Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier

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Es hätte alles auch ganz anders kommen können: Das ist eine banale Weisheit, wenn man bedenkt, wie viel Kontingenz, wie viele Zufälligkeiten eine Rolle spielten, damit sich die Geschichte so entwickelte, wie sie faktisch geschehen ist. An vielen einzelnen Punkten könnte man fragen: Was wäre geschehen, wenn es hier nur ein klein wenig anders verlaufen wäre? Welche möglicherweise weitreichenden Entwicklungen wären die Folge gewesen?

Was wäre etwa geschehen mit dem Heiligen Römischen Reich, wenn die Mongolen im 13. Jahrhundert weitergezogen wären nach Westen und Süden, wenn nicht die Schlacht bei Liegnitz im Jahre 1241 der westlichste Punkt ihrer Eroberungen geblieben wäre? Liegnitz, im heutigen Polen, liegt gerade einmal 240 Kilometer entfernt von hier, von Berlin – nicht viel, wenn man an die ungefähr 6.000 Kilometer denkt, die unser Land von der heutigen Mongolei trennen.

Manchmal können solche historischen Spekulationen der Art des „Was wäre gewesen, wenn …?“ tatsächlich zu Erkenntnissen führen. In diesem Falle zum Beispiel wird uns vielleicht eines sehr deutlich vor Augen geführt: Wenn wir heute davon reden, dass die Globalisierung die Welt zum Dorf werden lasse, dass alles immer enger zusammenrücke und dass vieles, was anscheinend weit weg geschieht, uns doch früher oder später auch angeht, so war das in der Zeit, die Europa das Mittelalter nennt, manchmal nicht viel anders.

Anscheinend am ganz anderen Ende der Welt, viele Tausend Kilometer entfernt, war ein Mann mächtig geworden, der ein riesiges Reich einigte, der ihm Verwaltungsstrukturen gab, eine starke Armee, einen quasi unbesiegbaren Willen zu Eroberung und Herrschaft – und nicht viel später standen seine Nachfahren vor den Toren eines zu Tode erschrockenen Europa.

Dschingis Khan ist eine der bedeutendsten und gewaltigsten Herrschergestalten, die die Weltgeschichte gesehen hat. „Gewaltig“ gilt dabei in vielerlei Hinsicht: Seine Eroberungen haben ganze Kulturkreise, ganze Landstriche, vor allem ungezählte Menschen hinweggefegt. Dieser gewaltige Dschingis Khan bewegt bis heute Vorstellungen und Fantasien vieler Menschen weltweit. Die Washington Post hat ihn 1995 zum Mann des Jahrtausends gewählt. Tatsächlich wäre ohne ihn ein großer Teil der Geschichte Asiens, aber auch des östlichen Europas anders verlaufen. Und sicher könnte man ohne ihn und sein gewaltiges Einigungswerk nicht in dieser Weise von der „Welt der Mongolen“ sprechen, wie das diese Ausstellung tut, die wir heute eröffnen können. Dass im Titel die Welt der Mongolen und Dschingis Khan aufs Engste miteinander verknüpft sind, ist – nach allem, was ich gelernt habe – gar nicht anders denkbar.

Dass diese Ausstellung ausgerechnet hier in Berlin, in Deutschland stattfindet, ist alles andere als ein Zufall. Schon lange, seit 1999, gibt es eine intensive und fruchtbare archäologische Zusammenarbeit. Vor zwölf Jahren, liebe Professorin Friederike Fless, haben wir gemeinsam in der Mongolei eine weitere Etappe dieser Zusammenarbeit beginnen lassen können, nämlich die gemeinsame Grabung und Konservierung in der alten Hauptstadt Karakorum. Vor zwei Jahren dann, bei meinem Staatsbesuch in der Mongolei – aus Anlass von 50 Jahren diplomatischer Beziehungen unserer Länder – haben wir die Vereinbarung über diese neue und große Ausstellung unterzeichnet.

Mein besonderer Dank gilt Ihnen, verehrter Professor Matthias Wemhoff, und Ihnen, Professor Chuluun Sampildondov, dass Sie dieses großartige Projekt so beherzt vorangetrieben haben in vergleichsweise kurzer Zeit. Und dass wir heute, noch vor Ende meiner Amtszeit, das Ergebnis dessen besichtigen können, was damals, vor zwei Jahren beschlossen wurde, darüber freue ich mich wirklich besonders.

Wer heute diese Ausstellung besucht, macht eine weite Reise durch Zeiten und Räume. Es ist eine Ausstellung, die uns mit Menschen sozusagen vom anderen Ende der Welt und aus lang vergangenen Zeiten bekannt macht. Wir begegnen einer faszinierenden, aber für uns Deutsche doch fremden Welt, einer Welt, die uns in Staunen versetzt und die uns mit ihren gesellschaftlichen und politischen Formen der Gemeinschaftsbildung und mit ihren kulturellen Schöpfungen immer wieder überrascht.

Wir sind längst nicht die ersten Europäer, die vor den Schätzen und Kostbarkeiten der mongolischen Kultur stehen und staunen. Es ist interessant und sehr erhellend, wenn in dem Teil der Ausstellung, der sich der werdenden und wachsenden Hauptstadt Karakorum widmet, der so wichtigen Gründung Dschingis Khans, wenn dort ein europäischer Reisender zu Wort kommt, der sich schon um 1253 herum diese Stadt ansehen konnte. Der Franziskanermönch Wilhelm von Rubruk lässt uns mit seinen Beschreibungen lebhaft teilnehmen: an dem Leben, das er beobachtet, an seiner Verwunderung über manches und an seinem ohne jeden europäischen Dünkel formulierten Staunen über all das Ungewohnte, über die Schönheit und die Größe, die sich seinen Augen zeigten. Um das alles sehen und formulieren zu können, muss diese fremde Welt seinem europäisch geprägten Verstand irgendwie zugänglich, ja einleuchtend gewesen sein.

Ja, vielleicht ist das Überraschendste gar nicht die Fremdheit der in Zeit und Raum so fernen Kultur, sondern die Tatsache, dass wir für sie Verständnis haben können, dass wir auf so ursprünglich und so allgemein Menschliches stoßen. Nein, wir stoßen beileibe nicht auf das, was wir schon immer gewusst, gekannt, begriffen haben. Es gibt so viel Neues und Überraschendes. Aber wir sehen etwas, was wir innerlich verstehen können.

Wir können sagen: Es gibt keine Kultur, die uns nicht etwas von der Existenz des Menschen auf dieser Welt erzählen könnte, das auch andere begreifen und das auch andere zutiefst angeht. Liebe und Schmerz, Stolz und Trauer, Hoffnung und Verzweiflung: Emotionen, die wir alle kennen und die auf so unterschiedliche Weise zum Ausdruck kommen – und verstanden werden können. Das werden wir auch hier, in dieser Ausstellung wieder erfahren.

Ich danke allen, die uns diese wunderbare Ausstellung ermöglicht haben, und ich wünsche ihr viel Erfolg und den verdienten Zuspruch und Zulauf! Diesmal sind die Mongolen tatsächlich bis nach Berlin gekommen – auf sehr friedliche Weise!