bei einem Abendessen für den Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) am 9. September 2026 in Berlin:
- Bulletin 85-2
- 12. September 2026
Ich freue mich sehr, heute hier bei Ihnen zu sein und damit gewissermaßen den Staffelstab von meinem geschätzten Amtskollegen Sergio Mattarella zu übernehmen, der Sie im vergangenen Jahr in Florenz willkommen geheißen hat. Ich weiß, dass Sie von Berufs wegen Effizienz und Wirtschaftlichkeit schätzen, lassen Sie mich deshalb direkt zur Sache kommen.
Unser Treffen heute ist eines in außergewöhnlichen Zeiten – einer Zeit, in der die Weltordnung von Kriegen und Krisen umgewälzt, die Weltwirtschaft von immer neuen Schocks erschüttert wird, in der manche – selbst langjährige – Partner der Faszination des Autoritären erliegen, sodass sie Rücksichtslosigkeit mit Stärke und Regellosigkeit mit Klugheit verwechseln, eine Zeit, in der Konfrontation vielerorts höher im Kurs steht als Kooperation. […]
Wir leben in herausfordernden Zeiten. Um in solchen Zeiten zu bestehen, müssen wir Europäer uns auf unsere Stärken besinnen: Wir bauen auf Zusammenarbeit, Verlässlichkeit und Vertrauen, auf die Werte, die uns in Europa ausmachen und uns zu dem gemacht haben, was wir sind. Aber es wird nicht reichen, uns auf dem Erreichten auszuruhen. Sicher ist: Die alte Ordnung wird nicht wiederherzustellen sein. Wir müssen Alternativen zu ihr finden. Und ich meine, diese Alternative muss eine europäische sein, mit einem Europa, das politisch mehr Verantwortung übernimmt, das selbstbewusst und handlungsfähig ist.
In einer solchen Zeit ist die EZB wichtiger denn je. Wenn es ein Wort gibt, das ich wie kein zweites mit der EZB verbinde, dann ist es das: Stabilität. Damit meine ich natürlich erst einmal Preisstabilität, die im Zentrum Ihres Handelns steht. Ich meine aber ganz ausdrücklich auch die Verdienste, die Sie sich um die Stabilität unseres gemeinsamen Europas erworben haben – vor allem in der Banken- und Finanzkrise. Damals mussten Sie, so habe ich es zu Ihrem früheren Präsidenten Mario Draghi gesagt, „in einem Szenario handeln, für das es kein europäisches Drehbuch gab“. Damals, daran erinnere ich mich sehr genau, haben viele, vor allem hier in Deutschland, der EZB den Vorwurf gemacht, sich eine politische Rolle anzumaßen. Aus heutiger Sicht herrscht eher Dankbarkeit, dass die EZB damals diese Rolle eingenommen hat – in einer Zeit, in der Europas Regierungen uneinig waren über die Anwendung der Kriseninstrumente. Aber, und das ist entscheidend: Sie hatten letztlich Erfolg. Sie haben die Eurozone und damit die Europäische Union (EU) vor dem Auseinanderbrechen bewahrt. Und das ist aller Anerkennung wert!
Europa und seine liberalen Demokratien politisch stabil zu halten, wird jedoch auf absehbare Zeit eine Herausforderung bleiben. Und die Preisstabilität unseres Währungsraumes zu sichern, Sorge dafür zu tragen, dass sich der Euro im Wettbewerb der Währungen gut behauptet, das wird mit darüber entscheiden, ob uns das gelingen wird. Dass die EU an Strahlkraft verloren hat, ist spätestens seit dem Brexit offenkundig geworden. Auch die jüngste Abstimmung in Island hat gezeigt, dass ökonomische Argumente nicht ausreichen, um Menschen für dieses Projekt zu gewinnen. Aber ich sehe trotzdem Signale der Hoffnung, wenn ich etwa nach Ungarn blicke, das sich wieder für mehr Europa entschieden hat.
Ein robustes und demokratisches Europa lebt vor allem von starken, funktionierenden Institutionen – auch und nicht zuletzt in den Mitgliedstaaten –, Institutionen, die – und das halte ich für ganz entscheidend – das Vertrauen der Menschen genießen: selbstbewusste Parlamente und verantwortungsvoll agierende Regierungen, eine Verwaltung, die nach Recht und Gesetz arbeitet, eine unabhängige Justiz und eine freie, vielfältige Medienlandschaft. Aber es braucht eben auch unabhängige Notenbanken, die souverän und mit Sachverstand und Vernunft Entscheidungen treffen, immer mit dem Bewusstsein, wie weitreichend die Folgen dieser Entscheidungen für die Menschen in Europa und der ganzen Welt sind.
