Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier

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Ich erinnere mich gut, wie ich drei Tage nach der verheerenden Flut in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen in den zerstörten Gemeinden hier im Rhein-Erft-Kreis stand. Das Wasser zog sich gerade erst zurück. Und erst jetzt wurde das ganze Ausmaß der Verwüstung sichtbar. Die zerstörten Häuser. Die aufgerissenen Straßen. Verwüstete Friedhöfe. Der Schlamm, der überall war – in den Kellern, in den Küchen, in den Kinderzimmern. Ich erinnere mich auch gut an die Gespräche aus diesen Stunden: mit einem Feuerwehrmann, der tagelang kaum geschlafen hatte, erschöpft, mit den Tränen kämpfend. Mit einer Frau, die vor den Trümmern ihres Hauses stand, weinend, und gar nicht wusste, was werden sollte. Menschen, denen wenig geblieben war außer ihrer Hoffnung. Und diese Hoffnung, das habe ich auch damals vor fünf Jahren gesagt, dürfen wir nicht enttäuschen.

Fünf Jahre sind vergangen. Aber das Leid, das das schreckliche Hochwasser den Menschen vor fünf Jahren in unserem Land gebracht hat, es ist hier nach wie vor präsent, die Zeit hat noch nicht alle Wunden, vor allem viele Wunden an den Seelen, geheilt.

In Erftstadt-Blessem, das damals so stark getroffen war, wächst heute die Hoffnung – buchstäblich. In Erftstadt-Blessem wächst heute Wein. 180 Weißburgunder-Reben hat das dort ansässige Bürgerforum gepflanzt. Dort, wo vor fünf Jahren nur noch eine Abbruchkante zu sehen war, aufgerissene Erde, eine Kiesgrube, die das Wasser der Erft in sich aufgesogen hatte und die mit sich gerissen hatte, was vorher Straßen waren, Häuser, Leben.

In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 fiel hier im Westen unseres Landes innerhalb weniger Stunden so viel Regen wie sonst in einem ganzen Monat, mancherorts sogar deutlich mehr. Die kleinen Flüsse – die Erft, der Veybach, der Swistbach, Flüsse, an denen Menschen wohnten, scheinbar so beschaulich und vertraut, die man dort kannte seit Kindheitstagen –, sie wurden zu reißenden Gewalten.

Erftstadt-Blessem. Swisttal-Heimerzheim. Bad Münstereifel. Der Rhein-Erft-Kreis, der Rhein-Sieg-Kreis, der Oberbergische Kreis, der Kreis Euskirchen: In diesen Orten und vielen anderen wurden in jener Nacht Menschen in ihren Häusern vom Wasser überrascht, harrten auf Dächern aus, in Todesangst, mussten gerettet werden. Alles rissen die Fluten mit. Ganze Ortschaften wurden evakuiert. Menschen verließen ihre Häuser nur mit dem, was sie am Leib trugen, wussten nicht, wann sie zurückkehren würden. Und ob noch etwas da sein würde, zu dem sie zurückkehren könnten. Sie warteten, irgendwo, bei Verwandten, in Notunterkünften, in Sorge um ihre Liebsten, um ihre Nachbarn, Freunde, Kollegen. Und sie dachten an das, was sie zurückgelassen hatten. An die Familienfotos im Regal. An das verlassene Kinderzimmer. An die Küche, in der sie noch am Abend gemeinsam gegessen hatten. Und selbst für die, die später zurückkehren konnten, war nichts mehr wie zuvor.

Wir sind heute hier zusammengekommen, um der Menschen zu gedenken, die in der Hochwasserkatastrophe vor fünf Jahren ihr Leben verloren haben. 49 Menschen in Nordrhein-Westfalen. 136 Menschen in Rheinland-Pfalz. Menschen, die morgens noch unter uns waren. Hinter jeder dieser Zahlen steht ein Mensch, eine Familie, eine Geschichte. Menschen, die geliebt wurden und die fehlen – bis heute. Nichts mehr ist wie zuvor im Leben derer, die um ihre Liebsten trauern. Ihren Schmerz können wir kaum ermessen. Ich möchte Ihnen heute erneut mein tiefes Beileid und meine Anteilnahme aussprechen. Wir, das ganze Land, stehen an Ihrer Seite. Wir trauern heute, fünf Jahre später, mit Ihnen. Sie sind nicht allein, das habe ich Ihnen damals versprochen.

Ich kann nur erahnen, welche Gefühle Sie in diesen Tagen heimsuchen. Aber ich weiß: Immer, wenn sich ein solches Leid jährt, wächst auch die Trauer wieder, bricht manches wieder auf. In diesen Tagen, in diesen Nächten ist das Vergangene, sind die Ängste wieder ganz nah, auch wenn man doch eigentlich nach vorn schauen möchte.

