zur Verleihung des Deutschen Umweltpreises am 25. Oktober 2026 in Aachen:
- Bulletin 105-2
- 25. Oktober 2026
Ich erinnere mich gut: 2017, vor fast zehn Jahren, konnte ich zum ersten Mal den Deutschen Umweltpreis überreichen – damals in Braunschweig. Und ich durfte seitdem jedes Jahr den Preisträgerinnen und Preisträgern bei einer solchen Veranstaltung wie heute hier in Aachen gratulieren, selbst wenn ich 2020 in der Coronapandemie nur per Videobotschaft mit dabei sein konnte. Dieser Preis ist mir von Jahr zu Jahr mehr ans Herz gewachsen: Von Jahr zu Jahr habe ich mit Neugier und Spannung auf diese Preisverleihung geschaut und mich gefreut, Menschen mit Engagement und innovativen Ideen kennenzulernen, Menschen, die unseren Planeten und unsere natürlichen Lebensgrundlagen schützen. Ich selbst habe viel gelernt in diesen zehn Jahren, deshalb erfüllt es mich fast ein wenig mit Wehmut, dass ich ihn heute zum letzten Mal überreichen darf. Umso schöner ist es, heute hier bei Ihnen in Aachen zu sein! Vielen Dank für die Einladung.
Das vergangene Jahrzehnt war politisch – um es vorsichtig zu formulieren – bewegt, auch was die öffentliche Aufmerksamkeit für die Themen anging, denen dieser Preis gewidmet ist. Es ging hin und her – leider zurzeit eher wieder „her“. Angesichts der Sorgen um Stabilität und Sicherheit sind aktuell bei vielen Menschen die Gedanken an Umwelt- und Klimaschutz etwas in den Hintergrund getreten. Zugleich aber, auch wenn das paradox klingt, spüren wir alle den Ernst der Lage ganz wortwörtlich, auch wir Europäer. Die Fieberkurve unseres Planeten zeigt deutlich nach oben.
Im vergangenen Sommer wurden bei uns und in unseren Nachbarländern erneut Temperaturrekorde gebrochen, weltweit haben wir die heißesten Monate seit Beginn der Aufzeichnungen erlebt. Und Sie alle erinnern sich an die dramatischen Bilder dieses Sommers: Die französische Atlantikküste stand lichterloh in Flammen, während gleichzeitig die Alpengletscher sich immer weiter zurückziehen, während die Felder verdorrten, die Flussbetten austrockneten, Schifffahrt auch auf unseren großen Flüssen kaum noch möglich war.
Vor allem für die besonders Verletzlichen in unserer Gesellschaft, für Kranke und für alte Menschen, waren die Folgen dieses Hitzesommers dramatisch – 16.000 zusätzliche Sterbefälle gab es laut dem Robert-Koch-Institut. Und dazu kommen noch die wirtschaftlichen Schäden in zweistelliger Milliardenhöhe, die wir alle zu tragen haben und die unsere ohnehin strapazierten öffentlichen Haushalte zusätzlich belasten. Und eines ist klar: Weitere noch heißere Sommer werden folgen.
Wir wissen auch: Gerade Europa trifft der Klimawandel besonders stark – unser Kontinent erwärmt sich mehr als doppelt so schnell wie alle anderen. Und darauf kann es, ganz unabhängig von den tagespolitischen Konjunkturen, von denen ich gesprochen habe, nur eine Antwort geben: Wir müssen uns nach Kräften gegen die Folgen der Erderwärmung wappnen, indem wir Treibhausgase reduzieren und vor allem die natürlichen Ressourcen schützen, die helfen, unser Klima zu stabilisieren: Böden und Wälder, Moore und Meere. Lassen Sie uns dazu wirklich jede Chance nutzen!
Diese Chancen gibt es! Und das ist genau, was den Umweltpreis so wertvoll macht: dass er uns zuverlässig jeden Oktober eine gehörige Portion Tatkraft und Hoffnung einimpft. Wir sind all dem nicht machtlos ausgeliefert, oder wie es der Klimaforscher Michael E. Mann sagt: „There is urgency, but there is agency, too!“ Wir können handeln, und wir wissen doch auch wie. Wir können die Erderwärmung aufhalten, wir können dafür sorgen, dass die Artenvielfalt nicht weiter schwindet, wir können dazu beitragen, dass wichtige Ökosysteme erhalten werden. Und ja, wir wissen auch, dass wir unsere Art zu leben, zu wirtschaften hinterfragen müssen. Warum? Um unseren Kindern und Enkeln einen lebenswerten Planeten zu hinterlassen.
