zur Eröffnung des Bürgerfestes am 4. September 2026 in Bonn:
- Bulletin 80-1
- 7. September 2026
Es ist September, es ist Bürgerfest, und wir sind nicht in Berlin, nicht im Park von Bellevue. Nein, heute ist alles anders: Meine Frau und ich freuen uns riesig, Sie in Bonn begrüßen zu können. Was für ein toller Blick hier in den Park und den Garten der Villa Hammerschmidt. Herzlich willkommen zum Bürgerfest des Bundespräsidenten 2026.
„Musubu“ – das japanische Wort für Verbinden, Verknüpfen, dieses Wort ist das Motto des diesjährigen Bürgerfestes. Menschen miteinander in Verbindung zu bringen, Fäden zu anderen zu knüpfen – das machen Sie alle, liebe Gäste, mit dem, was Sie für andere tun, für unsere Gesellschaft tun, mit Ihrem Engagement jenseits von Auftrag und Pflicht, mit Ihrem Engagement im Ehrenamt. Rund 2.000 Engagierte aus 16 Bundesländern und allen Bereichen des Ehrenamts sind heute Abend hier. Stellvertretend für die vielen anderen Millionen: Ihnen ein herzlicher Dank und ein herzliches Willkommen!
Ehrenamt, das ist weder selbstverständlich noch weltweit üblich. Aber wir stehen in Deutschland auch nicht allein damit. Wie hier bei uns gibt es auch in der japanischen Gesellschaft viele, die sich für den Zusammenhalt engagieren. Das habe ich selbst während meiner Reisen nach Japan erlebt. Ich erinnere mich etwa gut daran, wie ich beim Besuch 2022 – zwischen den Regalen einer Buchhandlung mitten in Tokio – mit jungen Erwachsenen aus Japan und Deutschland darüber gesprochen habe, was es bedeutet, Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen. Mich hat es beeindruckt, mit welcher Selbstverständlichkeit viele junge Menschen dort bereit sind, sich einzubringen und für andere da zu sein.
Wir freuen uns deshalb sehr, dass mit Japan zum ersten Mal ein Land aus Asien und zugleich ein so wichtiger Wertepartner und guter Freund Gastland beim Bürgerfest ist. Sehr geehrter Herr Minister Kiuchi, unsere Länder stehen ein für Freiheit, Rechtsstaat und Demokratie und sind einander eng verbunden. Ein besonders herzliches Willkommen Ihnen und allen japanischen Gästen, die heute hier sind. Irasshaimase!
Liebe Gäste, bei aller Freude darüber, dass Sie hier sind, und über das Bürgerfest – ein bisschen Wehmut mischt sich in die Freude: Auch wenn es bis zum Ende meiner Amtszeit noch einige Monate hin sind, ist es unwiderruflich das letzte Bürgerfest, zu dem ich einladen durfte. Und dass wir es hier feiern, erlaubt einen kleinen Blick zurück auf meine Zeit am und im Bonner Amtssitz des Bundespräsidenten. Einen Amtssitz, den ich gern genutzt habe und – die Bonner wissen es: Ich bin immer wieder gern hierhergekommen. Zuletzt etwa zur Wiedereröffnung der Beethovenhalle oder zum Gedenken anlässlich des 50. Todestages von Gustav Heinemann im Juli, zum Jazzkonzert am Vorabend hier im Garten – und dies sind nur einige Beispiele für viele unvergessliche Erlebnisse und Begegnungen, die wir in der Bundesstadt und insbesondere in der Villa Hammerschmidt hatten. Danke, liebe Bonnerinnen und Bonner, für Ihre große Gastfreundschaft, die wir in all den zehn Jahren genießen durften!
Aber Bonn – das steht für so viel mehr. Es steht für den demokratischen Neuanfang unseres Landes nach der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Für unser Grundgesetz, für demokratische Selbstbestimmung, Weltoffenheit und internationale Zusammenarbeit, gute Nachbarschaft in Europa – die Grundlagen für all dies wurden hier in Bonn gelegt. Und ich finde, wir haben allen Grund, darauf stolz zu sein und das, was hier begonnen hat, weiterzutragen an künftige Generationen: Freiheit, Rechtsstaat und Demokratie. Das müssen wir vor denen schützen, die all das verachten und mit Füßen treten. Darauf kommt es jetzt an! Völkisches Denken und nationalistische Abschottung sind keine Antwort auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.
