bei einem Empfang des Botschafters der Bundesrepublik Deutschland in China am 29. Oktober 2026 in Peking:
- Bulletin 106-2
- 30. Oktober 2026
Im Februar 1701 schrieb ein Gelehrter in Deutschland, in Hannover einen Brief nach Peking. Gottfried Wilhelm Leibniz erklärte darin seinem Freund, dem Jesuitenpater Joachim Bouvet, eine Idee, an der er lange getüftelt hatte: alle Zahlen mit nur zwei Zeichen zu schreiben, mit der Null und der Eins.
Diese Erkenntnis seines Freundes erinnerte Bouvet, der hier in Peking am Hof des Kangxi-Kaisers lebte, an etwas anderes: Im Buch der Wandlungen, dem I Ging, einem der ältesten und einflussreichsten traditionellen Texte Chinas, stehen 64 Zeichen. Sogenannte Hexagramme, zusammengesetzt jeweils aus sechs übereinanderliegenden Linien, die entweder durchgezogen oder unterbrochen sind. Liest man die eine Linie als Eins und die andere als Null, dann zählen diese uralten Zeichen in ihrer klassischen Anordnung von 0 bis 63. Bouvet schickte seine Entdeckung zurück nach Hannover, und Leibniz war begeistert. Die alten chinesischen Gelehrten, davon war er überzeugt, waren bereits vor 3.000 Jahren Mathematiker.
Man kann sagen: Der binäre Zahlencode, mit dem heute jedes Smartphone in allen Jacken, Taschen und Jackentaschen in diesem Saal hier operiert, hat also auch eine chinesisch-deutsche Geschichte. Ich weiß, wir haben hier Mathematiker im Raum. Sie verzeihen mir, dass ich diese komplexe Geschichte ein wenig vereinfacht habe.
Und doch möchte ich bei dieser kleinen Anekdote natürlich nicht stehen bleiben. Denn für Computer mögen zwei Zustände, Null und Eins, ausreichen. Für den Blick unserer beiden Länder aufeinander reichen sie nicht. China ist zu wichtig für derartige Vereinfachung, zu gewichtig – wirtschaftlich, aber erst recht geopolitisch. Wer nur zwischen Bewunderung und Ablehnung, zwischen Partner und Rivale hin- und herschaltet, der übersieht das, was dazwischenliegt. Der verpasst die Wirklichkeit.
Um dieses „bigger picture“ geht es mir auch bei dieser Reise. Sie führte uns deshalb nicht nur an die Orte, die man mit dem deutsch-chinesischen Wirtschaftsboom verbindet, sondern führte uns auch noch einmal weiter zurück: in die Berge des Huangshan, die über Jahrhunderte Maler und Dichter inspiriert haben, in China und auch in Europa. Und in die Zeit um 1900, als Reformer in China nach neuen Wegen suchten und dabei auch den Austausch mit Deutschland suchten, in der Bildung und in der Verwaltung. Wie lang und wie reich die Geschichte unseres gegenseitigen Lernens doch ist! Und ich bin mehr denn je überzeugt: Lernen müssen wir auch weiterhin. Wir brauchen in Deutschland mehr China-Kenntnis! Mehr Menschen, die die Sprache sprechen, die Geschichte kennen und die Gegenwart verstehen.
Deutschland hat ein ungebrochenes Interesse an guten, an engen Beziehungen zu China. Gute Beziehungen erfordern faire Bedingungen, die für beide Seiten dauerhaft tragen. Das gilt nicht nur für unsere wirtschaftlichen Beziehungen. Auch auf politischer Ebene braucht es gerade in einer Zeit der Umbrüche eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Und ja, das erfordert selbstverständlich auch, dass jede Seite auch ihre eigenen Interessen im Blick behält. Das gehört zur Ehrlichkeit unter Partnern. Das ist kein Widerspruch in einer guten Partnerschaft. Es ist die Grundlage.
Mit Fairness kennt sich einer ganz besonders gut aus, der mich hier auf dieser Reise begleitet. Kaum ein Deutscher ist in China so bekannt wie Timo Boll. Millionen chinesischer Fans nennen ihn liebevoll „Onkel Boll“. Wir haben seine große Leistung bei den Olympischen Spielen 2008 in Erinnerung – aber vorher schon hat Timo Boll im Achtelfinale der Tischtennis-Weltmeisterschaft 2005 in Shanghai einmal einen Punkt zu seinem eigenen Nachteil korrigiert, den der Schiedsrichter gar nicht gesehen hatte. Er hat das Spiel verloren, aber dafür ein ganzes Land gewonnen. Mit Respekt und Fairness – ein gutes Beispiel auch für Bereiche jenseits des Sports.
Mich begleiten aber noch mehr Menschen, die die Beziehungen unserer Länder prägen. Ole Scheeren lebt und baut seit vielen Jahren in Peking und hat die Silhouette dieser Stadt mitgestaltet. Bei dieser Reise dabei sind auch Spitzen der Wissenschaft, von der Max-Planck-Gesellschaft bis zur Freien Universität Berlin, Kenner der chinesischen Kunst und Geschichte aus Köln, Dresden, Heidelberg und Freiburg, Brückenbauer aus Forschung und Wirtschaft. Sie alle zeigen: Austausch ist immer ein Gewinn für beide Seiten, wenn er mit ehrlichem Interesse und wachem Blick geschieht.
Gottfried Wilhelm Leibniz hat seine Hoffnung für den Austausch mit China vor mehr als 300 Jahren in einen schönen Satz gefasst: „Tauschen wir unsere Verdienste aus und entzünden wir Licht am Licht.“ Ein Licht, an dem man ein anderes entzündet, wird dadurch bekanntlich nicht kleiner. Aus eins wird nicht null, sondern sogar zwei.
In diesem Sinne bitte ich Sie, das Glas zu erheben auf den Austausch zwischen China und Deutschland, auf alle, die diesen Austausch tragen – und auf viele neue Lichter.
干杯 – Gānbēi!