Sicherlich, diese Aufgaben sind groß, zu groß, als dass einzelne Länder oder gar einzelne Menschen sie im Alleingang bewältigen könnten. Handeln müssen wir schon gemeinsam, als Weltgemeinschaft, als ganze Gesellschaft. Aber mich stimmt es optimistisch, dass der technologische Fortschritt uns auch immer wieder neue Chancen eröffnet, um die Dinge zum Besseren zu wenden. Es gibt wirksame Instrumente, um umzusteuern, und es kommen immer neue dazu. Ich denke da an verbesserte Recycling-Methoden oder an die Dekarbonisierung von Bauwirtschaft und Industrie. Aber ich zähle dazu auch ganz ausdrücklich die juristischen Instrumente, die uns unser Rechtsstaat zur Verfügung stellt.
Ich freue mich sehr, dass wir heute zwei Menschen auszeichnen, die zum einen für den technologischen Fortschritt, zum anderen für die Fortentwicklung des Rechts Herausragendes geleistet haben und uns auf diese Weise neue Instrumente an die Hand geben, Klima-, Umwelt- und Ressourcenschutz voranzutreiben.
Liebe Roda Verheyen, ein großes Nachrichtenmagazin hat Ihnen den Titel „Deutschlands bekannteste Klimaanwältin“ verliehen. Sie selbst beschreiben sich eher als „Möglichmacherin“. Und tatsächlich haben Sie als Juristin vielen Menschen Möglichkeiten aufgezeigt, für ihre Interessen zu streiten, wenn es um den menschengemachten Klimawandel und seine Folgen geht: Privatpersonen – von Pellworm bis Peru –, Bürgerinitiativen, zivilgesellschaftlichen Organisationen. Sie haben ihnen zur Seite gestanden und haben ihnen Gehör verschafft im Streit mit Konzernen und Regierungen, um unser aller „Recht auf Zukunft“, wie Sie es sagen, zu sichern.
So hatten Sie im Jahr 2021 mit Ihrer Verfassungsbeschwerde gegen das Klimaschutzgesetz entscheidenden Anteil daran, dass das Bundesverfassungsgericht sein Diktum zur Klimaneutralität bis 2045 gefällt hat. Der Beschluss erweiterte die heute zu schützenden Grundrechte und Freiheiten um diejenigen der kommenden Generationen, gewissermaßen als „intertemporale Freiheitssicherung“. Und ich gebe zu, dass ich als Jurist gespannt bin, wohin dieser Topos, wohin dieser Ansatz führt, wenn man ihn auf andere Rechtsbereiche überträgt. Aber eins ist sicher: Mit diesem Urteil wurde ein Stück deutscher Rechtsgeschichte geschrieben.
Liebe Frau Verheyen, Sie haben sich auch dafür eingesetzt, den Klimaschutz im Völkerrecht zu verankern. Mit Ihrer Unterstützung konnten die Schweizer KlimaSeniorinnen 2024 vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg ein wichtiges Urteil erwirken. Darin stellte ein internationales Gericht gegenüber einem Staat fest, dass mangelhafter Klimaschutz eine direkte Verletzung der Menschenrechte jedenfalls darstellen könne. Für Ihr Engagement im Kampf gegen den Klimawandel danke ich Ihnen und darf Ihnen ganz herzlich zum Deutschen Umweltpreis gratulieren!
Recht wird gesprochen, aber zunächst einmal wird es gesetzt – nicht zuletzt auf europäischer Ebene, wo Verordnungen und Richtlinien verhandelt und auf den Weg gebracht werden, die wiederum einen Großteil der nationalen Umweltgesetzgebung in Gang bringen. Der Europäischen Union ist es mit dem European Green Deal tatsächlich gelungen – und ja, es mangelte nicht an Skeptikern –, wirtschaftliches Wachstum und CO2-Ausstoß voneinander zu entkoppeln. Mit anderen Worten: Marktbasierte Klimapolitik und ökonomische Entwicklung zu kombinieren, das funktioniert – und eben nicht nur in der Theorie! Um diesen Weg weiterzugehen, brauchen wir rechtliche Leitplanken, ja, aber auch Kreativität und Erfindungsreichtum.