Bonn hat sich früh und erfolgreich bemüht, die Welt einzuladen, um gemeinsam Antworten zu finden, die tragen. Viele Organisationen der Vereinten Nationen haben hier ihren Sitz, vor allem solche im Bereich Umwelt- und Klimaschutz. Nicht erst seit der Katastrophe von Nepal sollte doch klar sein: Nur als globale Verantwortungsgemeinschaft haben wir eine Chance, den Trend der immer weiter voranschreitenden Erderwärmung umzukehren und die menschliche Zivilisation auf nachhaltige Grundlagen zu stellen. Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr internationale Zusammenarbeit!
Und wer nach diesem extremen Hitzesommer immer noch behauptet, es gebe keinen Klimawandel, dem empfehle ich einen Blick auf die historisch niedrigen Pegelstände der Flüsse in diesem Sommer. Ähnlich trostlos wie hier am Rhein war es an Mosel, Elbe, Donau. Extrem viele Hitzetage, Ernteausfälle, eine fast lahmgelegte Binnenschifffahrt, verheerende Waldbrände – hier in Bonn und längs des Rheins weiß man nicht erst seit diesem Sommer: Wir brauchen weltweit einen noch entschiedeneren Kampf gegen den Klimawandel. Aber wir brauchen doch ausgerechnet jetzt nicht auch noch Leugner des Klimawandels in den Regierungen!
Bonn ist ein guter Ort, um ein Fest zu feiern zu Ehren der Bürger, die Verantwortung übernehmen für sich und andere. Heute geht es um Sie, um das, was Sie für unser Land tun. Sie sind es, die mit Ihrem Engagement unser Grundgesetz mit Leben füllen – und darauf ist jede Demokratie so dringend angewiesen: auf Menschen, die mitmachen, Tag für Tag, an vielen Abenden, Wochenenden, Feiertagen, Menschen, die helfen, sich einbringen, ohne lang zu überlegen. Und dafür möchten meine Frau und ich Ihnen heute Abend Danke sagen: Danke für das, was Sie für unsere Gesellschaft, für unser Land tun – ob in der Nachbarschaft, bei der Hausaufgabenhilfe, beim Roten Kreuz oder Technischen Hilfswerk, bei der Betreuung von Flüchtlingen oder im Hospiz, beim Sport, in der Kultur und unzähligen anderen Aktivitäten. Wir brauchen gerade jetzt Menschen wie Sie. Und Sie alle brauchen die Unterstützung der vielen in unserem Land, der großen, aber oft zu stillen Mehrheit, die in einer Demokratie leben will. Der Mehrheit, die sich nicht pausenlos über andere empört, sondern selbst etwas tut, um die Dinge zum Besseren zu wenden. Ich glaube, nur so werden wir gemeinsam die Zukunft gewinnen.
Den Dank haben alle verdient. Aber weil wir gerade von Hitzesommer und Waldbränden geredet haben: Ein besonderer Dank geht an die Feuerwehrleute und Einsatzkräfte, die geholfen haben, die Brände in der Eifel und auch auf der anderen Seite der Grenze, in Belgien, zu löschen. Danke für Ihren Einsatz!
Ja, es stimmt: Mit Blick auf die Welt um uns herum und auch mit Blick aufs eigene Land – wir hatten’s schon mal leichter. Aber was mich glauben lässt an unser Land und zuversichtlich stimmt: Es war genau dieser Geist Ihres Engagements und des Miteinanders, es war dieser Geist, in dem wir in diesem Jahr zum ersten Mal den Ehrentag, den Geburtstag unseres Grundgesetzes, den 23. Mai, gewürdigt haben, mit Tausenden Freiwilligen im ganzen Land und tausendfachem Tun – sicher haben auch einige von Ihnen mitgemacht. Wenn ich mir heute etwas wünschen darf, dann das, dass diese Geschichte fortgeschrieben wird. Denn beim ehrenamtlichen Engagement geschieht etwas ganz Wichtiges: Menschen verbinden sich, sie kommen mit anderen Menschen zusammen, denen sie sonst vielleicht nie begegnet wären – Musubu eben auf Japanisch und auf Deutsch: Lasst uns stärken, was uns verbindet.
