bei einer Vernissage zur Eröffnung der Ausstellung "Freiraum Kunst“ am 12. Juni 2026 in Berlin:
- Bulletin 60-2
- 13. Juni 2026
Was für ein wunderbarer Abend hier in Bellevue! Die Sonne brennt nicht mehr ganz so heiß vom Himmel, wie wir befürchtet haben, aber der Ehrenhof hat sich gut gefüllt, das freut mich. Und ich sehe auch eine große Vorfreude auf die Kunst, die uns gleich im Schloss erwartet. Ich freue mich sehr, dieses eine Mal noch so viele Gäste hier an diesem Ort begrüßen zu dürfen! Denn, Sie alle wissen: Das Schloss, aber auch das Bürogebäude, das eigentliche Amtsgebäude nebenan, und die ganzen Sicherheitseinrichtungen, die Sie mindestens von ferne gesehen haben, werden umfangreich saniert, und der Amtssitz des Bundespräsidenten wird für mehrere Jahre verlegt.
Anfang Juli ziehen wir mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in einen Amtssitz am Spreebogen um, nur ein paar hundert Meter weiter Richtung Hauptbahnhof. Und vielleicht verstehen Sie, dass wir natürlich jetzt ein bisschen von Aufbruchstimmung beseelt sind. Aber je näher der Tag kommt, an dem wir tatsächlich umziehen, ist das Ganze auch gemischt mit Wehmut und mit Abschiedsschmerz. Umso schöner, dass ich jetzt noch einmal – ein letztes Mal – sagen darf: Meine Damen und Herren, seien Sie uns alle ganz herzlich willkommen im Schloss Bellevue!
Es ist eine einzigartige und einmalige Ausstellung, die wir heute Abend eröffnen. Den Titel „Freiraum Kunst“, den Sie oben auf dem Dach lesen können oder vielleicht in den letzten Tagen schon gelesen haben, dürfen Sie dabei ganz wörtlich verstehen. Denn in den vergangenen Wochen haben unsere Umzugshelfer das Schloss leergeräumt. Sie haben Teppiche aufgerollt, Möbel verpackt, Gemälde von den Wänden genommen, die beiden riesigen Farbraumkörper von Gotthard Graubner abmontiert – was ein großes Unternehmen war –, die Büsten von Friedrich dem Großen, Kant und Voltaire in Kisten verstaut – und alles in den letzten Tagen nach und nach abtransportiert. Zurückgeblieben ist ein jetzt schon fast leeres Schloss, ein flüsternder Freiraum. Und ich freue mich sehr, dass Andreas Mühe diesen historischen Moment mit der Kamera festgehalten hat. Es sind wunderbare, großartige Fotos geworden, die gestern in einer umfangreichen Beilage zur Süddeutschen Zeitung bewundert werden konnten. Andreas Mühe ist hier, ich sage danke und herzlichen Glückwunsch dazu!
Dass dieses Schloss irgendwann nach dem Ausräumen der Säle und vor dem Beginn der Sanierungsarbeiten für ein paar Tage oder Wochen leer stehen würde, war eigentlich keine Neuigkeit, das wussten wir auch schon Ende des letzten Jahres. Und leere Räume, auch imaginierte, vorgestellte leere Räume, werfen ja unweigerlich die Frage auf: Was macht man damit, wie füllt man das, wie nutzt man es?
Und dann kam plötzlich eine gute Idee, wie ich finde. Aber die gute Idee kam – wie das häufig ist bei guten Ideen –, sie kam eigentlich viel zu spät. Dachten wir jedenfalls. Doch zum Glück gab es viele, die entschlossen waren, das scheinbar Unmögliche möglich zu machen, und diese Idee dann mit viel Enthusiasmus in die Tat umgesetzt haben. Ich denke da an die Initiatoren Christian Awe, El Bocho, Christopher Lehmpfuhl und Matthias Deiß und natürlich besonders an die Akademie der Künste (AdK), die sich ganz spontan bereit erklärt hat, eine Kunstausstellung zu kuratieren und das Schloss in eine Art Pop-up-Galerie zu verwandeln.
Lieber Herr Tsangaris, lieber Herr Ngo, das Konzept werden Sie gleich noch selbst vorstellen für uns alle. Ich freue mich jedenfalls sehr, dass es Ihnen gelungen ist, eine so große Zahl namhafter Künstlerinnen und Künstler zu gewinnen, die alle zusammen für das vereinte, für das vielfältige Deutschland stehen. Dafür meinen herzlichen Dank an Sie beide, an Bettina Huber und das gesamte Team der AdK. Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben mir wirklich von der Zusammenarbeit mit Ihnen vorgeschwärmt. Ohne diese würden wir heute Abend nicht bei dieser Vernissage zusammenstehen. Und deshalb danke für das gute Miteinander, was in diesen wenigen Wochen entstanden ist. Herzlichen Dank!