Fünf Jahre sind nicht lang genug, um zu verdrängen, erst recht nicht, um zu vergessen. Zu groß war das Leid, die Zerstörung, der Verlust. Sie alle haben das miterlebt. Aber auch das wollen wir nicht vergessen: Es gab Solidarität in ungeahntem Ausmaß. Die Menschen haben nicht aufgegeben. Sie haben weitergemacht, sich gegenseitig unterstützt, erst einmal die schlimmsten Verwüstungen beseitigt. Helfende Hände, Freiwillige, die sich von überall auf den Weg machten. Menschen, die ihre Schaufeln ins Auto luden und einfach losfuhren. Die nicht abwarteten. Sie kamen aus Wermelskirchen und aus Köln, aus dem Ruhrgebiet und aus Berlin, aus dem ganzen Land. Sie kamen mit Schaufeln und Eimern, mit Helmen und Werkzeug, manche mit Kuchen, den sie gebacken hatten, und alle mit der Bereitschaft zu sagen: Ich bin da, was kann ich tun? An manchen Wochenenden waren es Tausende. Tag für Tag, über Wochen und Monate hinweg, auch als die Fernsehkameras längst wieder abgezogen waren.

Als Bundespräsident bin ich auch heute, fünf Jahre später, dankbar für diese große, für diese überwältigende Hilfsbereitschaft. Und auch heute, fünf Jahre später, weiß ich: In der Stunde der Not sind wir ein starkes, solidarisches Land. Wir helfen einander. Wir stehen zusammen. Zusammenhalt, wenn es darauf ankommt – auch das haben Sie erlebt.

Und deshalb möchte ich auch heute einigen in diesem Saal ganz besonders danken: den Einsatzkräften von Feuerwehr, DLRG, Polizei, Rotem Kreuz, der Bundeswehr, Technischem Hilfswerk, Maltesern, Johannitern und zahlreichen weiteren Hilfsorganisationen. Danke im Namen unseres ganzen Landes! Viele von Ihnen kamen in diesen schlimmen Tagen kaum einmal nach Hause, oft bis zur vollkommenen Erschöpfung haben Sie damals gearbeitet, Leben gerettet, Eigentum geschützt, Dämme gehalten. Unzählige mutige Menschen wie der Polizeitaucher Patrick Reichelt aus Heimerzheim, der in dieser Nacht Dutzende Menschen rettete und dafür sein eigenes Leben riskierte. Auch das zeigt, wen diese Flut getroffen hat: Menschen in allen Lebensbereichen, bei der Arbeit, in ihren Familien, in der Heimat, die ihnen lieb und teuer war.

Denn diese Katastrophe unterschied nicht zwischen ihren Opfern. Sie machte auch nicht an Grenzen Halt; nicht an Landesgrenzen, nicht an Staatsgrenzen.

Ich war heute Morgen im Ahrtal in Rheinland-Pfalz, auf einem Friedhof bei einer Ausstellung. Ich habe Geschichten von Betroffenen gehört, die noch immer mit der Erinnerung an diese Nacht kämpfen. Aber ich habe auch Geschichten gehört, die voller Hoffnung waren, auch auf das, was an Neuem entsteht. Geschichten wie die des Winzers aus Dernau im Ahrtal, der das Weinprojekt in Erftstadt-Blessem, von dem ich eingangs sprach, unterstützt. Geschichten von Menschen, die selbst in Not waren und anderen in Not halfen.

Auch unsere europäischen Nachbarn blieben nicht verschont. Luxemburg und Belgien wurden in derselben Nacht von diesen unvorstellbaren Wassermassen getroffen. Ganze Landstriche in der wallonischen Region, in der Provinz Lüttich wurden verwüstet. Auch dort starben Menschen. Auch dort standen Menschen vor den Trümmern ihres Lebens. Und auch dort entstand Solidarität: Hilfskräfte, die über die Grenze kamen; gegenseitige Unterstützung, ohne lange zu fragen, wer zuständig ist. Wir gedenken heute auch der Opfer in unseren Nachbarländern. Als Europäer und Nachbarn trauern wir gemeinsam. Als Europäer und Nachbarn stehen wir zusammen.