Ich sprach gerade vom Vertrauen, auf das demokratische Institutionen angewiesen sind: Wir erleben leider, wie dieses Vertrauen bröckelt, wie es massiv und kalkuliert beschädigt und untergraben wird – sei es, um finanziellen Profit daraus zu schlagen, wenn Staaten und Märkte ins Chaos stürzen, sei es aus politischem Kalkül; oder beides zugleich. Das Resultat geht immer auf Kosten der liberalen Demokratien in aller Welt. Umso enger müssen wir als Europäer zusammenstehen – auch, wenn es um unsere Währung und die Institutionen geht, die sie hüten.
Wer weiß das besser als Sie? Schwankende Preise und volatile Wechselkurse können Bilanzen wanken und Verträge platzen lassen. Sie können Unternehmen ins Schlingern bringen und damit die Lebensplanung ganzer Familien aus der Bahn werfen. Wo die Ersparnisse der Bürgerinnen und Bürger auf dem Spiel stehen, wachsen schnell auch die individuellen Sorgen um die Zukunft – Sorgen, die sich leider allzu leicht in antidemokratische und antieuropäische Ressentiments ummünzen lassen. Umso herzlicher danke ich Ihnen für Ihre Arbeit für einen stabilen Euro und ein robustes und demokratisches Europa und seine Menschen!
Die Europäische Zentralbank steht als supranationale Einrichtung für eine Form der europäischen Integration, die sich dem Zeitgeist von Nationalismus und Protektionismus entgegenstellt. Zugleich hat insbesondere die Einführung des Euro deutlich gemacht, dass es bei Währungen auch um Emotionen und kulturelle Prägungen geht. Mehr noch: Wir wissen, wie leicht sich Währungsfragen zu politischen Identitätsfragen stilisieren lassen. Auch die Feinde offener, freiheitlicher Gesellschaften haben das erkannt. Und genau deshalb haben sie – neben vielen anderen Errungenschaften der europäischen Integration – auch den Euro und die EZB als Zielscheiben für ihre Attacken entdeckt: Diese Kräfte befeuern gezielt Inflationsängste und untergraben damit den Zusammenhalt der Eurozone. Das ist eine gefährliche Entwicklung, der wir gemeinsam entgegentreten müssen!
In Deutschland wissen wir: Der Weg kann kurz sein von der – zunächst eher akademischen – Skepsis gegenüber dem Euro bis zu Ideen und Ideologien, die sich nicht nur gegen das wissenschaftliche Denken richten – gegen Logik, Vernunft und das Streben nach Objektivität –, sondern gegen die Demokratie insgesamt. Für umso wichtiger halte ich es, über europäische Geldpolitik auf Basis klarer Fakten und argumentativer Schlüssigkeit zu debattieren. Und genau das tun Sie im EZB-Rat: mit einem klaren Blick auf globale Herausforderungen und die zu erwartenden Folgen. Die jüngsten Entwicklungen in den globalen Anleihenmärkten erfordern unsere Aufmerksamkeit und zeigen, wie wichtig es ist, dass die Eurostaaten hier eine nachhaltige und verlässliche Politik verfolgen.
Ebenso gilt es, die digitale Transformation aufmerksam im Blick zu behalten, die nicht zuletzt zum Aufstieg von Kryptowährungen führt. Auch hier sollten wir, so meine ich, die Gefahren klar im Auge haben. Denn diese Währungen entwickeln sich doch genau da wildwüchsig, wo Rechtsstaatlichkeit und Demokratie angefochten sind oder ignoriert werden.
Mit der neuen Weltunordnung sind auch in der Welt der Wirtschaft neue Unsicherheiten entstanden, nicht zuletzt an den Finanzmärkten: Auch hier ist Vertrauen eine der wertvollsten Ressourcen. Und es geht vor allem dort verloren, wo Regeln willkürlich außer Kraft gesetzt, die Unabhängigkeit von Institutionen infrage gestellt und politischer Druck auf die verantwortlichen Entscheider ausgeübt wird; oder wo man die bewährte internationale Zusammenarbeit hintanstellt und – geradezu in Wildwest-Manier – währungspolitische Interventionen startet, ohne sich solide und umfassend abzustimmen. Dabei ist doch das Gegenteil richtig: Verlässliches Handeln schafft Vertrauen. Und genau dafür steht die EZB.
Genau deshalb genießt die EZB weltweit einen guten Ruf. Und genau deshalb ist sie ein Standortvorteil für Europa und Deutschland. Mehr noch: Sie ist ein Pfeiler der Beständigkeit für die gesamte Weltwirtschaft.
Ich danke Ihnen allen für Ihre so wichtige Arbeit. Und ich weiß, dass Sie Ihre Entscheidungen auch in Zukunft mit Weitblick, Sorgfalt und größtem Verantwortungsbewusstsein treffen werden. Dieser Dank geht insbesondere auch an Sie, liebe Frau Lagarde, für Ihre ebenso souveräne wie professionelle Amtsführung, mit der Sie das Schiff EZB in den vergangenen Jahren auf Kurs gehalten haben.
Herzlichen Dank!