Lieber Klaus Vossenkaul, genau dafür stehen Sie als Technologie-Pionier in herausragender Art und Weise. Sie stammen aus Roetgen – Sie wissen also, dass es fast unmöglich ist, hier in Aachen eine Laudatio zu halten, ohne Karl zu erwähnen. In diesem Falle aber nicht Karl den Großen, den „Vater Europas“ – Sie ahnen es, es geht um KARL, die Europäische Kommunalabwasserrichtlinie. Sie soll durch zusätzliche Verfahren sicherstellen, dass gesundheitsschädliches Mikroplastik, gefährliche Keime und Krankheitserreger, aber auch Rückstände von Arzneimitteln aus dem Abwasser herausgefiltert werden. Bis Juli 2027 haben die Mitgliedstaaten Zeit, diese Richtlinie umzusetzen, und um dieses Ziel zu erreichen, sind öffentliche Investitionen und technische Innovationen notwendig.
Eine solche Innovation ist die von Ihnen weiterentwickelte Membrantechnologie. Sie ist im wahrsten Sinne ihrer Zeit – der KARL-Ära – weit voraus. Ihre Membranfilter aus Hohlfasern helfen, Kläranlagen nach- und umzurüsten, und das platz-, energie- und somit kostensparend. Die Zahlen sind beeindruckend: Verglichen mit herkömmlichen Membranmodulen, sind Ihre Anlagen bis zu 75 Prozent kleiner, und bei ihrer Reinigung können bis zu 90 Prozent Strom gespart werden. Wo Ihre Technologie zum Einsatz kommt, schont das zudem wertvolles Grundwasser, auf das nicht nur die Landwirtschaft dringend angewiesen ist. Wie Sie zu Recht betonen: „Abwasser ist eine der größten Ressourcen im Kampf gegen den Klimawandel.“ Ich glaube, das haben wir noch nicht alle verinnerlicht.
Sehr geehrter Herr Vossenkaul, Sie schützen mit Ihrer Arbeit unsere Lebensgrundlagen – und leisten auch noch einen Beitrag zur finanziellen Konsolidierung unseres Landes. Auch Ihnen meinen herzlichen Dank und meinen Glückwunsch zum diesjährigen Deutschen Umweltpreis!
Die Arbeit der Preisträgerin und des Preisträgers zeigt uns, worauf es ankommt, wenn wir unser Klima und unsere Umwelt erfolgreich schützen wollen: Es braucht technologischen und wissenschaftlichen Fortschritt. Es braucht klare und kluge rechtliche Regelungen. Und es braucht stabile und handlungsfähige Institutionen und eine internationale Ordnung, die einem Recht folgt, das seine Geltung nicht nur aus wirtschaftlicher und militärischer Stärke ableitet. Und deshalb sollten wir Errungenschaften wie die Vereinten Nationen und unser vereintes Europa stärken, gerade wenn es um Klimaschutz und Nachhaltigkeit geht.
Liebe Gäste, zum Schluss: Gemeinsam haben wir schon viel erreicht, und vielleicht scheint uns manches schon zu selbstverständlich im Alltag geworden – etwa, dass es in der EU seit 1992 gelungen ist, das weltweit größte Netz von Naturschutzgebieten über unseren Kontinent zu spannen, insgesamt 27.000 sind es inzwischen.
Solche Erfolge brauchen wir. Aber wenn ich das sage, weiß ich natürlich sehr genau und bin mir da einig mit Ihnen: Das alles darf kein Ruhekissen sein. Ich bin überzeugt, dass wir immer wieder um öffentliche Unterstützung werben müssen für das, was wir schon vereinbart haben, und für das, was wir in Zukunft erreichen wollen und müssen. Und genau das gelingt mit dem Deutschen Umweltpreis jedes Jahr aufs Neue.
Liebe Frau Verheyen, lieber Herr Vossenkaul, mit Ihnen haben bis heute 101 Personen den Deutschen Umweltpreis erhalten. Und genau wie die Preisträgerinnen und Preisträger vor Ihnen wirken Sie weit über den Tag hinaus. Sie geben ein Beispiel, Sie beeindrucken, Sie stiften andere zum Nachahmen an. Sie zeigen, dass jede und jeder Einzelne einen Unterschied machen kann. Und damit motivieren Sie andere, Ihrem Weg zu folgen, nämlich sich in den Dienst unserer Umwelt zu stellen, um sie zu schützen und zu erhalten für die nachfolgenden Generationen.
Dafür danke ich Ihnen von Herzen! Und nochmals ganz herzlichen Glückwunsch zum Deutschen Umweltpreis 2026!