich danke Ihnen, lieber Professor Schlögl, und Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für die hervorragende Arbeit der Alexander von Humboldt-Stiftung!

Ja, für die heutigen Herausforderungen Lösungen zu finden, ist ohne internationalen Austausch gar nicht möglich. Und das nicht nur, weil wir das Know-how der Besten aus aller Welt benötigen. Nein, die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind globale: Sei es der Klimawandel oder die Verbreitung von Viren, sei es die Energieversorgung, Künstliche Intelligenz oder Migration. Es ist daher ein wichtiger und notwendiger Schritt, dass wir mit der „Global Mind Initiative Germany“ noch mehr ausländische Spitzenwissenschaftlerinnen und Spitzenwissenschaftler nach Deutschland holen und ihnen noch bessere Bedingungen bieten können.

Diese Kooperationen sind auch ein Beitrag zur Wissenschaftsfreiheit, die in Deutschland Verfassungsrang genießt. Der freie Austausch von Daten, von Erkenntnissen, der freie wissenschaftliche Diskurs – das sind die Bausteine für erfolgreiche Forschung. Doch – wer wüsste das besser als Sie – es gab schon bessere Zeiten für wissenschaftliches Arbeiten. Der freie und faire wissenschaftliche Wettbewerb ist vielerorts eingeschränkt oder gar nicht mehr möglich. Mit manchen Ländern ist die Zusammenarbeit in der Forschung deutlich schwieriger geworden, in autokratisch geführten Staaten zumal. Und selbst der wohl bedeutendste Wissenschaftsstandort der Welt, die USA, ist aktuell durch staatliche Bevormundung geprägt – dass es einmal dazu kommen könnte, das hätten sich die meisten von uns auch noch nicht vor Jahren vorstellen können.

Die Wissenschaft stehe vor einer Belastungsprobe, das hat jüngst der Vorsitzende des deutschen Wissenschaftsrates, Wolfgang Wick, zum Ausdruck gebracht. Er warnte vor nationaler Abschottung – und betonte, dass an Kooperation auch in Zukunft kein Weg vorbeiführen wird: „Souveränität und Zusammenarbeit sind kein Widerspruch, sondern die Voraussetzung dafür, dass Wissenschaft auch in Zukunft verlässlich, offen und innovativ bleibt.“

Ja, Wissenschaft muss unbedingt offen bleiben – und doch wird sie genau dadurch vulnerabel. Das ist ein kaum aufzulösendes Dilemma. Bedrohungen durch Spionage, durch Cyberangriffe oder den Missbrauch von Forschungsdaten stellen die Forschungssicherheit in Frage. Es erfordert neue Anstrengungen, um die grenzüberschreitende Kooperation trotzdem zu erhalten und um Exzellenz zu erzielen. Und es geht um noch mehr: Wissenschaftsdiplomatie hat schon häufig da Türen geöffnet und Brücken gebaut, wo das in anderen Bereichen zwischen Staaten nicht, noch nicht oder nicht mehr möglich war. Bewahren wir diese Brücken – auch wenn wir leider stärker kontrollieren müssen, wer sie betreten darf. Damit schützen wir Sie, Ihre Arbeit und letztlich uns alle.

Liebe Gäste, Sie sind Wissenschaftsdiplomatinnen und -diplomaten im besten Sinne. Ihre Arbeit ist gelebte Wissenschaftsfreiheit. Sie stärken die internationale Wissenschaftscommunity und kommen damit auch Ihrer Verantwortung für die Demokratie nach. Für Demokratien sind informierte öffentliche Debatten und fundierte Analysen überlebensnotwendig. Nur dann können die Bürgerinnen und Bürger gut informiert demokratische Entscheidungen treffen, und das ist unabdingbar, unverzichtbar für die Demokratie. Nur dann lässt sich die Zukunft gestalten, nur dann kann Transformation gelingen. Deshalb hat der Schutz der Wissenschaftsfreiheit bei uns oberste Priorität. Wissenschaftsfreiheit ist unverzichtbar.

Ich danke Ihnen, dass Sie hier in Deutschland forschen und arbeiten, und wünsche Ihnen und Ihren Familien einen schönen Aufenthalt, der vielleicht zu einer bleibenden Verbindung zu unserem Land führt. Und ich möchte noch einmal der Alexander-von-Humboldt-Stiftung danken für die Möglichkeiten, die Sie den Stipendiatinnen und Stipendiaten bieten, und für Ihr Engagement, um deren Zeit bei uns so angenehm wie möglich zu gestalten.

Und jetzt freue ich mich sehr, mit Ihnen, liebe Gäste, ins Gespräch zu kommen, und wünsche Ihnen und uns allen interessante und anregende Stunden!