Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier

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Ich habe nicht nachgezählt, wie oft ich hier in diesem wunderschönen Palais Beauharnais zu Gast war. Es ist jedes Mal ein erhebendes Gefühl, durch die Räume im Empirestil zu gehen oder hier draußen im Garten zu sprechen. Heute aber ist es etwas ganz Besonderes, hier zu sein, aus mehreren Gründen. Zumindest als Bundespräsident – und verzeihen Sie, wenn ich das mit einer gewissen Wehmut sage – bin ich heute zum letzten Mal hier. Aber ich freue mich sehr, dass wir heute die deutsche und die europäische Einheit miteinander feiern – und das bei einem Staatsbesuch. Ein schöneres Geschenk in den letzten Monaten meiner Amtszeit – einen Staatsbesuch in unserem Nachbarland, dem wir Deutsche uns, dem auch ich persönlich mich so tief verbunden fühle – hätte ich mir nicht vorstellen können. Ich bin meinem Kollegen und Freund Emmanuel Macron zutiefst dankbar dafür. Meine Frau und ich begrüßen Sie alle herzlich und freuen uns, dass Sie hier sind!

Mehr als 60 Jahre ist es nun her, dass Charles de Gaulle und Konrad Adenauer den Élysée-Vertrag unterzeichneten. Es war nicht weniger als ein Wunder, legte er doch das Fundament für die Aussöhnung zwischen unseren beiden Ländern, den beiden großen Ländern im Herzen Europas, die sich viele Jahrhunderte als Rivalen, ja als erbitterte Feinde gegenübergestanden hatten. Mit dem Élysée-Vertrag erfüllte sich, was der große Victor Hugo schon mehr als 100 Jahre zuvor – entgegen jeglichem Zeitgeist und geradezu visionär – in seinen fiktiven Briefen von seinen Reisen entlang des Rheins beschrieben hatte; über jenes Land, in dem er lebte wie ein Deutscher und mit Servietten so groß wie die Schnupftücher speiste und auf Betttüchern so groß wie Servietten schlief. Deutschland und Frankreich seien wesentlich Europa, schrieb er in seiner Conclusion: „Deutschland ist das Herz, Frankreich ist der Kopf.“ – „La France et l'Allemagne sont essentiellement l'Europe. L'Allemagne est le cœur, la France est la tête.“

Lassen wir einmal dahingestellt, ob wir heutigen Franzosen und Deutsche uns in dieser anatomischen Zuschreibung so ganz wiederfinden. Aber Vernunft und Herz, beides hat die Annäherung nach dem Zweiten Weltkrieg, beides hat die deutsch-französische Freundschaft überhaupt erst möglich gemacht. Und Vernunft und Herz, das bewies Frankreich auch, als es, trotz mancher Zweifel und Befürchtungen, der Einheit unseres Landes vor 36 Jahren – wir haben den Jahrestag gerade in einem Festakt in Bremen gefeiert – zugestimmt hat. Die Einheit, die nicht möglich gewesen wäre ohne den Mut der Menschen in der DDR, die die Mauer zu Fall gebracht hatten – sie war und ist ein riesiges Glück für uns Deutsche!

Vernunft und Herz, das braucht Europa auch wieder, in einer Zeit der Kriege und Krisen, in der unsere Demokratien angefochten sind wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr – von außen und von innen. Darauf kann es nur eine Antwort geben. Europa muss jetzt erst recht geeint und selbstbewusst für die Werte eintreten, die uns zu dem gemacht haben, was wir sind: die Achtung der Menschenwürde, Frieden, Freiheit, Demokratie.

Frankreich und Deutschland verbindet eine lange gemeinsame Geschichte. „Geschichte bemüht sich um besseres Verstehen“, hat Marc Bloch einmal gesagt, der von den Nationalsozialisten ermordete jüdische Historiker und Widerstandskämpfer. Morgen werden wir ihm gemeinsam mit Präsident Macron im Panthéon die Ehre erweisen.

Und so selbstverständlich der deutsch-französische Alltag heute scheint, so sollte der Geist von Bloch, das bessere Verstehen und Verständnis füreinander, doch auch in Zukunft die Triebfeder unserer Freundschaft sein. Deshalb bin ich besonders froh, dass wir morgen ein neues Abkommen für das Deutsch-Französische Jugendwerk unterzeichnen, ein Versprechen für eine neue Generation junger Deutscher und Franzosen, die einander verstehen, schätzen und lieben lernen will.

Wenn ich über Geschichte spreche, dann kann ich am heutigen Tag einen dunklen Schatten über der jüngeren Geschichte nicht unerwähnt lassen. Der 7. Oktober vor drei Jahren war der Tag, an dem Terroristen der Hamas mit unvorstellbarer Grausamkeit Kinder, Frauen, Männer, Junge, Alte ermordeten, der Tag, an dem der Traum Israels von einer sicheren Heimstatt für Jüdinnen und Juden brutal erschüttert wurde. Wir vergessen diesen Tag, das Leid, das er für so viele Menschen gebracht hat, nicht. Wir vergessen auch das Leid seither nicht, das Leiden der Palästinenserinnen und Palästinenser, die vielen Toten im Nahen und Mittleren Osten. Dieser Tag erinnert uns eindringlich daran, wie sehr es in dieser düsteren Zeit unseren Einsatz für Frieden und Sicherheit braucht, den Einsatz Frankreichs und Deutschlands, und eine starke, geeinte europäische Politik.

Ich glaube, uns allen hier ist sehr bewusst, dass dieser Staatsbesuch in schwierigen Zeiten stattfindet, hier in Frankreich und auch in meinem Land. Und natürlich wird ein Staatsbesuch allein nicht alle Aufgaben lösen, nicht alle dunklen Wolken beiseiteschieben können – aber ein Lichtblick, eine Ermutigung für unsere Zusammenarbeit, das kann und soll dieser Besuch sein!

Auch deshalb bin ich froh, dass Sie alle heute Abend hier sind und dass viele hochstehende Persönlichkeiten aus Deutschland diesen Staatsbesuch begleiten: Künstler, Unternehmer, Schriftsteller, Ministerinnen und Ministerpräsidenten – danke für Ihr Kommen! Und einen ganz großen Dank dem deutschen Botschafter, meinem alten Freund Stephan Steinlein, dem ich sehr viel zu verdanken habe, und auch seiner Frau Françoise, dass sie uns heute die Türen ins Palais Beauharnais geöffnet haben. Und jetzt wünsche ich uns allen einen schönen Abend mit vielen Gesprächen!