Und danken will ich ganz ausdrücklich auch den vielen Förderern und Unterstützern, die dieses außergewöhnliche Kunstereignis überhaupt erst möglich gemacht haben: dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, der BMW-Foundation Herbert Quandt und der Decker-Art-Foundation, den Stiftungen am Grunewald, Stadtkultur und Kunstforum Berliner Volksbank, Bertelsmann, Würth, Gesamtmetall und einige andere.
Sie ahnen es schon: Allen Beteiligten – den Künstlerinnen und Künstlern, der AdK, den Förderern und auch dem Schirmherrn der Ausstellung –, allen geht es beim „Freiraum Kunst“ um mehr als nur um das Füllen leer geräumter Räume. Uns alle treibt die Sorge um, dass die Bedeutung von Kunst und Kultur inmitten der aktuellen gesellschaftlichen Debatten oder Auseinandersetzungen in den Hintergrund zu geraten droht. Und das schmerzt die Kulturschaffenden, aber das schmerzt auch jemanden wie mich, den Literatur, Theater, Film und Jazz sein Leben lang begleitet haben.
Kunst und Kultur einzuladen, ihre Gedanken, Reaktionen und Kommentierungen zu gesellschaftlichen Fragen gerade auch in den stattfindenden Veränderungsprozessen beizutragen, das sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Denn demokratische Gesellschaften leben von unterschiedlichen Stimmen. Kunst macht unterschiedliche Erfahrungen, Prägungen und Lebensrealitäten sichtbar, spürbar. Kunst in diesem Sinne ist kein Luxus, sondern essenzieller Teil demokratischer Debatte, weil sie gesellschaftliche Erinnerung bewahrt, weil sie den Status quo infrage stellt, weil sie den Finger in manche Wunde legt und weil sie in der ihr eigenen Näherungsweise zur Realität vielleicht auch ganz überraschende Perspektiven nach vorne bieten kann.
Und ich glaube, Kunst spürt in diesen Umbruchsituationen vielleicht eher als andere gesellschaftliche Entitäten, schneller als andere, was in der Luft liegt, antizipiert es, findet Sprache und Form für das Neue und bearbeitet es bereits, während andere noch einzuordnen versuchen, was sich in den Substrukturen der Gesellschaft entwickelt und bewegt. Mit anderen Worten und ganz kurz: Wir als Gesellschaft brauchen Kunst.
Eine Demokratie ohne freie Kunst verliert die Fähigkeit zur Selbstkritik. Eine Kunst ohne Freiheit verliert ihre gesellschaftliche Relevanz. Und, ganz wichtig: Freiräume der Kunst sind Orte, an denen wir uns darüber verständigen können, was wir bewahren und was wir verändern wollen. Kunst und Kultur beleben das Gespräch unserer Gesellschaft über sich selbst, ein Gespräch, in dem die Gesellschaft sich in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit erlebt und dadurch vielleicht gerade erkennt, dass damit umzugehen ist, mit dieser Vielfalt und Unterschiedlichkeit.
Und dann finde ich, dass diese Ausstellung auch deshalb eine tolle Idee ist, weil sie in den kommenden beiden Wochen – und das wissen wir jetzt schon – Tausenden von Bürgerinnen und Bürgern die Gelegenheit gibt, wirklich herausragende Werke zeitgenössischer Kunst zu sehen und sich dabei zugleich von dem, eigentlich von ihrem Schloss, dem der Bürgerinnen und Bürger, vorübergehend zu verabschieden. Denn als Amtssitz des Bundespräsidenten war dieses Schloss – und so habe ich das auch immer als Aufgabe verstanden – immer ein offenes Schloss. Viele Menschen kennen es von Bürgerfesten, Konzerten, Kulturabenden, unzähligen Diskussionsforen. Und genau so, als Ort des Austausches, soll Schloss Bellevue bis zu seiner Wiedereröffnung in Erinnerung bleiben. Und ich darf Ihnen versprechen: Die offene, demokratische Atmosphäre dieses Ortes, die werden wir mitnehmen an den neuen Amtssitz am Spreebogen.
Die Ausstellung hier im Schloss Bellevue erinnert uns daran, dass die liberale Demokratie die Freiheit der Kunst garantiert. Aber sie erinnert uns auch daran, dass es an uns ist, diese Freiheit Tag für Tag und immer wieder aufs Neue zu verteidigen. Und damit meine ich die Verantwortlichen in der Politik, aber ebenso die Bürgerinnen und Bürger! Wir alle sind es, die den Freiraum Kunst schützen müssen, wo und von wem auch immer er angegriffen wird. Tun wir es also!
Ich wünsche allen Besucherinnen und Besuchern der Ausstellung ein inspirierendes Kunsterlebnis. Und ich wünsche Ihnen und uns allen eine schöne – vorerst letzte – Vernissage hier im Schloss Bellevue. Danke, dass Sie gekommen sind. Herzlich willkommen!