Nicht nur die Solidarität, auch der Wandel unseres Klimas kennt keine Grenzen. Seine Folgen haben uns in Europa längst erreicht – vor Kurzem haben wir hier in Deutschland eine beispiellose Hitzewelle erlebt, und sie hält noch an. Extremwetterereignisse werden häufiger, sie werden heftiger. Ja, wir müssen uns besser schützen – mit Warnsystemen, die jeden erreichen, mit einem Hochwasserschutz, der auf diese Verhältnisse eingestellt ist, mit Kommunen, die vorbereitet sind. Nordrhein-Westfalen hat nach 2021 diesen Weg eingeschlagen, und dafür danke ich Ihnen. Warnsysteme wurden verbessert, Cell Broadcast eingeführt, der Katastrophenschutz gestärkt. Diesen Weg müssen wir gemeinsam weitergehen. Aber, auch daran gibt es keinen Zweifel, weder beim Kampf gegen die Ursachen solcher Katastrophen noch beim Bemühen, unser Land widerstandfähiger gegen Hitze, Dürre und Extremwetter zu machen, sind wir, ist Deutschland, ist Europa schon da, wo wir sein müssten.

Die Flut von 2021 war eine Warnung. Eine unmissverständliche. Wir schulden den Menschen, die in jener Nacht alles verloren haben, den ernsthaften, konsequenten Willen, dafür zu sorgen, dass wir auf solche Katastrophen besser vorbereitet sind und dass wir das uns Mögliche gegen den fortschreitenden Klimawandel tun. Fünf Jahre Flut an der Ahr und an der Erft sind eine Mahnung: Wir dürfen den Klimaschutz in unserem Industrieland nicht aus den Augen verlieren! Wir haben Gewicht und Einfluss, um uns auch international mit den Mitteln der Diplomatie, der Technologie- und Wirtschaftskooperation für den Klimaschutz einzusetzen. Nur so und nur als globale Verantwortungsgemeinschaft haben wir eine Chance, den Trend umzukehren und die menschliche Zivilisation auf nachhaltige Grundlagen zu stellen. All das schulden wir uns selbst, wir schulden es aber vor allem den nachkommenden Generationen.

Fünf Jahre nach dem verheerenden Hochwasser 2021 hat sich vieles verändert in den betroffenen Gemeinden: Kneipen, die es nicht mehr gibt, Hotels und Ausflugsziele, die verschwunden sind, Orte, die heute anders aussehen als zuvor. Das ist ein Verlust, den viele heute noch jeden Tag spüren. Und es gibt Menschen, die sich danach sehnen, endlich sagen zu können: Das liegt hinter uns. Ich verstehe diese Sehnsucht. Und ich weiß, dass ein solcher Abschluss für viele noch nicht möglich ist. Die Wunden sind längst nicht alle verheilt, und trotzdem ist auch Neues entstanden, Neues, auf das sich Zuversicht gründen kann. Begegnungsstätten, die es vorher nicht gab. Ein Gemeinschaftsgefühl, das gewachsen ist aus der gemeinsamen Erfahrung des Verlustes. Eine gemeinsame Trauer, ja. Aber vielleicht langsam auch gemeinsame Freude über das, was man gemeinsam geschafft hat.

Ich komme aus Nordrhein-Westfalen. Ich kenne die Menschen hier im Land, ich kenne ihre Beharrlichkeit, ihre stille Entschlossenheit, Schwierigkeiten anzunehmen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Das hat das Land schon im großen Strukturwandel bewiesen. Und das hat sich auch nach dem verheerenden Hochwasser 2021 gezeigt. Als so vieles fortgerissen war, hat sich offenbart, was trägt: Menschlichkeit, Zusammenhalt. Das allein hat nicht sofort jedes Haus wieder aufgebaut. Aber es hat Hoffnung aufgebaut. Wenn ich an all jene denke, die in jener Nacht alles verloren haben und trotzdem nicht aufgegeben haben, die angepackt haben, die füreinander da waren, dann weiß ich: Dieses Land ist stark. Die Menschen sind stark. Darauf dürfen Sie gemeinsam miteinander stolz sein!

In Erftstadt-Blessem, zwischen den 180 Weißburgunder-Reben, steht inzwischen auch eine Stele aus französischem Schiefer. An ihr befestigt ist eine Hochwassermarke. Sie zeigt 1,31 Meter. So hoch stand hier das Wasser, als die Menschen im Juli 2021 ihre Häuser verließen. Als alles wegbrach. Nun steht die erste Weinlese kurz bevor. Das Leben ist zurückgekehrt. Und etwas ganz Neues wächst – während die Erinnerung bleibt. Und die Stele bleibt. Auf ihr steht geschrieben: Wo Wasser trennte, hat Menschlichkeit verbunden. Und die Botschaft ist Vergewisserung, Mahnung und Auftrag zugleich: Wir vergessen nicht! Wir vergessen Sie nicht. Wir stehen an Ihrer Seite, heute und so lange es nötig ist. In Menschlichkeit verbunden.