Das ist nicht immer einfach: Da treffen unterschiedliche Meinungen aufeinander, unterschiedliche Erfahrungen, unterschiedliche Bedürfnisse. Doch genau da, wenn wir uns im Verein, in der Nachbarschaft begegnen, wenn wir auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten, wenn wir Kompromisse suchen müssen – genau da fängt Demokratie an. Es ist doch so: In einer offenen Gesellschaft werden wir nie alle einer Meinung sein. Es kommt darauf an, wie wir mit Vielfalt, auch der Vielfalt an Meinungen umgehen. Suchen wir den Ausweg im Gegeneinander oder im Miteinander? Aus Wut und Empörung – das sehen wir täglich – entsteht keine Perspektive. Mit Hass und Hetze baut man keine Zukunft. Vertrauen wir auf das, was uns seit den Bonner Tagen stark gemacht hat: in Krisen nicht verzagen, Ärmel hochkrempeln und anpacken. Streiten wir, aber mit Respekt voreinander und basiert auf Fakten.
Stehen wir zusammen mit all denen, die unser Land voranbringen, die an Lösungen arbeiten, die Verantwortung übernehmen: Menschen wie Sie! Menschen, die an unsere Demokratie glauben und sie schützen und erhalten wollen. Und im Übrigen, vergessen wir eines nicht: Diese Menschen, wir, sind die Mehrheit!
Liebe Bonnerinnen und Bonner, liebe Gäste aus dem ganzen Land, erinnern wir uns heute alle zusammen: Hier in Bonn wurde nach dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte der Grundstein gelegt für unsere freiheitliche Demokratie, hier schufen kluge, weitsichtige Männer und Frauen unser Grundgesetz, das uns seither leitet. 1989 erkämpften sich die Menschen in der DDR in der ersten Friedlichen Revolution in Deutschland mit ungeheurem Mut Freiheit und Demokratie. Auf diesem stolzen gemeinsamen Erbe gründet unsere Demokratie – seit fast 36 Jahren in unserem wiedervereinten Land. Diese freiheitliche Demokratie ist eine Errungenschaft, sie ist ein Glück für uns alle. Freuen wir uns nicht nur darüber, sondern: Hüten wir sie gut! Stehen wir zusammen! Schützen und verteidigen wir sie gegen die Verächter der Demokratie!
Und nun danken meine Frau und ich der Stadt Bonn und unseren Partnern aus ganzem Herzen, dass wir heute hier feiern können. Für ein so großes Fest ist sehr viel Planung, Logistik und Know-how nötig, natürlich immer gepaart mit rheinischer Gelassenheit und Humor. Ohne Ihre Unterstützung wäre das Bürgerfest nicht möglich! Herzlichen Dank!
Und ich glaube, ich verspreche nicht zu viel, wenn ich sage, dass heute Abend und auch morgen ein wunderbares Programm auf Sie wartet: Musik von der Bigband der Bundeswehr über Gregor Meyle bis zu Wolfgang Niedecken, Gespräche mit KI-Experten heute Abend hier im Park und mit Klimaforschern morgen in der Antarktis, Kinderzirkus, Vorlesebühne und vieles andere mehr.
Ganz besonders freue ich mich auch auf die japanische Kultur – Trommelkunst und Schwertkampf, Kalligrafie und nicht zuletzt die Kochkunst, all das können Sie hier kennenlernen. Noch einmal meinen herzlichen Dank an unsere japanischen Gäste!
Und bei einem Fest im Rheinland darf natürlich eines nicht fehlen: Kölsch. Probieren können Sie aber auch Spitzenweine aus der Region, darunter sogar – passend zu Bonn – einen Beethoven-Wein. Die Liebe zu Beethoven wiederum, sie verbindet die Stadt Bonn mit unseren Gästen aus Fernost: In Japan ist es eine schöne Tradition, dass Chöre zum Jahreswechsel die „Ode an die Freude“ singen – und das auf Deutsch.
Liebe Gäste, nun wünschen meine Frau und ich Ihnen allen einen fröhlichen Abend. Das Bürgerfest des Bundespräsidenten 2026 ist eröffnet!